Charité : Notoperation Buch

Seit einem Jahr wird um die Zusammenarbeit von Charité und Helios am Standort Buch gestritten. Jetzt haben die Uniklinik und der private Klinik-Konzern ihren Kooperationsvertrag aufgelöst – und sich dabei voneinander distanziert.

Uwe Schlicht,Tilmann Warnecke

„Es war in den vergangenen Monaten schädlich, mit dem Namen Charité verbunden gewesen zu sein“, sagte Helios-Geschäftsführer Francesco De Meo am Montag auf einer gemeinsamen Pressekonferenz. Der Vorstandsvorsitzende der Charité, Karl Max Einhäupl, sprach von einem „schwierigen Entflechtungsprozess“, der jetzt in Buch bevorstehe. Beide Partner gaben zu, es sei nicht gelungen, die Kosten untereinander genau aufzuteilen. Wie berichtet, will man künftig nur noch „auf Projektbasis“ zusammenarbeiten.

Stein des Anstoßes sind die seit Monaten kursierenden Vorwürfe, die Charité habe Helios in Buch mit 15 Millionen Euro öffentlicher Forschungsgelder subventioniert. Auf dem Campus Buch betreiben Helios und Charité seit 2001 gemeinsam Kliniken. Die Leistungen der dort arbeitenden Professoren und anderen Mitarbeiter der Uniklinik werden pauschal auseinandergerechnet: 80 Prozent übernimmt Helios für die Krankenversorgung, 20 Prozent die Charité für Forschung und Lehre. Im Alltag sei diese trennscharfe Abrechnung versäumt worden, lautet der Verwurf.

Anfangs galt die Kooperation als bundesweites Vorzeigeprojekt mit Vorteilen für beide Seiten: Der Uniklinik wird die teure Krankenversorgung abgenommen, die Hochschulmedizin kann ihre explodierenden Kosten im Rahmen halten. Für den privaten Klinik-Konzern bedeutete es im Gegenzug einen Imagegewinn, sich mit den Professoren der Uniklinik zu schmücken. Auch der Forschungscampus Buch, ein Prestigeprojekt des vor Kurzem abgelösten Charité-Chefs Detlev Ganten, sollte so vorangebracht werden.

Francesco De Meo sagte jetzt, die „institutionelle Verwebung“ sei zwar für die Abläufe „kommod“ gewesen. Es sei bei der Abrechnung aber nicht möglich gewesen, die tatsächlichen Arbeitszeiten der Ärzte und Mitarbeiter für Krankenversorgung, Forschung oder Lehre auseinanderzuhalten. De Meo ließ durchblicken, dass er die Charité dafür verantwortlich mache. Auch Einhäupl gab zu, dass der Versuch der trennscharfen Abrechnung gescheitert sei. Die Globalformel ermögliche nicht, „alle Feinheiten bei der Finanzierung zu regeln“. Über „Inhalte und Ziele“ der Zusammenarbeit sei man sich weiterhin einig, die Form aber müsse geändert werden.

Ist die Auflösung des Vertrages ein Eingeständnis, dass es tatsächlich zu einer Quersubventionierung in Millionenhöhe kam? „Nein, es gab keine Quersubventionierung“, sagte De Meo. Man wolle sich dazu nicht weiter äußern, bis ein neues Senatsgutachten vorliege. In einem ersten Gutachten hatten sich Wirtschaftsprüfer wegen mangelnder Unterlagen nicht in der Lage gesehen, die Vorwürfe abschließend zu klären. Ein erweiterter Bericht soll Ende November veröffentlicht werden. Wolfgang Albers, wissenschaftspolitischer Sprecher der Linken, befürchtet, dass auch in dem neuen Gutachten „die entscheidende Frage nicht beantwortet wird“.

Die noch gemeinsam betriebenen Kliniken sollen künftig komplett in Helios-Trägerschaft übergehen. Die Charité-Professoren, die die Kliniken derzeit leiten, müssten sich entscheiden, ob sie weiter für die Uniklinik arbeiten oder zu Helios wechseln wollten, hieß es. Auch die knapp 300 anderen Charité-Mitarbeiter in Buch sollen künftig einer einzigen Einrichtung zugeordnet werden. Arbeitsgruppen der Uniklinik könnten weiterhin in den Helios-Kliniken und auch im Max-Delbrück-Centrum (MDC) forschen, der dritten großen Einrichtung in Buch. Für jedes Projekt müsse in Einzelverträgen festgelegt werden, wer wie viel zahlt, hieß es.

Was bedeutet die Entscheidung für die Forschung in Buch? Dazu gab es widersprüchliche Aussagen. Einhäupl betonte, Buch solle „nicht geschwächt werden“. Die Zusammenarbeit mit dem MDC wolle er sogar „verstärken“. Er werde „alles dafür tun“, den geplanten Neubau für ein gemeinsames klinisches Forschungszentrum zu errichten. Der Bau soll jetzt nicht wie geplant auf dem Gelände der Helios-Kliniken, sondern in der Nähe des MDCs hochgezogen werden.

Andererseits entsteht ein neuer gemeinsamer Schwerpunkt von Charité und MDC in der Systembiologie nicht in Buch, sondern in Mitte. Das Max-Delbrück-Centrum wolle dafür sogar eine Außenstelle in Mitte aufmachen, kündigte Thomas Sommer an, stellvertretendes Vorstandsmitglied des Instituts. Das könnte ein Indiz dafür sein, dass Buch langfristig doch geschwächt wird.

Die Finanzierung der Uniklinika stößt seit Jahren an die Grenzen dessen, was die öffentliche Hand leisten kann. Vor diesem Hintergrund hat der Wissenschaftsrat – auch unter der Leitung des von 2001 bis 2006 amtierenden Vorsitzenden Einhäupl – immer wieder Partnerschaften von staatlicher und privater Finanzierung empfohlen. Das extremste Beispiel ist Hessen. Das künftige gemeinsame Uniklinikum Marburg/Gießen wird zu 95 Prozent von den privaten Rhön-Kliniken finanziert und nur noch zu fünf Prozent vom Land. In so gut wie allen Bundesländern gibt es inzwischen solche „Public-private-partnerships“.

In Berlin kam es auch zu der engen Kooperation mit Helios, weil der Staatszuschuss für die Charité bis 2010 von 330 Millionen Euro auf 232 Millionen sinkt. Für die von der Politik verlangte Trennungsrechnung zwischen Krankenversorgung sowie Lehre und Forschung hat der Wissenschaftsrat 2007 eine Empfehlung verabschiedet – jedoch ohne klare Modelle vorzugeben. Könnten sich Professoren und klinische Partner nicht über eine Kostentrennung einigen, solle sich die Uni „um einen neuen Träger und Betreiber der Krankenversorgung“ bemühen.

Enger zusammenarbeiten will Einhäupl künftig mit den Vivantes-Kliniken. Der Vorteil für die Charité: Wenn die Forschung in dieser Konstellation die Krankenversorgung subventioniert, würde das in der Öffentlichkeit womöglich als nicht so anstößig empfunden. Denn anders als Helios gehört Vivantes wie die Charité dem Land Berlin.

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