Charité : Patient Buch

Wenn die Uniklinik sich zurückzieht, ist der Forschungscampus tot, warnen Wissenschaftler.

Uwe Schlicht

Über der Charité ziehen sich dunkle Wolken zusammen. Seit Monaten steht das Universitätsklinikum wegen angeblicher finanzieller Unregelmäßigkeiten am Standort Buch in der Kritik. Die Charité, die aus Steuergeldern finanziert wird, soll dort den privaten Helios-Klinikkonzern quersubventioniert haben. Angeblich 17 Millionen Euro aus Steuergeldern sollen von der Charité an Helios geflossen sein. Der Vorwurf lautet: Wissenschaftler, die am Standort Buch in der Krankenversorgung tätig sind, müssen zu 80 Prozent von Helios bezahlt werden und nur zu 20 Prozent aus dem Forschungsetat der Charité. Eine solche punktgenaue Abrechnung sei verschlampt worden.

Die Opposition im Abgeordnetenhaus spricht von einem „Skandal“. Der Ort des Vorgangs ist Berlin-Buch. Auf dem Campus dort arbeiten mehrere Institute und Kliniken eng zusammen: das Max-Delbrück-Centrum für molekulare Medizin sowie die Robert-Rössle-Klinik und die Franz-Volhard-Klinik. Die Kliniken wurden einst von der Charité betrieben und 2001 von der privaten Helios GmbH übernommen. Gleichwohl forschen dort auch jetzt noch immer Professoren der Charité – diese Zusammenarbeit ist der Stein des Anstoßes für die aktuelle Kritik.

Einzelne Abgeordnete fordern bereits, die Kooperation zwischen der Charité und den Helios-Kliniken zu beenden. Der designierte Vorstandsvorsitzende der Charité, Karl Max Einhäupl, will sich vor Abschluss der Untersuchungen noch nicht zu einer weiteren Kooperation äußern. Als Optionen nennt er: eine Auflösung des Vertrages oder eine Fortsetzung des Vertrages mit neuen Inhalten. Im Übrigen steuert er auf eine Kooperation der Charité mit dem städtischen Krankenhauskonzern Vivantes zu.

Eine Veränderung oder gar ein Ende der Kooperation würde auch das Max-Delbrück-Centrum betreffen. Die MDC-Forscher kooperieren eng mit der Charité und mit Helios. Führende Mitarbeiter des MDCs, die zugleich für die privaten Helios-Kliniken arbeiten, warnen jetzt davor, dass ein Rückzug der Charité aus Buch das Ende des gesamten Forschungsstandorts bedeuten könne. Der Mediziner Ludwig Thierfelder und der wissenschaftliche Vizedirektor Thomas Sommer sagen: „Die Kooperation der Grundlagenforscher aus dem Max-Delbrück-Centrum mit den Kliniken ist der Motor, der Kern des Modells Buch. Wenn es diese Kooperation nicht mehr gibt, ist das Modell Buch tot. Es würde eine historische Tradition weggeworfen.“

Nur wegen des Max-Delbrück-Centrums ist die Charité mit ihrem vierten Standort überhaupt nach Buch gekommen. Warum? Die Geschichte von Buch ist seit 1915 untrennbar mit medizinischer Grundlagenforschung und ihrer klinischen Erprobung in unmittelbarer Nachbarschaft verbunden. Damals wurde ein Kaiser-Wilhelm-Institut für Hinforschung gegründet – in der Nachbarschaft der großen Krankenstadt. Zu DDR-Zeiten stand hier das Zentralinstitut für Molekularbiologie der Akademie der Wissenschaften. In unmittelbarer Nähe waren Krankenhäuser für die Behandlung der DDR-Politkader angesiedelt.

1992 wurde das Max-Delbrück-Centrum als Nachfolgeeinrichtung des Zentralinstituts ins Leben gerufen. Der Wissenschaftsrat hatte dazu seinen Segen gegeben. Als Sinn von Buch hob das Gremium ausdrücklich die enge Nachbarschaft eines Instituts der medizinischen Grundlagenforschung zu den Kliniken hervor, in denen die Forschungsergebnisse am Patienten erprobt werden. Zwei Regierungskrankenhäuser – die Rössle- und die Volhard-Klinik – waren nach der Wende von der Freien Universität übernommen worden, sie verschmolzen in den Neunzigern mit der Charité. Diese wiederum veräußerte die Buch-Klinika 2001 aus Kostengründen an den privaten Helios-Konzern. Aber nach wie vor sind in Buch Professoren der Charité in die klinische Erprobung von Forschungsergebnissen eingebunden. Damit beginnt das Problem einer sachgemäßen Trennungsrechnung.

