• Coronavirus: Zehn Jahre nach Sars: Ungewöhnliche Lungenentzündungen alarmieren Forscher

Coronavirus : Zehn Jahre nach Sars: Ungewöhnliche Lungenentzündungen alarmieren Forscher

Während die Erforschung von Sars ein Musterbeispiel internationaler Zusammenarbeit war, beklagen Infektionsbiologen beim neuen Virus eine noch stockende Informationspolitik.

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Hong Kong zu Sars-Zeiten
Angst vor Ansteckung. Als im März 2003 immer mehr Menschen in Hong Kong an Sars erkrankten, trauten sich viele nur noch mit...Foto: AFP

Der Arzt aus Südchina will zu einer Hochzeit und checkt ins Zimmer 911 des Metropole-Hotels in Hong Kong ein. Er fühlt sich nicht wohl, besichtigt aber trotzdem einige Sehenswürdigkeiten. Am nächsten Tag wird er mit Atemwegsproblemen auf der Intensivstation des Kwong-Wah-Krankenhauses behandelt. Er warnt seine Ärzte, dass er möglicherweise etwas sehr Ansteckendes hat – er hatte zuvor in der Provinz Guandong Patienten mit untypischen Lungenentzündungen behandelt. Unterdessen reist seine Zimmernachbarin, eine Touristin aus Toronto, nach Kanada zurück. Sie infiziert etliche Familienangehörige und stirbt ebenfalls kurz darauf an einer Krankheit, die wir heute unter dem Namen Sars kennen.

Das war im Februar 2003. Heute vor zehn Jahren alarmierte die Weltgesundheitsorganisation die internationale Gemeinschaft, dass Krankenhäuser in Hong Kong und Hanoi von ungewöhnlich schweren Lungenentzündungen berichten. Der Gast aus dem Zimmer 911 hatte Sars, das seit November 2002 in Südchina kursierte, den Weg in alle Welt bereitet. Ein großer Teil der fast 8500 Erkrankungsfälle weltweit ging auf ihn zurück. In Städten wie Hong Kong, Toronto und Singapur kam es zu großen Ausbrüchen, das öffentliche Leben stand dort fast still. Bis zum Ende der Epidemie im Juli 2003 starben etwa 900 Menschen. Auch der ökonomische Schaden war mit bis zu 50 Milliarden Dollar immens.

Trotzdem war Sars eine Erfolgsgeschichte. Dank konsequenter Isolation der Erkrankten sowie schneller, transparenter Zusammenarbeit der Forscher weltweit konnte das Virus innerhalb von fünf Monaten gestoppt werden. Umso irritierter sind Infektionsbiologen, wie heute, zehn Jahre nach Sars, mit einem neuen Coronavirus umgegangen wird.

Coronaviren lösen normalerweise Erkältungen aus, vier solcher Schnupfenviren können Menschen infizieren. Doch Sars und das neue Coronavirus sind anders: Soweit man weiß, verursachen sie ein ähnliches Krankheitsbild mit schweren Lungenentzündungen und teilweise Nierenversagen. Anders als Sars scheint das neue Coronavirus, das bisher in Saudi Arabien, Katar, Jordanien und Großbritannien nachgewiesen wurde, nicht besonders ansteckend zu sein: Von April 2012 bis März 2013 wurden nur 14 Erkrankungsfälle gemeldet. 13 der Infizierten waren schwer krank, acht starben. Ein Patient aus Katar wurde in einem deutschen Krankenhaus behandelt.

„Wir wissen bisher viel zu wenig über das neue Coronavirus“, sagt der Sars-Veteran Christian Drosten. Der Bonner Virologe hat während der Sars-Epidemie den ersten diagnostischen Test entwickelt und ist nun wieder an vorderster Front dabei. Doch der Informationsfluss sei heute viel zäher. Das mache es schwer, die Gefährlichkeit des Virus einzuschätzen und sein Entstehen zu rekonstruieren. „Möglicherweise verpassen wir den Zeitpunkt, zu dem wir eine Epidemie leicht aufhalten könnten. Und das nur, weil einige Gesundheitsbehörden und Labore auf ihren Daten sitzen, statt sie zu veröffentlichen.“

Sars war ein Beispiel für Transparenz in der Forschung. Jede Erbgutsequenz, jedes Detail war sofort im Netz zugänglich – obwohl die Beteiligten damit die Publikation in hochrangigen Fachjournalen riskierten. „Dieses Mal sind wir zum Warten verdammt“, sagt Drosten. „In der Zwischenzeit hat das Virus Zeit, sich besser an den Menschen anzupassen und dadurch vielleicht übertragbarer zu werden.“

Dass ein Ausbruch von schweren Lungenentzündungen in Jordanien im April 2012 etwas mit dem neuen Coronavirus zu tun hat, wissen bis heute selbst Experten nur vom Hörensagen, beklagt Drosten. Die Proben werden in einem Labor des US-Militärs in Ägypten analysiert. Die Ergebnisse lagen wohl bereits vor Weihnachten vor, wurden aber noch nicht publiziert. In Großbritannien, wo Proben aus Saudi-Arabien untersucht werden und im Februar die erste Infektionskette innerhalb einer Familie nachgewiesen wurde, gibt die Health Protection Agency nur wenige Details über die Viren bekannt. „Dabei müssen Mitarbeiter von Gesundheitsbehörden ihr eigenes Interesse in den Hintergrund stellen“, sagt Drosten. Auffällig sei auch die Informationspolitik Saudi-Arabiens. Die ersten spärlichen Meldungen über das Auftreten eines neuen Coronavirus wurden im letzten Herbst zu einem Zeitpunkt veröffentlicht, als die meisten Mekka-Pilgerer bereits auf der Anreise waren.

Thorsten Wolff, Virusforscher am Robert Koch-Institut, schätzt die Lage weniger kritisch als bei Sars ein: „Sars hat sich schnell rund um den Globus verbreitet, hier sehen wir nur vereinzelte Infektionen“, sagt er. Keiner der Ärzte und Pfleger, die einen Patienten aus Katar in einem Essener Krankenhaus betreuten, hätte sich infiziert. „Offenbar reichen die normalen Schutzmaßnahmen auf einer Intensivstation, um das zu vermeiden.“

Drosten ist anderer Meinung: „Als der Patient hier ankam, war er wahrscheinlich kaum noch ansteckend“, sagt er. Für die Ansteckung innerhalb einer Familie in Großbritannien habe eine gemeinsame Autofahrt gereicht. Bisher wisse man nur, dass eine Mensch-zu-Mensch-Übertragung möglich ist, dass die nächsten Verwandten der Viren in Fledermäusen vorkommen, dass sich die Viren in vielen Säugetierarten vermehren und auch tief in der menschlichen Lunge andocken können. „Vielleicht ist es falscher Alarm und es ist ein schlecht übertragbares Erkältungsvirus, das nur wenige Menschen schwer krank macht“, sagt Drosten. Für diese Schlussfolgerung brauche man aber mehr Daten.

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