CCS-Gesetz : Operation Untergrund

Nach Merkels Machtwort: Forscher sind erzürnt, weil die Lagerung von Kohlendioxid verzögert wird. Mit einer Anzeige in der Zeitung werben Forscher für Verständnis.

Ralf Nestler
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Die Lösung erscheint einfach: Wenn Kohlendioxid (CO2) in der Atmosphäre die Erderwärmung beschleunigt, darf es eben nicht in die Lufthülle gelangen. Man muss es nur einfangen und an einem sicheren Ort deponieren. Seit Jahren arbeiten Wissenschaftler daran, diese Idee umzusetzen. CCS (carbon capture and storage) heißt das Verfahren. Dabei soll aus dem Abgas von Kraftwerken das CO2 separiert und in tiefe Gesteinsschichten gepresst werden.

Um die Technik im großen Stil einzusetzen, müssen aber rechtliche Fragen geregelt werden. Die reichen von der Nutzung des Untergrundes bis zur Haftung bei Havarien. In den vergangenen Monaten wurde ein entsprechendes Gesetz erarbeitet, das die kommerzielle CO2-Lagerung erleichtern soll. Doch es kam anders. Ausgehend von Protesten in Schleswig-Holstein gegen ein solches Projekt, brach innerhalb der Union heftiger Streit aus. Am Mittwoch entschied Bundeskanzlerin Angela Merkel: Das CCS-Gesetz wird in dieser Legislaturperiode nicht mehr zur Abstimmung vorgelegt.

Nicht nur die Energieversorger sind enttäuscht, denen das Gesetz eine Planungssicherheit für den Bau entsprechender Kraftwerke und Untergrundspeicher bringen sollte. Geologen wie Maschinenbauingenieure fürchten, dass die Forschungen zu dieser Technik jetzt weniger schnell vorankommen. Damit ginge einerseits wichtige Zeit für den Klimaschutz verloren, andererseits drohten die hiesigen Forscher im internationalen Vergleich ins Hintertreffen zu geraten.

„Ich stimme mit den Kritikern darin überein, dass die Technik zum jetzigen Zeitpunkt nicht als vollendete Klimarettung verkauft werden darf“, sagt der Geowissenschaftler Andreas Dahmke von der Universität Kiel. Es sei noch nicht klar, ob wirklich große Mengen CO2 langfristig sicher im Untergrund gelagert werden können. „Gerade deshalb sollten wir weiter forschen, um herauszufinden, ob CCS ein geeignetes Mittel für den Klimaschutz ist.“ Doch das könnte für ihn und seine Kollegen zum Problem werden. Im aktuellen Streitfall will der Energiekonzern RWE Dea in Schleswig-Holstein den Untergrund auf seine CO2-Deponieeigenschaften erkunden. Dazu sind seismische Versuche geplant, bei denen die Schockwellen künstlicher Explosionen durch die Erdschichten laufen und von Geofonen aufgezeichnet werden. Geophysiker können aus den Daten den Aufbau der einzelnen Sedimentschichten rekonstruieren. Auch Erkundungsbohrungen sind geplant, um das Gestein aus der Tiefe zu analysieren. „Wenn aber keine seismischen Untersuchungen erfolgen und keine Bohrungen vorhanden sind, kommen wir mit unseren Forschungsprojekten nicht weiter“, sagt Dahmke.

Als hätten sie Merkels Machtwort geahnt, entschlossen sich Dahmke und einige Kollegen, zu handeln. Vor einer Woche formulierten sie einen Aufruf an die Bevölkerung, in dem sie darum bitten, die Forschungen zu ermöglichen. Der Bauernverband hatte nämlich dazu aufgerufen, den Seismiktrupps den Zugang zu den Äckern zu verwehren. „Erst auf der Grundlage sorgfältiger Erkundungen können wir eine fundierte Risikobewertung abgeben“, erläutern die Wissenschaftler in dem Aufruf, der in Form einer Anzeige am Sonnabend in den „Kieler Nachrichten“ und den „Husumer Nachrichten“ erschien. Weiter fordern sie die politischen Parteien und Interessenverbände auf, das Thema CCS nicht für die Wahlkampfprofilierung zu missbrauchen. Binnen weniger Tage fanden sich 99 Kollegen aus ganz Deutschland, die diesen Aufruf unterschrieben und die Kosten für die Anzeige aus eigener Tasche bezahlten.

