Wissen : Chirurgie der kleinen Schnitte Vierzehn Feste in zwei Stunden

20 Jahre Operationen „durchs Schlüsselloch“: In Berlin zogen die Mediziner Bilanz – nicht ohne Selbstkritik Mit Ironie und Lottoschein: Beim Finale der Erzähler ging es um mehr als nur Worte

Rosemarie Stein

Ein Chirurg trifft den Patienten, den er erst vor einer Woche am Leistenbruch operiert hat, bereits in dessen Fleischerladen an. Und der Meister gesteht ihm, dass er tags zuvor auf dem Fußballplatz schon ein Tor geschossen hat. Solche Erfolgsgeschichten flechten Virtuosen der Minimal-Invasiven Chirurgie (MIC) gern in ihre Vorträge ein. So geschah es auch jetzt auf dem 125. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie.

Dennoch: Viele Chirurgen sind bedachtsamer und selbstkritisch geworden, auch „Schlüsselloch-Operateure“. Es waren nicht Chirurgie-Senioren, die „MIC“ nicht gelernt haben, sondern die Chirurgische Arbeitsgemeinschaft für Minimal-Invasive Chirurgie selbst, die auf einer vielbesuchten Kongressveranstaltung diskutierte, was das Verfahren nach 20 Jahren gebracht hat. Eine Methode, bei der das Skalpell durch ein dünnes Rohr, dem Endoskop (samt Mini-Kamera und -Instrumenten), ersetzt wird und über natürliche Körperöffnungen oder sehr kleine Schnitte zum Operationsort vordringt.

Die Endoskopie („Innenbesichtigung“), ursprünglich nur ein Untersuchungsverfahren, wurde rasch auch zu therapeutischen Eingriffen genutzt. Vorteile, wie weniger Schmerzen, schnellere Erholung, kleinere Narben machten die Methode schnell populär, bei ehrgeizigen jungen Chirurgen, Presse und Patienten. Man nannte MIC die dritte große Revolution nach Asepsis (Keimfreiheit zur Vermeidung von Wundinfektionen) und Narkose.

Aber es geschah dasselbe wie bei vielen medizinischen Innovationen, von den Untersuchungen zur Krebsfrüherkennung bis zu den ersten Operationsrobotern: Auch MIC, so wurde auf dieser Veranstaltung beklagt, wurde ohne Prüfung von Nutzen und Risiken durch systematische Studien eingeführt. Als sich dann auch Nachteile herausstellten, prägten böse Zungen die Formel „MIC = MAC“ (MAximale Complikationen). Sie ist mit Sicherheit falsch. Aber die Unterschiede zwischen der ebenfalls viel schonender gewordenen offenen und der Minimal-Invasiven Chirurgie sind anscheinend geringer als angenommen.

MIC ist nicht komplikationsfrei. Das ergaben meist ausländische Studien sowie die kritische Begleitung der eigenen Arbeit. „Man muss seine Ergebnisse systematisch sammeln und analysieren“, sagte Reinhard Bittner vom Marienhospital Stuttgart. Selbst in seiner Klinik, die auf 15 000 endoskopische Leistenbruch-Eingriffe zurückblickt, kommen Blasen- und Darmverletzungen vor, wenn auch bei weniger als einem von 100 Patienten.

Was aber, wenn man an einen Chirurgen mit zu wenig Übung am Endoskop gerät? MIC zu erlernen dauert länger als die konventionelle Chirurgie. Beim Leistenbruch zum Beispiel braucht ein Anfänger laut Bittner bei guter Schulung mindestens 50 Operationen, um so sicher zu werden wie ein „alter Hase“.

Als Hauptrisiko der MIC nannte auch Ingo Gastinger (Cottbus) den unerfahrenen Chirurgen; dann den Endoskopiker, der wenig Erfahrung mit der offenen Chirurgie hat. Sie ist wichtig, um während der Operation nötigenfalls die Methode wechseln zu können. Nach missglücktem MIC-Versuch offen zu operieren, bringt ohnehin schlechtere Ergebnisse als ein von vornherein offen geplanter Eingriff. Weitere von Gastinger genannte Risiken: Falscher Ehrgeiz, Marketing-Motivation und der psychische Zwang, in einem MIC-Zentrum alles und jedes endoskopisch zu machen. Deshalb, sagte Gastinger, gibt es im Cottbuser Carl-Thiem-Klinikum kein MIC-Zentrum, obwohl man dort auf 6500 laparoskopische Eingriffe (endoskopische Operationen im Bauchraum) hinweisen kann.

Beim unkomplizierten Gallensteinleiden ist die laparoskopische Entfernung der Gallenblase heute Standard. Wer eine akute Gallenblasenentzündung, ein kompliziertes Steinleiden oder noch andere Krankheiten hat, wird aber bei Gastinger offen operiert. Deshalb gibt es in Cottbus bei der laparoskopischen Gallenoperation kaum Komplikationen, während es anderen Ortes dabei zu zwei- bis dreimal so vielen Gallengangsverletzungen kommt wie bei offenen Eingriffen. Die Schlichtungsstellen der Ärztekammern werden zunehmend wegen solcher Zwischenfälle in Anspruch genommen, berichtete Gastinger.

Auch die Hälfte aller Blinddarmentzündungen wird heute minimal-invasiv operiert. Wie Winfried Padberg von der Gießener Uniklinik berichtete, zeigte ein systematischer Vergleich mit der offenen Operation keine Unterschiede, sofern beide Verfahren von denselben Chirurgen angewandt wurden. Selbst in komplizierten Fällen (Darmdurchbruch mit Bauchfellentzündung) wird zum Teil laparoskopisch operiert, sogar mit weniger Wundinfektionen. Padberg betonte aber, dass diese keine Anfänger-Operation ist. „Man muss es können!“

Minimal-invasiv ist auch eine häufige Darm-Operation möglich. Der Eingriff ist nötig in fortgeschrittenen Stadien der Sigma-Diverticulitis, einer entzündeten Ausstülpung im unteren Dickdarmabschnitt. Die Analyse verschiedener Studien zum Vergleich mit der offenen Operation spricht für weniger Komplikationen bei der MIC.

