Chancen für Migranten : "Sozialpädagogen in alle Schularten"

Der neue Präsident der Kultusministerkonferenz, Bernd Althusmann, spricht sich für den Einsatz von Sozialpädagogen in allen Schularten aus. So könnte es gelingen, herkunftsbedingte Unterschiede in den Bildungsbiografien insbesondere bei Schülern mit Migrationshintergrund auszugleichen.

Zusammenhalten. Mehr sozialpädagogische Betreuung könnte helfen, die soziale Schere in den Schulen zu schließen, sagt der neue KMK-Chef Bernd Althusmann (CDU). Für Jungen fordert er spezielle Leseangebote, die ihren Bedürfnissen entgegenkommen.
Zusammenhalten. Mehr sozialpädagogische Betreuung könnte helfen, die soziale Schere in den Schulen zu schließen, sagt der neue...Foto: ddp

Herr Althusmann, viele Bundesländer sparen bei der Bildung, die Hochschulen sind überfüllt und im Lesen sind die deutschen Schüler laut der jüngsten Pisa-Studie weiter Mittelmaß. Was bedeutet die Bilanz 2010 für Ihr neues Amt als Vorsitzender der Kultusministerkonferenz?

Nach dem Bildungsfinanzbericht 2010 sind die Bildungsausgaben der Länder von 1995 bis 2009 immerhin von 29 Prozent auf 34 Prozent gestiegen – im Verhältnis zu den Gesamthaushalten. Wir investieren also erheblich in das deutsche Bildungssystem, das viel stärker ist, als internationale Vergleichsstudien der vergangen Jahre vermuten lassen. Pisa 2009 hat vor allem Erfolge gezeigt. Jetzt gilt es aber, unsere Stärken weiter auszubauen. Dafür eröffnet etwa der demografische Wandel einen Gestaltungsspielraum von rund 20 Milliarden Euro für die nächsten 15 Jahre. Das Geld sollte im System bleiben, zur Verbesserung der pädagogischen Qualität und Betreuung insbesondere in unseren Schulen.

Sicher, Deutschland hat Fortschritte gemacht, was die schwächsten Schüler angeht. Trotzdem beträgt die Risikogruppe immer noch 18 Prozent. Wie wollen Sie dieses Problem als KMK-Chef angehen?

Wir müssen die frühkindliche Bildung weiter ausbauen, das letzte Kitajahr als Brückenjahr zur Grundschule betrachten. Aber auch in allen anderen Schulformen brauchen wir eine gezielte Sprachförderung gerade für Kinder mit Migrationshintergrund. Wir sollten diese Angebote verpflichtend gestalten. Zu oft werden Förderplätze nicht genutzt, weil Eltern ihren Verpflichtungen gegenüber ihren Kindern nicht nachkommen. Gleichzeitig sollten die Elternkurse ausgebaut werden. Darüber hinaus ist für alle Schüler eine gezielte Leseförderung in allen Fächern, nicht nur in Deutsch, wichtig. Und Jungen brauchen offensichtlich spezielle Leseangebote in der Schule, die ihren Bedürfnissen entgegenkommen.

Was halten Sie vom Bildungspaket der Hartz-IV-Reform? Ist das Gutscheinsystem sinnvoll?

Ich halte es für grundsätzlich richtig. Wenn Bund und Länder hier intensiv zusammenarbeiten, können wir Kinder aus sozial schwachen Familien besser als bisher unterstützen. Aber klar ist auch: Wir brauchen keine zweite Verwaltungsstruktur neben den Schulen, sie sind der Ort, an dem der individuelle Förderbedarf festgestellt wird. Für die Lernförderung sind dann die bestehenden schulischen und schulnahen Einrichtungen zuständig. Der private Nachhilfesektor sollte nicht mit öffentlichen Geldern ausgebaut werden.

Die SPD fordert eine Neuauflage des Ganztagsschulprogramms des Bundes – zu Recht?

Jetzt kommt es doch erst einmal darauf an, die Angebote der bereits in sehr großer Zahl entstandenen offenen Ganztagsschulen auch am Nachmittag qualitativ hochwertig auszubauen. Hier müssen die Länder entscheiden, was finanziell möglich ist. Lokale Netzwerke von Ganztagsschulen könnten sich gegenseitig ergänzen.

Das Gymnasium ist für viele Eltern unantastbar, wie auch die Volksentscheid-Niederlage der Bildungsreformer in Hamburg gezeigt hat. Eltern fürchteten dort, mit der sechsjährigen Grundschulzeit werde das Gymnasium angegriffen. Sie planen in Niedersachsen auch eine Schulreform. Welche Lehren ziehen Sie aus dem Hamburger Volksentscheid?