Michael Kühn vom Geoforschungszentrum Potsdam sieht die Lage weniger dramatisch. „Unsere Versuche am CO2-Speicher in Ketzin sind von dem Beschluss nicht betroffen, die können fortgesetzt werden“, sagt er. Seit einem Jahr wird dort Kohlendioxid in die Tiefe gepumpt. Mit verschiedenen Verfahren beobachten die Forscher, wie sich das Gas im Untergrund verhält und ob die Lagerstätte dicht ist. Das ist bislang der Fall.

Merkels Entscheidung könnte dennoch Folgen für die Potsdamer Wissenschaftler haben. Sie sind nämlich auch an einem Speicherprojekt in der Altmark beteiligt, wo Vattenfall demnächst CO2 aus dem Kraftwerk Schwarze Pumpe in den Untergrund bringen will. Und die Genehmigung dafür hatte das Wirtschaftsministerium von Sachsen-Anhalt an das CCS-Gesetz geknüpft. Noch hat das Magdeburger Ministerium nicht entschieden. „Sollte das Vorhaben nicht genehmigt werden, müssen wir gemeinsam mit dem Bundesforschungsministerium überlegen, wie es weitergeht“, sagt Kühn.

Doch nicht nur Geowissenschaftler sind vom Aufschub des Gesetzes betroffen. Mit der Abtrennung des CO2 aus dem Abgas, dem Transport in Rohrleitungen und Verfahren zum Einpressen in den Untergrund sind vorrangig Ingenieure befasst. Einer der Forschungsschwerpunkte ist an der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus. „Wenn das CCS-Gesetz aufgeschoben wird, ist auch die Förderung für künftige Forschungsprojekte nicht mehr sicher“, sagt Hans Joachim Krautz, Professor für Kraftwerkstechnik. Deutschlandweit seien allein an den Universitäten gut 350 Ingenieure mit der CCS-Technik befasst, zahlreiche hochqualifizierte Mitarbeiter eigens dafür eingestellt worden. „Wenn unsere Projekte nicht fortgeführt werden können, gehen diese Leute in die freie Wirtschaft.“ Selbst wenn die Arbeitsgruppen nach einem halben Jahr neue Fördermittel bekämen, sei es sehr schwierig, die Experten zurück an die Unis zu holen.

Die Technik ist nicht nur für die heimischen Kraftwerke interessant, sondern könnte auch exportiert werden. „Aber die Konkurrenz im Ausland, vor allem in den USA, Frankreich und Skandinavien, ist groß“, sagt Krautz. „Bereits eine Pause von wenigen Monaten kann dazu führen, dass wir im internationalen Vergleich ins Hintertreffen geraten.“

Die dringende Suche nach Klimaschutzoptionen sollte allerdings nicht dazu führen, übereilt zu handeln, sagt Christian Hey, Generalsekretär des Sachverständigenrats für Umweltfragen. Aus Sicht dieses Beratergremiums hatte das CCS-Gesetz viele Schwachpunkte: Beispielsweise sollten die Energiekonzerne nur 30 Jahre lang für eventuelle Schäden haftbar gemacht werden. Anschließend sollte die Verantwortung auf die Bundesländer übergehen. „Man ist davon ausgegangen, dass die Versiegelung der CO2-Lager hält“, sagt Hey. „Aber nach gegenwärtigem Wissensstand kann niemand ernsthaft versichern, dass sie wirklich über Jahrtausende dicht bleiben.“ Aus seiner Sicht ist das Gesetz nach den Interessen der Kohleindustrie formuliert worden, was andere Nutzungen des Untergrunds wie die Stromerzeugung aus Erdwärme erschwert hätte.

Auch der Sachverständigenrat setzt sich dafür ein, CCS weiter zu erforschen. „Aber man sollte die Technik im Zusammenhang mit anderen Optionen für den Klimaschutz sehen“, sagt Hey. Das sei langfristig der Umstieg auf erneuerbare Energiequellen statt Kohle, Öl und Gas. Nach Ansicht der Experten ist das ab Mitte des Jahrhunderts machbar – sofern der Ausbau der Erneuerbaren nicht durch eine Vielzahl neuer Kohlekraftwerke verhindert wird.

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