Carlo Ginzburg : Die Welt im Kleinen suchen

Dass räumlich und zeitlich scheinbar unverbundene Phänomene einander beleuchten und unter dem analytischen Blick des Historikers zu neuen geschichtlichen Erkenntnissen führen können, zeichnet sein Denken aus. Carlo Ginzburg, der Begründer der Mikrogeschichte, forscht jetzt in Berlin.

Sibylle Salewski

Ein Müller aus dem italienischen Friaul hat Carlo Ginzburg bekannt gemacht. Domenico Scandella, genannt Menocchio – diesen Namen hatte sich der Historiker notiert, als er 1962 in einer Inquisitionsakte auf dessen merkwürdige Kosmologie stieß: „Ich habe gesagt, dass, was meine Gedanken und meinen Glauben anlanget, alles ein Chaos war“, gab der Müller 1584 vor dem Inquisitionsgericht zu Protokoll und fuhr fort, „nämlich Erd’, Luft, Wasser und Feuer durcheinander. Und jener Wirbel wurde eine Masse, gerade wie man den Käse in der Milch macht, und darinnen wurden Würm’, und das waren die Engel.“ Die Neugierde und Verblüffung über diese außergewöhnliche Aussage ließ Carlo Ginzburg, der eher zufällig auf diese Akten gestoßen war, nicht los. Er begann genauer nachzuforschen.

„Der Käse und die Würmer: Die Welt eines Müllers um 1600“ lautet der deutsche Titel des Buchs, das daraus entstand und in 15 Sprachen übersetzt wurde. In ihm rekonstruiert Ginzburg das Leben, die soziale Umgebung und das Weltbild des bis dahin völlig unbekannten Müllers Menocchio, der als Ketzer 1599 auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde.

Das Buch ist ein Standardwerk der Mikrogeschichte, eines Geschichtszweigs, den Carlo Ginzburg Ende der 1970er Jahre mitbegründete. „Mikrogeschichte wirft einen intensiven analytischen Blick auf die Detailebene von Phänomenen“, erklärt Ginzburg. Er wehrt sich gegen das Missverständnis, dies ließe sich gleichsetzen mit einer Beschäftigung mit kleinen Themen: „Sich mit einem bestimmten Fall, einer Person, einem Ereignis zu befassen, bildet die Grundlagen für eine tiefergehende Verallgemeinerung.“ Heute hat die Mikrogeschichte einen festen Platz in der Geschichtswissenschaft.

Die Alexander-von-Humboldt-Stiftung hat Carlo Ginzburg jetzt mit ihrem mit 60 000 Euro dotierten Forschungspreis für sein Gesamtwerk ausgezeichnet. Darin nimmt das Leben von Menocchio nur einen kleinen Teil ein. Ginzburg hat sich intensiv mit Kunstgeschichte und Literatur, Anthropologie und der Methodik seines Fachs beschäftigt. „Für mich war Geschichte nie eine Festung, sondern ich habe sie immer als Hafen verstanden, von dem aus man in viele Richtungen aufbrechen kann“, sagt Ginzburg.

Der Sohn der italienischen Schriftstellerin Natalia Ginzburg wurde 1939 in Turin geboren. Sein Vater Leone Ginzburg war im antifaschistischen Widerstand aktiv und starb 1944 im Gefängnis in Rom, nachdem er dort von der Gestapo gefoltert wurde. Carlo Ginzburg war Professor an der Universität von Kalifornien, seit 2006 lehrt er in Pisa. Das Humboldt-Preisgeld nutzt er, um in Berlin am Zentrum für Literatur- und Kulturforschung an einem Buch über die Analogie von biologischer Reproduktion und der Vervielfältigung von Dingen im Mittelalter zu arbeiten.

Dass räumlich und zeitlich scheinbar unverbundene Phänomene einander beleuchten und unter dem analytischen Blick des Historikers zu neuen geschichtlichen Erkenntnissen führen können, zeichnet Ginzburgs Denken aus. Es hat ihn zugleich zu einem Außenseiter und zu einem mit vielen Preisen ausgezeichneten Vorreiter seines Fachs gemacht, der sich quer zu den ideologischen Bruchlinien der Geschichtstheorie stellt. „Für naive Positivisten sind historische Evidenzen wie ein durchsichtiges Glas, für postmoderne Skeptiker hingegen ist jede Evidenz eine Mauer, hinter die man nicht blicken kann“, sagt Ginzburg. Gegen beide Auffassungen kämpft er seit vielen Jahren. Die Frage nach dem Verhältnis von Fiktion und Geschichte fasziniert ihn. „Mir geht es aber nicht darum, diese Grenze zu verwischen, sondern darum, das Wechselspiel zwischen beiden zu betrachten“, sagt Ginzburg. „Fiktion und Geschichtsschreibung stehen im Wettbewerb miteinander. Beide wollen die Realität repräsentieren, aber sie benutzen unterschiedliche Methoden und Werkzeuge.“

Seine Forschungsmethoden, sagt er, seien ganz gewöhnlich. „Ich lese Bücher, gehe in Bibliotheken, reise.“ Er vergleicht seine Tätigkeit mit einem Spaziergang durch eine große Stadt: „Man bewegt sich und trifft auf einmal unerwartet jemanden. In diesem Sinne unterscheidet Forschung sich nicht von dem, was jeder tut.“

Zum Forschen gehören auch Charakterzüge, die etwas Unheimliches haben können. Während einer Konferenz in Bad Homburg besuchte Ginzburg das dortige Casino: „Ich war sehr aufgeregt, weil dies der Ort aus Dostojewskis ,Der Spieler’ ist.“ Er spielte Roulette und gewann. „Ich habe nur zweimal gespielt, das zweite Mal konnte ich mich kontrollieren. Aber das erste Mal habe ich realisiert, dass ich auch ein Spieler hätte werden können. Das hätte mein Leben zerstört.“ Das sei mehr als nur eine Anekdote, denn Risiken einzugehen gehöre zum Forschen: „Wenn man keine Risiken eingeht, dann kann man nichts verstehen, das wirklich von Bedeutung ist, weil man sich mit dem zufrieden gibt, was wir bereits wissen.“

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