Christopher Young : Professoren, schreibt mehr Bücher!

Der große Wurf fehlt: Christopher Young, Leiter der Germanistik in Cambridge und zurzeit Gastwissenschaftler in Berlin, erklärt, warum die deutschen Geisteswissenschaftler international nicht mitspielen.

Christopher Young
Der Luxus zu lesen. Ziehen sich deutsche Forscher in die Bibliothek zurück, hören sie oft den Vorwurf, sie fehlten beim Einwerben von Forschungsgeldern.
Der Luxus zu lesen. Ziehen sich deutsche Forscher in die Bibliothek zurück, hören sie oft den Vorwurf, sie fehlten beim Einwerben...Foto: Mauritius

Spätestens seit der Exzellenzinitiative sind die deutschen Geisteswissenschaften international. Oder wollen es zumindest sein. Aber es darf nicht vergessen werden, dass zwischen der anglo-amerikanischen Welt und Deutschland grundlegende Trennlinien verlaufen. In Großbritannien und Nordamerika schreiben Wissenschaftler in den Geisteswissenschaften – unabhängig von der Karrierephase, in der sie sich befinden – Bücher. Deutsche Wissenschaftler tun dies nicht.

Dies scheint auf den ersten Blick eine allzu simple Beobachtung zu sein, aber sie ist in Wirklichkeit fundamental und von weitreichender Konsequenz. Alle fünf bis sechs Jahre bewertet die Regierung in Großbritannien die Forschung. Wissenschaftler werden dabei gebeten, vier Arbeiten einzureichen – von denen eine explizit ein Buch sein soll. Oder anders formuliert: ein Institut, das nicht mindestens ein Buch für jeden zweiten Kollegen einreicht, wird mit aller Wahrscheinlichkeit in der Evaluation schlecht abschneiden und künftig finanzielle Einbußen hinnehmen müssen. In den USA ist die Anstellung an führenden Universitäten von der Veröffentlichung eines ersten Buches bei einem renommierten Universitätsverlag und – neben diversen Artikeln – zumindest einem Vertrag für ein begonnenes zweites Buch abhängig.

In Deutschland dagegen – sieht man von der alternativen, aber noch in den Kinderschuhen steckenden Möglichkeit der Juniorprofessur ab – erfolgt der Einstieg in das akademische Berufsfeld über die Habilitation. Das ist eine lange und mühsame zweite Arbeit, die, zumindest in der Mediävistik, oft gar nicht oder erst viele Jahre nach ihrer Fertigstellung im Druck erscheint. Zwar genießen deutsche Kollegen bis zum Ende ihrer Habilitation das Privileg einer langen Ausbildung ohne allzu viele administrative Belastungen. Doch es folgt eine grausame Rache, wenn sie ihre erste Stelle antreten und vollständig im Sumpf neuer Studienordnungen, Berufungskommissionen und anderer derartiger Freuden versinken. Anders ausgedrückt: Sind deutsche Professoren einmal einem Leben auf der Straße oder einer Umschulung zum Lehrer entkommen, so haben sie wenig Zeit oder Kraft, ihre Habilitation zu einem Buch umzuarbeiten.

Diese gänzlich unterschiedlichen Karrierewege bedingen signifikante Unterschiede zwischen der anglo-amerikanischen Gelehrtenwelt und der deutschen Wissenschaft. In den britischen und amerikanischen Geisteswissenschaften ist ein Buch das Maß aller Dinge, und ich würde diesen Maßstab bis aufs Blut verteidigen. Ich war entsetzt, von deutschen Kollegen zu erfahren, dass an einigen Universitäten Bücher heute als Luxus betrachtet werden, dass Kollegen, die sich in die Bibliothek zurückziehen, um sich auf eine größer angelegte eigene Forschung zu konzentrieren, der Vorwurf gemacht wird, sie würden ihre Universität hängen lassen, indem sie keine Forschungsgelder für Gruppenprojekte einwerben.

Jetzt gibt es natürlich solche und solche Bücher. Ich spreche hier nicht über die Sorte Bücher, die eine lose Ansammlung von Kapiteln zu einem bestimmten Thema darstellen – die Art Band, dessen Kapitel ebenso gut als eigenständige Artikel veröffentlicht werden könnten. Ich denke vielmehr an die Sorte Buch und Projekt, die nur in einem Rahmen von 250 bis 400 Seiten konzipiert und verfasst werden können. Eine Arbeit, die nur Sinn macht, wenn ihr Verfasser fünf Jahre lang Belege gesucht, ein Konzept entwickelt und dieses in ein kohärentes Ganzes gebracht hat, das sich gut liest und in überzeugender Form grundlegende Argumente für ein wirklich wichtiges Problem im jeweiligen Forschungsfeld liefert.

Man denke etwa an Stephen Jaegers „The Origins of Courtliness: Civilizing Trends and the Formation of Courtly Ideals, 939-1210“, David Wellberys „Specular Moment: Goethe’s Early Lyric and the Beginnings of Romanticism“, oder Edward Timms’ „Karl Kraus: Apocalyptic Satirist – Culture and Catastrophe in Habsburg Vienna“. Derartige Bücher sind schwer zu schreiben. Sind sie indes gut gelungen, werden sie auch in 30 Jahren noch gelesen werden. Und sie stellen genau jene Arbeiten dar, die Reputationen begründen und den Aufstieg in und die Anstellung an führenden Universitäten in den USA und in Großbritannien sichern.

