Bundesinstitut für Migrationsforschung : Wie der Mainstream bunter wird

Das neue Berliner Bundesinstitut für Migrationsforschung DeZIM diskutiert zum "inhaltlichen Auftakt", wie sich die Mehrheitsgesellschaft ändern muss.

Valentin Feneberg
Musikfans jubeln bei einem Festival in New York.
Miteinander. Begeistertes Publikum beim The Meadows Music & Arts Festival an diesem Wochenende in New York City.Foto: Angela Weiss/AFP

„Sozialer Wandel durch Migration“ soll eines der Themen des Berliner Zentrums für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM) sein. Noch hat es seine Arbeit nicht aufgenommen, die Professuren werden erst im kommenden Jahr besetzt. Doch Gründungsdirektorin Naika Foroutan will schon jetzt „Wissenschaft, Politik und Öffentlichkeit einbinden und ins Gespräch bringen“, wie sie am Freitag bei der inhaltlichen Auftaktveranstaltung an der Humboldt-Uni versprach.

Was das mit Mitteln des Bundesfamilienministeriums ins Leben gerufene DeZIM künftig beschäftigen soll, ist für Festredner Richard Alba seit Jahrzehnten eine der zentralen Forschungsfragen. Der New Yorker Soziologe stellte die Auswirkungen der Einwanderung auf die „Mainstream-Gesellschaft“ zur Diskussion. Die USA teilten mit Deutschland die großen sozialen Veränderungen, die durch die demographische Entwicklung und Einwanderung verursacht würden, sagte Alba.

Kulturelle Identitäten werden erweitert

Integration funktioniere nur dann, „wenn Differenzen bestehen bleiben können“. Albas Begriff „Mainstream“ statt „Mehrheit“ beschreibt die kulturellen und sozialen Bereiche, in denen die ethnische Mehrheit („the Whites“) „zu Hause“ ist. Durch die Alterung der Baby-Boomer-Generationen entstehe allerdings, wie in Deutschland, ein Vakuum. Es lasse Platz für ehemals marginalisierte Gruppen, die nun einen besseren Zugang zum Arbeitsmarkt, also zum Mainstream hätten. Ehen zwischen Menschen verschiedener Herkunft nähmen zu, die Kinder vereinten verschiedene kulturelle Identitäten in sich.

„Der Mainstream wird erweitert“, sagte Alba. Die deutliche Sichtbarkeit kultureller Vielfalt ändere gleichwohl nichts daran, dass die soziale Stellung noch immer stark von Herkunft und Hautfarbe abhänge. Die ethnische Mehrheit gebe ihre Machtstellung nicht auf, was echte Integration von Einwanderern erschwere.

Das Grundgesetz als Mainstream, auf den man sich einigen kann?

Auf dem Podium stellte der stellvertretende „Zeit“-Chefredakteur Bernd Ulrich dann die Frage, ob die Holocaust-Schuld, die in der deutschen Identität verankert sei, Integration von Einwanderern erschwere. Eine solche Identität sei nicht so leicht zu adaptieren wie das positive amerikanische Nationalgefühl. Diskutiert wurde auch, ob in Deutschland die Wertegemeinschaft im Rahmen des Grundgesetzes das sein könnte, was Richard Alba als „Mainstream“ definiert. Vanessa Barth von der IG Metall zeigte sich skeptisch: „Die Meisten wissen ja nicht einmal, was genau drin steht.“ Ralf Kleindiek, Staatssekretär im Bundesfamilienministerium, rügte die Versäumnisse in der Integration der Gastarbeiter – und plädierte für eine Migranten-Quote für Führungspositionen in seinem Ministerium.

Viele Fragen, die es am DeZIM und in der „DeZIM-Gemeinschaft“ bereits bestehender Institute zu beantworten gilt, wurden gestellt. Sie zu beantworten braucht mehr Zeit als einen engagierten Abend. Erklärtes Ziel des Zentrums ist es schließlich, die politischen Debatten über Migration und Integration auf ein starkes wissenschaftliches Fundament zu stellen.

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