Wissen : Chemie und Rausch

Er entdeckte das LSD: Albert Hofmann ist tot

Hartmut Wewetzer

Ausgerechnet die Schweiz. Ausgerechnet in diesem nüchternsten aller Länder stößt der Chemiker Albert Hofmann im Labor des Basler Pharmaunternehmens Sandoz 1938 auf eine Substanz, die Jahrzehnte später das rauschhafte Lebensgefühl einer ganzen Generation prägen wird: das Halluzinationen auslösende Mutterkorn-Alkaloid Lysergsäure-Diethylamid, kurz LSD.

Mutterkorn ist ein Pilz, der auf Getreide wächst und giftige Alkaloide en masse bildet. Hofmann suchte ein Kreislaufmittel und war mehr durch Zufall zum LSD gekommen. Oder, wie er später sagen wird: „Das LSD hat mich gerufen.“ 1943 kramt er die Substanz erneut hervor und macht am 19. April sein berühmtes Selbstexperiment mit einer viel zu hohen Dosis LSD. Die Pforten der Wahrnehmung öffnen sich schlagartig, als der Chemiker mit dem Fahrrad nach Hause fährt. Hofmann genießt, wie er notiert, „das unerhörte Farben- und Formenspiel“, die „kaleidoskopartig“ sich verändernden „bunten phantastischen Gebilde ... in Kreisen und Spiralen sich öffnend und wieder schließend, in Farbfontänen zersprühend“. Der 19. April geht als „Fahrradtag“ in die LSD-Annalen ein.

Heute steht bei der Entwicklung eines Arzneimittels das Vermeiden von Nebenwirkungen mit im Vordergrund. Vor 60 Jahren war man unbekümmerter. LSD wird als „Delysid“ freimütig und furchtlos in der Psychiatrie erprobt – angeblich sogar mit Erfolg.

In den 60er Jahren wird der Harvard-Psychologe Timothy Leary zum Propheten und Propagandisten des LSD. Die vermeintlich bewusstseinserweiternden Eigenschaften der Droge machen sie zu einem prägenden Teil der Hippie-Kultur, vor allem in den USA. Wer „auf Trip“ ist, schaut hinter die Kulissen der fassadenhaften bürgerlichen Wirklichkeit, dringt in eine andere, tiefere Ebene der Wirklichkeit vor. LSD als Wahrheitsdroge.

Albert Hofmann, der selbst gemeinsam mit Freunden wie dem Schriftsteller Ernst Jünger mit LSD experimentiert, warnt vor zu leichtsinnigem Gebrauch, der zu Horrorerlebnissen und schweren Krisen führen kann. Schließlich reagieren die Behörden. 1966 wird LSD in den USA, 1971 in Deutschland verboten. Heute spielt es in der Drogenszene kaum noch eine Rolle, wird allerdings wieder bei seelischen Störungen erprobt.

Hofmann hat LSD als sein „Sorgenkind“, sich selbst als „Psychonauten“ bezeichnet. Hinter diesen Begriffen verbirgt sich die ganze Spannweite der Droge. Am Dienstag ist er in Burg bei Basel infolge eines Herzinfarkts im Alter von 102 Jahren gestorben. Hartmut Wewetzer

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