„Nimmt man aber nur die hochwertigen Studien, gibt es keine Unterschiede“, sagte Joachim Müller (Berlin, Charité). Er fragte die Kollegen im Plenum des gut gefüllten ICC-Saals 3, ob sie sich selbst in einem solchen Fall endoskopisch operieren lassen würden, – und viele Hände gingen hoch. Dazu Müller: „Sie sollten dem Chirurgen lieber fragen: Was können Sie denn am besten?“

Fazit für potenzielle Patienten: Die Minimal-Invasive Chirurgie ist eine sehr gute Sache, wenn der Operateur dieses Verfahren wirklich gut beherrscht. Deshalb, so berichtete Ferdinand Köckerling (Berlin, Vivantes-Klinikum Spandau), wird die MIC-Qualifikation jetzt ausgewiesen. Die Chirurgische Arbeitsgemeinschaft für Minimal-Invasive Chirurgie“ der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie schuf ein Zertifikat für besonders ausgerüstete und an der Qualitätssicherung teilnehmende Kliniken sowie für speziell in MIC geschulte Ärzte. Eine von vielen Initiativen der Chirurgen für mehr Patientensicherheit.

Die Klarinette jubelt. Die Kontrabass–Saiten hüpfen freudig auf und ab. Das Akkordeon lacht. Und dann wird die Riesentorte hereingetragen – Kuchenschlacht für alle. Hier, im Untergeschoss der Museen-Dahlem, wird ganz offensichtlich gefeiert an diesem sonnigen Frühlingssonntag. Und was? Viele Feste auf einmal: Taufe, Weihnachten, Advent, Halloween, Hochzeit, Muttertag, eine aufgelöste Verlobung, der französische Unabhängigkeitstag, Ostern, eine Beerdigung und gleich mehrere Geburtstage.

14 Autoren haben gerade ihre Geschichten vorgetragen zum Thema „Feste“, im Finale des Tagesspiegel-Erzählwettbewerbs 2008. Sieben Erwachsene und sieben Schüler – von 600 Teilnehmern – haben es bis in die Endrunde geschafft. Und rund 300 Gäste sind zum Erzählfest gekommen, um ebenso wie die Jury ihre beiden Lieblingserzähler zu küren, einen Erwachsenen und einen Schüler. Tatsächlich gibt es so jeweils zwei Sieger: Das Publikum vergibt ihn bei den Erwachsenen an Sarah Buck für ihre Geschichte über einen Jubilar, der seinen eigenen 90. Geburtstag sabotiert: Dr. Bock setzt sich nackt auf das Fensterbrett im ersten Stock und beschießt die Gäste im Garten mit seiner Steinschleuder – denn schließlich hatten seine Kinder sie gegen seinen Willen eingeladen. Die Autorin fiebert beim Erzählen mit, lässt „Rrrrrrinng“ mit ihrer Stimme das Telefon klingeln und haut – quasi stellvertretend für Dr. Bock – mit der Faust aufs Rednerpult, um seinen Unwillen auszudrücken.

Auch Stephanie Bart, von der Jury auf den ersten Platz gewählt, zieht beim Erzählen besondere Register. Mit ihrer ungewöhnlichen Weihnachtsgeschichte – erzählt mit süß-scheinheiliger Stimme – führt sie die Zuhörer aufs Glatteis: Zuerst glaubt man, dass sie einfach harmlos darüber plaudert, wie wichtig ihr und ihrer Familie Weihnachten ist. Doch nach einigen Sätzen wird die Ironie deutlich: Die beschriebene Familie besteht aus rücksichtslosen Egoisten mit einem Mäntelchen aus Political Correctness. Wenn die Kinder aus dem Waisenhaus, die sie jedes Jahr einladen, sich nicht hundertprozentig nach Wunsch benehmen – dann werden sie eben mit einem Schlafmittel ruhiggestellt. Und die Gäste aus dem Asylbewerberheim müssen auch dann mit in den Gottesdienst, wenn sie jüdischen oder islamischen Glaubens sind.

Iknur Bozkurt vom Ernst Abbe Gymnasium, 15, verlässt sich für ihren Vortrag nicht nur auf ihre Stimme: Sie hat eine ganze Menge Requisiten dabei, um aus ihrer Geschichte über eine geplatzte Hochzeit in einer islamischen Familie fast ein kleines Theaterstück zu machen: einen Lottoschein, eine Fernbedienung und eine Kreditkarte.

Der neunjährige Jonas Kilian hat sich für seinen Auftritt besonders fein gemacht. Er trägt einen Pullover, auf dem eine Gans mit Hasenohren zu sehen ist. Seine Großmutter hat den Pullover eigens für den besonderen Anlass gestrickt – passend zu Jonas’ Geschichte „Der Gosterhase“ über eine Gans, die den Osterhasen vertritt.

Nach dem Finale ist noch lange nicht Schluss: Teilnehmer, die nicht bis in die Endrunde gelangt sind, lesen im Museum zwischen Südseehäusern, afrikanischen Kunstwerken und Porträts nordamerikanischer Indianerhäuptlinge.

Die besten Geschichten aus dem Finale erscheinen in unregelmäßiger Folge in den nächsten Wochen. Unter www.tagesspiegel.de/erzaehlwettbewerb sind Geschichten aus dem Finale nachzulesen.

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