Charité : Klasse durch Masse

Beachtliche Bilanz: Ihre Größe macht die Charité stark, sagt der Vorstandsvorsitzende Karl Einhäupl.

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Charite
Kampf um die Zukunft. An der Charité werden Therapien getestet, im Bild eine neuartige Behandlung von Lebertumoren. -Foto: Imago

Sie werden wohl keine großen Freunde mehr werden, der Politiker und der Klinikchef. Mit einer rhetorischen Breitseite in der „Bild“-Zeitung eröffnete der Berliner Finanzsenator Ulrich Nußbaum, 52, eine neue Runde in seiner Auseinandersetzung mit der Uniklinik Charité und ihrem Vorstandsvorsitzenden, dem Neurologen Karl Max Einhäupl, 63.

Nußbaums süffige These: Die Charité werde von ihren Professoren in „Geiselhaft“ genommen. Nicht Qualität, sondern „schiere Masse“ regiere die Uniklinik. Die Charité – 1,1 Milliarden Jahresumsatz, 10 000 Vollzeitkräfte – soll einen ihrer drei Klinikstandorte aufgeben, am besten das Klinikum Benjamin Franklin in Steglitz, lautet Nußbaums Therapievorschlag. Das könnte der städtische Vivantes-Konzern übernehmen, und dafür im Gegenzug das Auguste-Viktoria-Krankenhaus in Schöneberg schließen.

Masse statt Klasse? Nußbaums Attacke hat nicht nur 35 Charité-Professoren zu einem wütenden offenen Brief an den Regierenden Bürgermeister veranlasst (wir berichteten). Seine These wird zudem vom Charité-Chef Einhäupl auf den Kopf gestellt. Es seien eben die drei Standorte, die die Charité stark machen würden, sagte Einhäupl dem Tagesspiegel. Die „schiere Masse“ ist in Wahrheit der Schlüssel zur „Klasse“.

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t nicht nur so, dass drei Zentren für Krebsbehandlung und Herzleiden mehr wissenschaftliche Ergebnisse erbringen als nur zwei, sagt Einhäupl. „Die moderne Forschungsförderung zielt darauf ab, große Vorhaben mit vielen Partnern zu fördern, etwa im Rahmen von Sonderforschungsbereichen, ,Forschungsclustern’, Graduiertenschulen und EU-Verbundprojekten.“ Die Charité stellt die Sprecher von elf Sonderforschungsbereichen und ist an fünf weiteren beteiligt – eine stattliche Zahl (siehe Infografik). Auch für Medikamententests, die eine bestimmte Mindestzahl von Patienten erfordern, für Medizinkongresse und die Kooperation mit der Wirtschaft ist „schiere Masse“ ein Vorteil.

„Berlin war nach der Wende, von Einzelfällen abgesehen, kein herausragender Medizinstandort“, sagt Einhäupl. „In 20 Jahren hat sich die Stadt an die Spitze der medizinischen Forschung gearbeitet.“ Dabei habe sie traditionelle Medizinhochburgen wie Heidelberg und München hinter sich gelassen, gemessen an der Zahl und Qualität wissenschaftlicher Veröffentlichungen und der Einwerbung von Fördermitteln. 2008 etwa wurden rund 130 Millionen dieser „Drittmittel“ in die Stadt geholt, meist stammen sie von nationalen Förderagenturen wie der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Mit diesem Geld wurden knapp 3000 Arbeitsplätze in der Stadt finanziert.