Wenn in den Ländern Schulstrukturen reformiert oder angepasst werden, wie etwa mit dem Zusammengehen von Haupt- und Realschulen in der neuen niedersächsischen Oberschule, dürfen wir keinesfalls die Gymnasien schwächen. In Niedersachsen wird die Oberschule nur dort um einen gymnasialen Zweig ergänzt, wo dies ohne Beeinträchtigung für die bestehenden Gymnasien möglich ist. Zwei weitere Lehren müssen wir ziehen: Erstens wünschen sich Eltern für ihre Kinder ein möglichst langes Offenhalten der Option auf einen hohen Bildungsabschluss. Und zweitens, Eltern wünschen sich kein ständiges Herumreformieren am Schulsystem. Für 2011 und die kommenden Jahre brauchen wir also Kontinuität und Stabilität im Bildungsbereich.

Die Länderetats für Schulen und Hochschulen schrumpfen, Bundesbildungsministerin Schavan kann dagegen sehr viel Geld ausgeben. Wäre es da nicht notwendig, das Kooperationsverbot von Bund und Ländern im Bildungsbereich aufzuheben?

Wir werden voraussichtlich bei der Sitzung der Kultusminister im März mit der Bundeskanzlerin über das Kooperationsverbot sprechen. Ich bin aber skeptisch, ob es zu einer Aufhebung kommt. Wünschenswert wäre allerdings eine Regelung, die in Einzelfällen Bundeshilfen zulässt. Generell sollte der Bund die Länder fiskalisch in die Lage versetzen, ihre Aufgaben in der Bildung zu erfüllen – zum Beispiel über einen höheren Anteil vom Mehrwertsteueraufkommen. Wenn wir das bei den Bildungsgipfeln gesetzte Ziel von zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts für Bildung wirklich erreichen wollen, müssen Bund, Länder und Kommunen gemeinsame Kraftanstrengungen unternehmen. Dabei sollte die Zuständigkeit der Länder für Bildung im Kern unangetastet bleiben.

Zurück zu den überfüllten Hochschulen: Allein wegen der Aussetzung der Wehrpflicht könnten in diesem Jahr 50.000 zusätzliche Studierende an die Unis drängen. Wie wollen die Länder so schnell so viele Studienplätze aufbauen?

Bund und Länder haben Anfang Dezember die Weichenstellungen dafür getroffen. Die Hochschulen werden in die Lage versetzt, die zusätzlichen Studienanfänger aufzunehmen. Allerdings bin ich wie meine Ministerkollegen der Ansicht, dass der Bund die Kosten für die zusätzlichen Plätze nicht nur zu 50 Prozent, sondern vollständig hätte übernehmen müssen.

Der Anteil von Studierenden mit Migrationshintergrund ist noch immer zu niedrig. Was muss geschehen?

Auch nach den ermutigenden Pisa-Ergebnissen, nach denen Schüler mit Migrationshintergrund bei den Kompetenzen stark aufgeholt haben, müssen wir weiter daran arbeiten, Unterschiede in den Bildungsbiografien auszugleichen. Neben der gezielten Sprach- und Leseförderung in den Schulen brauchen wir mehr sozialpädagogische Betreuung in allen Schularten. Der Unterricht bleibt die Kernaufgabe der Schule. Aber der gesamte Bereich der Förderung und Unterstützung muss mehr in den Blick genommen werden.

Mecklenburg-Vorpommern will das Diplom wieder einführen. Nicht nur die Hochschulrektorenkonferenz, auch Industrieverbände sind entsetzt, weil sie ein Durcheinander befürchten. Was halten Sie davon?

Die KMK wird sich 2011 sicher mit dem Vorgehen in Mecklenburg-Vorpommern beschäftigen. Wir sollten uns darauf einigen, das Bachelor-Master-System sinnvoll weiterzuentwickeln – und nicht etwa die Uhr zurückdrehen. Der Bologna-Prozess war richtig, um die internationale Anerkennung unserer Abschlüsse noch zu verbessern. Das Hochschulsystem sollte seine internationale Ausrichtung an keinem Punkt aufgeben.

Die Fragen stellten Amory Burchard und Tilmann Warnecke.

Bernd Althusmann (44; CDU) amtiert 2011 als Präsident der Kultusministerkonferenz. Seit April 2010 ist der studierte Pädagoge und Betriebswirt Minister in Niedersachsen

3 Kommentare

Neuester Kommentar