In Deutschland ist es ohne Probleme möglich, mit der eigenen Promotion sowie einer Reihe von Artikeln und Beiträgen zu Sammelbänden erfolgreich Karriere zu machen. Der kürzlich gewählte Präsident der Freien Universität Berlin ist mit seinen vielfältigen, hoch angesehenen Monografien die Ausnahme, welche die Regel bestätigt. Der Vorsitzende des Wissenschaftsrates wiederum, ein ausgezeichneter Mediävist, hat seine Habilitation niemals als Buch veröffentlichen lassen. Dies wäre schlicht unmöglich in den USA und in Großbritannien.

Die traditionelle Form der deutschen Publikationslandschaft hat durch einen Anstieg der Sonderforschungsbereiche sowie durch die Exzellenzinitiative eine weitere Verfestigung erfahren. Mit dem Aufkommen der Letzteren hat sich Deutschland jener Art regelmäßiger Evaluation durch die Regierung unterworfen, die in Großbritannien – zum großen Verdruss des gesamten Berufszweiges – bereits in den frühen 1990er Jahren durch Margaret Thatcher eingeführt wurde. Wie in Großbritannien, so gibt es auch in Deutschland Gewinner und Verlierer. Die Tatsache, dass alle etwas zu gewinnen hoffen und einige – wie in einer großen akademischen Fußballliga – von Zeit zu Zeit tatsächlich etwas gewinnen, bedeutet, dass das System in nächster Zeit nicht verschwinden wird.

Aber das deutsche System der Geisteswissenschaften ist in der Fokussierung auf Gemeinschaftsprojekte ausgeprägter als das britische. In vergangenen Jahren haben deutsche Kollegen entweder Anträge für größere Forschungszuschüsse geschrieben (und hier bleibt zu bemerken, dass deutsche Antragsformulare wesentlich umfangreicher sind als britische und US-amerikanische) oder die Fördergelder aus erfolgreichen Anträgen verwaltet – oder beides. Eine kleine, aber signifikante Zahl deutscher Kollegen musste sich aus ausländischen Workshops, an denen ich selbst teilgenommen habe, zurückziehen. In diesem grundlegenden Sinne können Takt und Dynamik des deutschen Wissenschaftsmodells auf internationaler Ebene kontraproduktiv wirken.

Darüber hinaus führt die Prägung der deutschen Forschung durch die Taktung groß angelegter Kollaborationsprojekte (die dazu neigen, Sammelbände und Konferenzprotokolle statt Monografien zu produzieren) dazu, dass sich die Differenzen in den Forschungsergebnissen etablierter Wissenschaftler aus den USA und Großbritannien auf der einen sowie aus Deutschland auf der anderen Seite weiter verfestigen. In diesem Sinne tickt Deutschland einfach anders. Der deutsche Professor kann von Konferenz zu Konferenz tingeln, von Projekt zu Projekt, Buchkapitel, Artikel oder Sammelbände verfassen, während sein britischer oder US-Kollege seine Sommer- sowie Forschungszeit für Langzeitprojekte freihalten muss.

Ich denke, alles Weitere folgt aus diesen sehr grundlegenden Unterschieden im Verfassen von Büchern und der Gültigkeit eines Wissenschaftsmodells. Wie entstehen Trends in den unterschiedlichen Ländern? In den USA und Großbritannien tendenziell in organischer Weise, in Deutschland tendenziell über die Organisation thematischer Blöcke und Projekte. Die Zusammenarbeit könnte sich schwierig gestalten, wenn diese Wissenschaftler darauf getrimmt sind, eine gänzlich unterschiedliche Art von Beiträgen zu produzieren.

Sollten Deutsche mehr auf Englisch publizieren? Das wird aufgrund der verstärkten Internationalisierung der deutschen Forschung unvermeidbar sein. Dies wird jedoch kein Nachteil sein. So wird in der Mediävistik etwa die herausragende deutsche Forschung von Wissenschaftlern, die auf Englisch, Französisch oder Italienisch arbeiten, praktisch nicht wahrgenommen, geschweige denn zitiert. Deutsche Wissenschaftler werden sich daher nicht allein an die Nuancen der englischen Sprache anpassen müssen (diese ist simpler, direkter, aber zugleich auch suggestiver und subtiler im Stil), sondern an die Form der Monografie selbst, die eher 300 als 600 Seiten umfasst.

Die deutschen Geisteswissenschaften stehen an einem Scheideweg; vieles verändert sich sehr schnell. Gleichzeitig wird die Auslandsgermanistik in den nächsten fünf bis zehn Jahren ein noch schwächerer Schatten ihrer selbst sein. Die britische Regierung kürzt die Gelder für die Geisteswissenschaften, und die europäischen Sprachen liegen auf ihrem Sterbebett. Die Situation in den Vereinigten Staaten ist nicht viel anders. Wir befinden uns in einer sonderbaren Lage. Aufgrund des neuen Bestrebens nach Internationalität brauchen deutsche Wissenschaftler ihre Kollegen im Ausland mehr als je zuvor. Und infolge starker Kürzungen brauchen umgekehrt angelsächsische Wissenschaftler ihre Kollegen aus Deutschland mehr denn je. Wir alle müssen über unserer strukturelle und institutionelle Kompatibilität reflektieren und an ihr arbeiten.

Christopher Young ist Leiter der Germanistik an der Universität Cambridge in Großbritannien. In den kommenden zwei Jahren forscht er an der Friedrich-Schlegel-Graduiertenschule für literaturwissenschaftliche Studien der Freien Universität Berlin. Der Artikel basiert auf einer Rede, die auf einer Berliner Tagung (Möglichkeiten und Grenzen der Philologie) der FU und der Universitäten Cambridge, Chicago und John Hopkins (Baltimore) gehalten wurde.

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