Chronisch Kranke : Coach statt Couch

Eine Telefonberatung ermuntert chronisch Kranke zu einem gesünderen Lebensstil. Die regelmäßigen Gespräche helfen, nötige Umstellungen im Alltag durchzuhalten.

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Bewegung hilft. Sportliche Betätigung verbessert das Wohlbefinden.
Bewegung hilft. Sportliche Betätigung verbessert das Wohlbefinden.Foto: IMAGO

Klaus Frenzel war mit seiner Gesprächspartnerin sehr zufrieden. „Sie hat nett und zwingend gesagt, was zu tun war.“ Der Mittsiebziger spricht von dem telefonischen „Gesundheits-Coach“, den die Techniker-Krankenkasse ihm wegen seines Diabetes angeboten hatte. Bei dem Vorhaben geht es darum, dass Menschen mit chronischen Erkrankungen des Herzens oder Diabetes vom Typ 2 mit einer Pflegekraft oder einem Psychologen über eine mögliche Lebensumstellung und Alltagsgestaltung sprechen. Sie können gemeinsam Ziele festlegen und sich auf dem Weg dahin Unterstützung holen, etwa bei den Themen Ernährung, Bewegung, Rauchen und Alkohol. In ausführlichen Gesprächen, für die ihrem Arzt im Praxisalltag meist die Zeit fehlt.

Frenzel wurde dazu animiert, seine Ernährung umzustellen und mehr Sport zu treiben. „Als ich in Rente ging, bin ich ja etwas träge geworden“, berichtet er. Was dann passierte, klingt fast zu schön, um wahr zu sein: Seit den Gesprächen mit dem Coach unternimmt Frenzel regelmäßig Radtouren, der Mann ist rank und schlank, und er hat wieder mit seinem alten Hobby, dem Tanzen, begonnen.

Gestartet wurde das Projekt 2008. Die Kasse hat 150 000 Versicherten, die wegen „Alterszucker“ oder einer Herz-Kreislauf-Erkrankung in Gefahr standen, in absehbarer Zeit ins Krankenhaus zu müssen, das telefonische Gesundheits-Coaching angeboten. 35 000 ließen sich auf das Angebot ein, für rund ein halbes Jahr alle zwei Wochen eine gute halbe Stunde mit ihrem Gesundheitsberater zu telefonieren. Ihrem Arzt sollten sie ruhig davon erzählen. „Die Coachs sollen keine Ersatzärzte sein, wir wollen ausdrücklich mit den niedergelassenen Ärzten zusammenarbeiten“, sagte Jens Baas, Vorsitzender des TK-Vorstands, bei der Vorstellung von zwei Studien, die den Erfolg des Programms ermittelt haben. „Erfolg“ bedeute für die Versicherung zweierlei, sagte Baas. „Die Versicherten profitieren und es rechnet sich.“

Der Coach hilft dabei, einen gesünderen Lebensstil im Alltag umzusetzen

Denn Menschen, die auf dem Weg zu einem gesünderen Lebensstil ermuntert und bei der Stange gehalten werden, sollten seltener Verschlechterungen erleben, die zu einem teuren Krankenhausaufenthalt führt, so die Grundidee. Ob diese aufgeht, haben Forscher um Hans-Helmut König vom Institut für Gesundheitsökonomie und Versorgungsforschung am Uniklinikum in Hamburg-Eppendorf untersucht. Sie analysierten die Routinedaten der TK zu stationärer Krankenhausbehandlung, Reha, Medikamenten, ambulanter Pflege und Krankengeld ein Jahr vor dem Coaching und ein Jahr danach.

Diese Daten wurden mit denen einer Kontrollgruppe verglichen, die aus Versicherten bestand, die das Coaching abgelehnt hatten. Zwar hatten auch bei dieser Gruppe die Kosten abgenommen – schließlich waren alle Teilnehmer in einer Phase für die Studie rekrutiert worden, in der es ihnen besonders schlecht ging. Doch immerhin zeigte sich unterm Strich ein bescheidener Unterschied von 90 Euro pro Versichertem zugunsten der Coaching-Gruppe.

„Die Effekte sind insgesamt klein, allerdings sind sie bei der Gruppe der Arteriosklerose-Patienten mit 2364 Euro signifikant“, berichtete König. Was die Krankenhauskosten betrifft, so sanken sie auch bei Patienten besonders deutlich, die unter einer Kombination von Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Diabetes litten. Der Gesundheitsökonom hält es zudem für denkbar, dass das Coaching sich langfristig stärker auswirkt. Die Auswertungen sollen deshalb fortgesetzt werden.

„Jeder muss an seiner ,eigenen Haltestelle‘ abgeholt werden.“

Im August 2010 hatte bereits eine Metaanalyse der Cochrane Collaboration von 25 Studien speziell für die chronische Herzinsuffizienz belegt: Telemonitoring und strukturierte telefonische Unterstützung helfen nicht nur, Krankenhausaufenthalte zu reduzieren, sie können auch Todesfälle verhindern und die Lebensqualität der so Unterstützten verbessern. Der letzte Punkt interessierte Babette Renneberg vom Arbeitsbereich Klinische Psychologie und Psychotherapie der Freien Universität Berlin. Ihre Arbeitsgruppe befragte 2656 Personen, von denen die Hälfte neben der üblichen medizinischen Betreuung im Rahmen des Coaching-Programmes im Verlauf eines halben Jahres im Schnitt sieben Mal mit einem persönlichen Gesundheitsberater telefoniert hatte. Die Studienteilnehmer sollten zu verschiedenen Zeitpunkten vor allem ihren Gesundheitszustand auf einer Skala zwischen „sehr schlecht“ und „sehr gut“ einstufen.

„Studien belegen, dass die subjektive Bewertung eine gute Vorhersage von Erkrankungen und Sterblichkeit ermöglicht“, sagt Renneberg. Tatsächlich schätzten die Teilnehmer, die in den Genuss eines Coachs gekommen waren, ihren Zustand als deutlich besser ein. „Patienten mit einer koronaren Herzkrankheit und solche mit mehreren Krankheiten profitierten besonders stark“, sagt die Forscherin. Sie ist überzeugt, dass das vor allem am individuellen Ansatz der telefonischen Unterstützung liegt. „Jeder muss an seiner ,eigenen Haltestelle‘ abgeholt werden.“

Bei Klaus Frenzel jedenfalls ist das gelungen.

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