Wissen : Computer im Dornröschenschlaf

Schule in der digitalen Gesellschaft: Die „Bildungsmediale“ im Tagesspiegel beklagt deutschen Rückstand.

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Foto: Kai-Uwe Heinrich TSP

Deutschland, eine Bananenrepublik? Intel-Manager Hannes Schwaderer sieht das so: „In der Ausstattung der Schulen mit digitalen Medien liegen wir weit hinter anderen Ländern zurück – Portugal zum Beispiel ist uns 15 Jahre voraus.“ Dort bekommt jeder Schüler ein Notebook, im Unterricht wird mit digitalen Medien gearbeitet, es gibt Standards für die Ausstattung und Wartung der Schul-IT.

An deutschen Schulen dagegen herrscht Wildwuchs: „Jeder Schulträger muss sich selbst ein Konzept überlegen, welche Hard- und Software er anschafft und wie er sie wartet. Es gibt hierzulande 40 000 Einzellösungen. Kein Unternehmen würde sich so ein Durcheinander leisten“, beklagt Schwaderer. Er ist Präsident der „Initiative D21“, in der sich Unternehmen und politische Organisationen zu einem Netzwerk für die Digitale Gesellschaft zusammengeschlossen haben. Auf der „Bildungsmediale“, einer Tagung im Verlagshaus des Tagesspiegels zur Schule in der digitalen Gesellschaft, forderte er am Donnerstag ein bundesweites Programm und allgemein verbindliche Standards.

Der Umgang mit digitalen Medien ist eine neue Kulturtechnik – aber ob und wie deutsche Schüler sie im Unterricht erlernen, hängt von Zufällen ab: Wie ihre Schule ausgestattet ist, ob ihre Lehrer damit arbeiten wollen, ob die PCs, Laptops oder interaktiven Whiteboards gerade funktionieren oder mangels professioneller Wartung in den Dornröschenschlaf gefallen sind. Drei Initiativen veranstalteten jetzt gemeinsam mit dem Tagesspiegel die „Bildungsmediale“, um einen Bewusstseinswandel einzuläuten: die Initiative 21, das „Bündnis für Bildung“, in dem sich IT-Unternehmen mit Verlagen und Vertretern der öffentlichen Hand engagieren, und die Initiative von Medienpädagogen „Keine Bildung ohne Medien“. Dass hier Computerfirmen gemeinsam mit Verlagen und Pädagogen auftreten, ist ein Novum. Denn die technische Ausstattung ist nicht das einzig Entscheidende: „Es geht um einen kritischen, reflexiven, sozial verantwortlichen und produktiven Umgang mit Medien“, sagte der Erziehungswissenschaftler Horst Niesyto. „Dafür müssen wir die Lehrer mitnehmen, sie dürfen nicht das Gefühl haben, dass ihnen etwas aufgezwungen wird. Wir brauchen ein breites Bündnis für die digitale Bildung.“

Woran liegt es, dass das reiche Deutschland nicht schafft, was das arme Portugal schon erreicht hat? „Es gibt keinen gemeinsamen Ansatz“, sagte Christine Hauck, Vorsitzende des Bündnisses für Bildung. Der Bildungsförderalismus, insbesondere das grundgesetzlich verankerte Kooperationsverbot von Bund und Ländern in der Bildungspolitik, machen es unmöglich, flächendeckend einheitliche Standards für IT-Ausstattung, Wartung und für medienpädagogische Anforderungen in der Lehrerbildung durchzusetzen. Das führt quer durch die Parteien zu Unmut, der bei der Podiumsdiskussion vom Düsseldorfer CDU-Politiker Thomas Jarzombek ebenso geäußert wurde wie von der grünen Bundestagsabgeordneten Tabea Rößner und Ralph Sonnenschein vom Deutschen Städte- und Gemeindebund. „Beim Ganztagsschulprogramm ging es doch: Plötzlich war Geld da und es ist bundesweit was passiert. Warum sollte das nicht auch bei der IT gehen?“Dorothee Nolte

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