Chinas Jugendpolitik : Zwischen Austausch und Abschottung

Chinas Regierung verärgert die Jugend mit ihrer Kritik am westlichen Lebensstil. Ein Gastkommentar.

Simon Lang
Junge Männer und Frauen stehen auf einem Platz und fotografieren sich gegenseitig.
Globalisierte Jugend. Schüler und Schülerinnen in Changsha, nachdem sie den ersten Teil der Aufnahmetest für die Hochschule...Foto: REUTERS

Es klingt wie ein Widerspruch: Erst im März hatten Partei- und Staatschef Xi Jinping und Bundespräsident Joachim Gauck in China das Deutsch-Chinesische Jahr für Schüler- und Jugendaustausch 2016 eröffnet. Gleichzeitig aber kämpft Xi im eigenen Land immer vehementer gegen „westliche Werte“, warnt die Bevölkerung vor ausländischen Spionen, bringt Schulen, Universitäten und Medien auf Linie und erschwert ausländischen Nichtregierungsorganisationen mit restriktiven Gesetzen ihre Arbeit.

Gerade erst veranlasste er, dass „westliche Lebensstile“ künftig in Chinas Medien nicht mehr vorkommen sollen. Die „übermäßige Bewunderung für westliche Lebensstile“ hätten in Zeitung, Fernsehen und Internet nichts mehr zu suchen, verkündeten die Staatsmedien am 29. August. Anfang des Jahres hatte Xi das Bildungsministerium aufgefordert, der „patriotischen Bildung“ von Auslandsstudenten besondere Aufmerksamkeit zu schenken. Kurz danach hatte die Kommunistische Partei ihre weiblichen Kader vor charmanten ausländischen Spionen, die hinter Staatsgeheimnissen her wären, gewarnt.

Beim YMCA-Austausch ist die offizielle Politik kein Thema

Und dennoch: Peking möchte auch weiterhin Jugendliche und Studenten nach Deutschland schicken, um auf diese Weise von Deutschlands Innovationskraft zu profitieren und China für eigene Entwicklungen fit zu machen. Mehr als 40 Initiativen nutzen diese Plattform, um bei Musik, Kultur, Sprache und Wirtschaft Kooperationen zu initiieren oder weiter auszubauen.

Simon Lang ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Mercator Institute for China Studies (MERICS).
Simon Lang ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Mercator Institute for China Studies (MERICS).Foto: Ausserhofer/promo

Neben diesen offiziellen Kooperationspartnern gibt es auch kleinere Organisationen, die Chinesen und Deutschen die Möglichkeit bieten, sich kennenzulernen. Eine von ihnen ist der Christliche Verein Junger Menschen (CVJM), der seit Jahren mit der Young Men's Christian Association (YMCA) in Hongkong kooperiert. Laut Michael Götz, Generalsekretär des Verbandes in Bayern, war die große Politik bei ihrem Jugendprogramm dieses Jahr kein Thema.

Erstaunt über lockere Erziehungsmethoden deutscher Eltern

Besonders erstaunt seien die rund 50 jungen Chinesen aus Kanton und Hongkong über die „lockeren“ Erziehungsmethoden der deutschen Eltern und die spontane Freizeitgestaltung ihrer Gastgeberkinder gewesen. Dass in Deutschland Väter selbstverständlich Windeln wechseln, habe ebenfalls viele beeindruckt. Die Jugendlichen und jungen Erwachsenen hätte neben diesen Alltagsbeobachtungen vor allem Ballspiele und die Biografien ihrer deutschen Gegenüber interessiert.

Der System- und Kulturkampf, der sich zu Hause auf politischer Ebene rhetorisch entfaltet, spielt für die Jugendlichen offensichtlich keine Rolle. Die jüngsten Propaganda-Anstrengungen von offizieller Seite hatten auch keinen Einfluss auf die Bewerberzahlen. Wie im letzten Jahr haben sich wesentlich mehr junge Chinesen beworben, als es Plätze gab. Von den knapp 300 Interessierten konnte der CVJM nur einen Bruchteil einladen.

China kann sich eine Isolation nicht leisten

Chinesen sind nicht nur am Jugendaustausch interessiert: Sie sind mittlerweile auch Reiseweltmeister, und letztes Jahr haben mehr als eine halbe Million Chinesen weltweit, beziehungsweise etwa 30 000 in Deutschland, ein Auslandsstudium begonnen.

Das wirtschaftlich längst global eingebundene China kann sich eine Isolation nicht leisten. Geschäfte funktionieren nur mit internationalen Kontakten und einem Minimum an interkultureller Kompetenz. Zahlreiche Chinesen mit ausländischem Studienabschluss befinden sich heute in Schlüsselpositionen an chinesischen Elite-Universitäten. Auch im Sport und gerade im Unterhaltungsbereich sind internationale Expertise und Formate nicht mehr wegzudenken. Insbesondere aber in Forschung und Entwicklung braucht das Reich der Mitte weiterhin international ausgebildete Talente und deren Know-how, um den Sprung von der verlängerten Werkbank der Welt zum Innovationsland zu schaffen.

Attraktive Gehälter, um Talente zurück nach Hause zu locken

Chinas Staatsmedien sehen Deutschland als Talent-Motor, und den sollen möglichst viele Chinesen hautnah erleben. Die politische Führung nimmt in Kauf, dass ihre Landsleute an ausländischen Universitäten auch darin geschult werden, zu kritisieren und dort Zugang zu pluralistischen und weitgehend unzensierten Medien haben, solange etwas Wichtigeres lockt: wertvolles Wissen, das zum Erfolg des Landes beitragen kann. Mit hohen Fördergeldern und der Zusage von attraktiven Gehältern versucht Peking, chinesische Talente zurück nach Hause zu locken. Letztes Jahr kehrten mehr als 400 000 Chinesen in die Volksrepublik zurück.

Dieser Widerspruch zwischen realer Internationalisierung und rhetorischer Abschottung zeigt das Dilemma, vor dem die Propaganda der Kommunistischen Partei immer offensichtlicher steht. Der Anspruch auf ideologische Deutungshoheit deckt sich nicht mit den Lebenswelten global orientierter Chinesen aus der urbanen Mittelschicht.

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Längste gläserne Brücke der Welt in China eröffnet
Längste gläserne Brücke der Welt in China eröffnet

Sie tragen italienische Moden, hören amerikanischen Pop

Junge Chinesen tragen ganz selbstverständlich italienische Markenklamotten, fahren deutsche Autos und hören englische Musik. Sie interessieren sich, wie die meisten ihrer Altersgenossen auf der ganzen Welt, eher für US-amerikanische Popkultur als für politische Dogmen. Sie begehren zumindest in den Sozialen Medien auf, wenn plötzlich eine populäre westliche TV-Serie zensiert wird. Politisch aufgeladen sind Fragen nach der Gleichberechtigung der Geschlechter oder die Anerkennung von sexuellen Minderheiten – und nicht, wie und ob Marx und Engels oder Taylor Swift zu China passen.

Bislang entwirft die chinesische Propaganda keine Gegenentwürfe zum „westlichen Lebensstil“. Dem Regime bleiben deshalb nur die Verurteilung von „westlichen Einflüssen“ und die Zensur, um die Volksrepublik von westlich-demokratischen Ländern ideologisch abzugrenzen. Sollte Peking die positiven Erfahrungen der Austauschschüler und Studenten mit anti-westlicher Propaganda allzu sehr dämonisieren, läuft die politische Führung Gefahr, ihre Jugend gegen sich aufzubringen, statt sie ideologisch einzubinden.

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