Das Problem liegt dabei nicht nur aufseiten der Charité. Es gibt auch Professoren, die zu 90 oder 100 Prozent von Helios bezahlt werden und dennoch die Hälfte ihrer Arbeitszeit in der Forschung verbringen. Das wäre eine Quersubventionierung in umgekehrter Richtung – von privat zum Staat. Wie bei Friedrich Luft: Er ist seit 1992 Professor für Innere Medizin an der Charité und an der Franz-Volhard-Klinik zugleich Chef der Inneren Medizin mit Schwerpunkt Nephrologie. Zugleich leitet er das neue Forschungszentrum ECRC (siehe nebenstehender Artikel). Diese Tätigkeit im Verbund hat zu folgender Situation geführt: Seit 1993 erhält er nach seinen Angaben 90 Prozent seiner Bezüge vom Krankenhaus Buch, seit 2001 von den Helios-Kliniken. Luft sagt, er stelle seine Forschung „beinahe kostenlos zur Verfügung“. Von 1993 bis heute habe seine Abteilung in Buch 392 begutachtete wissenschaftliche Arbeiten publiziert, tausende von Impact-Punkten (Zitiernachweise) erworben und Millionen an Drittmitteln nach Berlin gebracht. „Diese Tatsache legt die Frage nahe, wer hier von wem subventioniert wird.“

Luft ist empört, mit welcher Leichtfertigkeit der Standort Buch infrage gestellt werde. „Dass die Volhard- und Rössle-Klinik nach 2001 nicht abgewickelt wurden, war ein Erfolg. Nachdem die Charité nicht bereit gewesen war, den Klinikbetrieb weiterzuführen, hat Helios hier erheblich investiert. Auch heute steht Helios voll zu der Absprache, in den Kliniken Ergebnisse der Grundlagenforschung zu erproben.“

Die Wechselbeziehungen laufen nach Darstellung von Luft so ab: In der Helios-Klinik stehen ihm 13 Stellen zur Verfügung. Durch Drittmitteleinwerbung habe er den Stellenpool erweitert und gleichzeitig dafür gesorgt, dass auch Ärzte aus der Klinik ins Forschungslabor wechseln konnten. Wenn er 80 Stunden in der Woche arbeite, so entfielen davon jeweils etwa 40 Stunden auf die Arbeit in der Klinik und 40 Stunden auf die Forschung im Labor. Dennoch zahle Helios 90 Prozent seines Gehalts.

Vor diesem Hintergrund warnen Luft und seine Kollegen Thierfelder und Sommer davor, die seit Jahren geforderte Trennungsrechnung zwischen Forschung und Lehre auf der einen Seite und der Krankenversorgung auf der anderen Seite mit der Stechuhr zu vollziehen. Die Abläufe seien von Tag zu Tag unterschiedlich, die Trennungsrechnung sollte man eher über den Daumen peilen als kleinteilig nach Prozenten kontrollieren.

Sein Kollege Ludwig Thierfelder ist zugleich Forschungsgruppenleiter am Max-Delbrück-Centrum und geschäftsführender Leiter der Franz-Volhard-Klinik sowie Professor an der Humboldt-Universität. Thierfelder hat beobachtet: Der Schwerpunkt der Beschäftigung des Personals ändere sich von Woche zu Woche. Im Rückblick auf acht Jahre habe er je zur Hälfte in der Forschung und in der Krankenversorgung gearbeitet. Der Vertrag mit Helios gebe ihm, der zu 100 Prozent von Helios bezahlt wird, die Freiheit, weiter in der Wissenschaft zu forschen. Auch Thierfelder hält nichts von einer Abrechnung mit der Stechuhr.

Genau die Fortsetzung dieses Wechsels vom Krankenbett zum Forschungslabor ist auch in dem neuen Forschungsgebäude des ECRC geplant. Dieses Forschungsgebäude soll allen klinischen Forschergruppen des MDC und der Charité zur Verfügung stehen und im Rahmen der angewandten Forschung auch Patienten aus den Helios-Kliniken aufnehmen.

Was passiert, wenn die Kooperation mit Helios aufgegeben werden sollte? „Dann wären wir weg. Ich kann nicht stundenlang in Berlin herumfahren“, sagt der Nierenspezialist Luft. Wer im Delbrück-Centrum forscht und bei Helios Kranke versorgt, pendelt mehrmals am Tag vom Krankenbett zum Labor und zurück. Diese Nähe fördert die Effizienz. Aber damit könnte es bald vorbei sein, fürchtet Luft.

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