Für den Klinikumsdirektor Matthias Scheller stimmt das Verhältnis von Preis und Leistung. „Wir liefern Spitzenmedizin, versorgen jedes Jahr 625 000 Patienten, bilden 800 neue Ärzte pro Jahr aus, unterrichten 7200 Studierende und sichern 14 000 Arbeitsplätze“, sagt er. Das alles für 177 Millionen Euro Landeszuschuss, der in Forschung und Lehre fließt, und für 32 Millionen Euro, die für Investitionen vorgesehen sind. Scheller hebt hervor, dass die Gesundheitsbranche auch in Krisenzeiten gewachsen ist. „Eigentlich sollte man die Perle Charité weiter wachsen lassen.“

19,5 Millionen Euro beträgt das Defizit der Charité 2009. Das ist lange vor der heutigen Aufsichtsratssitzung bereits durchgesickert. Auch wenn die Charité-Leitung diese Zahl noch nicht bestätigen kann, wertet sie ihre Arbeit dennoch als Erfolg, schloss sie doch 2008 mit einem Minus von 56 Millionen ab. Das Ergebnis habe äußerste Anstrengungen erfordert, sagt Scheller. Rund 200 Vollzeitstellen wurden 2009 abgebaut.

2010 rechnet man mit einem ähnlichen Defizit wie im Vorjahr, 2011 aber soll ein ausgeglichenes Ergebnis erzielt werden. „Wir robben uns an die ,schwarze Null’ heran“, sagt Scheller. Beziehe man Tarifsteigerungen, Inflation und höhere Energiekosten mit ein, dann habe man das Ergebnis von 2008 auf 2009 um mehr als 60 Millionen Euro verbessert.

Die Kliniken der Charité erwirtschaften bereits mehr als 20 Millionen Euro Gewinn, berichtet Scheller weiter. Aber die Überschüsse werden in die Infrastruktur gesteckt. Denn das Problem sind die fehlenden Mittel für Investitionen, sprich für neue medizinische Geräte und bauliche Renovierungen. In der Charité bröselt es an vielen Ecken und Enden.

„Wir benötigen jährlich 100 Millionen Euro für Investitionen und bekommen 2010 nur 32 Millionen“, klagt Einhäupl. Allein die Instandhaltungskosten summierten sich auf 70 Millionen Euro im Jahr. Den gesamten baulichen Investitionsbedarf beziffert die Charité auf 636 Millionen Euro.

In einer schwierigen Lage ist der Standort Steglitz, der am Vorjahresdefizit von 19,5 Millionen mit 12,5 Millionen Euro beteiligt ist. An diesem Standort wären Sanierungen in Höhe von mehr als 100 Millionen fällig, rechnet die Charité vor. „Das Franklin-Klinikum ist total abgewohnt“, sagt Einhäupl. Hinzu kommt eine seit zehn Jahren schwelende Diskussion über eine mögliche Schließung des Franklin-Klinikums. „Das geht an keinem Standort spurlos vorüber“, sagt Scheller.

Wer zu wenig investiert, verliert auch Geld. Die Umsetzung der Charité-Psychiatrie in der Eschenallee in das Franklin-Klinikum würde zehn Millionen Euro kosten, erläutert Einhäupl. Weil dieses Geld nicht da ist, müssten jedes Jahr 1,2 Millionen Euro in den eigentlich überflüssigen Betrieb in der Eschenallee investiert werden. Und im Virchow-Klinikum wäre es sinnvoll, drei Intensivstationen zu einer zusammenzulegen. Das würde zwei Millionen kosten, aber eine halbe Million im Jahr sparen. Die Aufwendungen hätten sich also schnell rentiert. „Solche Beispiele haben wir jede Menge“, sagt Einhäupl.

Wenn es um Spitzenmedizin geht, lohnt ein Blick in die USA. Die Harvard Medical School in Boston ist eines der Weltzentren der biomedizinischen Forschung. Ihr größtes Lehrkrankenhaus, das Massachusetts General Hospital, hat 19 000 Mitarbeiter. Das zweitgrößte, das Brigham and Women’s Hospital, bringt es immerhin noch auf 12 000 Angestellte. „Wir wachsen immer weiter“, verkündet das Krankenhaus stolz auf seiner Internetseite. Für Weltklasse braucht es offenbar reichlich Masse.

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