Darmbakterium EHEC : Keim der Angst

Es kann lebensbedrohlich sein. Das Darmbakterium EHEC breitet sich in Norddeutschland rasant aus. Wie ernst ist die Lage?

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Die ersten Fälle tauchten in der vergangenen Woche in Hamburg auf. Die Betroffenen klagten über wässrigen oder blutigen Durchfall, Übelkeit, Erbrechen und Bauchschmerzen. Inzwischen sind, vor allem in Norddeutschland, 140 Menschen erkrankt. 40 von ihnen schwer, bis hin zur Lebensgefahr. Die Diagnose lautet: Infektion mit dem gefährlichen Darmkeim EHEC. Bundesweit sind zudem bis Montagabend mindestens 160 Verdachtsfälle gemeldet worden, einige davon auch in Berlin. Bis Dienstagmorgen stieg die Zahl der gemeldeten Verdachtsfälle bedeutend. 200 allein in Schleswig-Holstein.

Welcher Erreger ist die Ursache für die Erkrankung?

Normalerweise sind Escherichia coli Bakterien, kurz E.coli, harmlose Zeitgenossen. Sie gehören zu den zahlreichen Arten von Mikroorganismen, die im menschlichen Darm leben. Einige E.coli-Stämme aber, enterohämorrhagische E.coli (EHEC), tragen in ihrem Erbgut ein Gen namens stx. Dieses Gen dient den Keimen als Bauanleitung für ein gefährliches Gift, das Shigatoxin.

Gelangen EHEC-Keime in den Darm, so setzen sie sich dort fest, vermehren sich und produzieren das Gift. Das dringt in die Zellen der Darmwand ein und tötet sie. Dadurch kommt es zu dem blutigen Durchfall, der für EHEC-Infektionen typisch ist und dem Erreger den Namen gibt (enterohämorrhagisch bedeutet Darmblutungen erzeugend).

Wie gefährlich ist der Erreger?

In den meisten Fällen verlaufen EHEC-Infektionen milde. Dem Immunsystem eines gesunden Menschen gelingt es in der Regel, den Keim zu besiegen. Etwa jeder zehnte Patient entwickelt aber eine gefährliche Komplikation, das hämolytisch-urämische Syndrom (HUS). Dabei wird das Gift der EHEC-Keime in die Nierengefäße getragen und zerstört dort die Innenwand. Die Folge: Die Nieren können versagen.

Das Blut der Patienten muss dann mittels Dialyse von Giftstoffen gereinigt werden, bis der Köper die Infektion besiegt hat. „Wir können nur die verlorene Flüssigkeit ersetzen und vor allem die Dialyse zur Verfügung stellen“, sagt Thomas Schneider, Leiter der Infektiologie am Charité-Campus Benjamin Franklin. Mehr könnten die Ärzte nicht tun. „Es geht darum, eine kritische Phase zu überwinden.“

Medikamente, die das Gift gezielt bekämpfen, gibt es nicht. Und auf Antibiotika sollte unbedingt verzichtet werden. Eine Studie im „New England Journal of Medicine“ hatte eine Gruppe von EHEC-Patienten, die Antibiotika bekamen, mit einer Gruppe verglichen, die keine Medikamente erhielten. Das Ergebnis: Menschen, die Antibiotika bekamen, hatten ein erhöhtes Risiko auch das HUS zu entwickeln. „Das liegt vermutlich daran, dass Antibiotika die Bakterien zerstören, die mit diesen Giftstoffen vollgestopft sind. So wird in kurzer Zeit eine große Menge des Giftes freigesetzt, und das ist besonders gefährlich“, erklärt Schneider.

Leidet ein Patient an HUS, kann das tödlich enden. „Zum Glück passiert das nur bei einem Bruchteil der Patienten“, sagt Schneider. So gab es im Jahr 2009 in Deutschland 836 EHEC-Infektionen, 66 dieser Patienten entwickelten HUS, zwei starben.

Woher kommen die Erreger?

EHEC-Bakterien kommen hauptsächlich im Darm von Wiederkäuern wie Rindern, Schafen und Ziegen, aber auch Rehen und Hirschen vor. Die Tiere erkranken selbst nicht, scheiden die Keime aber im Kot aus. Kleinste Spuren reichen, um Menschen anzustecken. „Schon zehn bis 50 Bakterien können einen Menschen infizieren“, sagt Peters.

Grundsätzlich gibt es für den Menschen drei Möglichkeiten, sich anzustecken: Durch direkten Kontakt mit den Tieren, durch Kontakt mit anderen Menschen, die sich angesteckt haben, oder durch mit Fäkalien verunreinigte Lebensmittel. Das Auftreten so vieler Fälle an verschiedenen Orten in Deutschland lässt eigentlich nur einen Schluss zu: Dass in diesem Fall Lebensmittel die Quelle der Bakterien sind.

Welches Lebensmittel es sein könnte, das ist aber derzeit noch unklar. In Frage kommen zahlreiche Gruppen: Beim Schlachten oder Melken können die Keime in Fleisch und Milch gelangen, so dass zum Beispiel Rohmilchkäse oder nicht ausreichend erhitztes Fleisch als Quellen infrage kommen. Nach Angaben des Robert-Koch-Instituts (RKI) gibt es bisher aber keine Hinweise darauf, dass rohes Fleisch oder Rohmilch die Ursache des aktuellen Ausbruchs darstellen. „Wenn jetzt viele Menschen in einer Stadt erkrankt wären, dann wäre es wahrscheinlicher, dass zum Beispiel eine bestimmte Kuh die Ursache ist“, sagt Georg Peters, Mikrobiologe am Universitätsklinikum Münster. Danach sehe es aber nicht aus.

Möglich wäre es auch, dass Obst oder Gemüse, die beim Düngen verunreinigt wurden, die Quelle der Bakterien sind. In anderen Fällen sind EHEC-Ausbrüche zum Beispiel durch Spinat oder nicht erhitzten Apfelsaft ausgelöst worden. In einem der größten EHEC–Ausbrüche aller Zeiten in der japanischen Stadt Sakai waren Tausende Menschen betroffen, die sich durch Rettichsprossen angesteckt hatten. Was auch immer die Quelle ist: Es treten immer noch neue Fälle auf. „Aktuell kann nicht ausgeschlossen werden, dass die Infektionsquelle noch aktiv ist“, heißt es deshalb beim RKI.

Was ist so ungewöhnlich an dem Ausbruch?

Zum einen die Häufigkeit: In Deutschland gibt es jedes Jahr etwa tausend Fälle von EHEC-Infektionen. „So viele Fälle in so kurzer Zeit hat es aber noch nicht gegeben“, sagt Susanne Glasmacher, Sprecherin des RKI. Ungewöhnlich ist auch, dass Erwachsene häufiger betroffen zu sein scheinen. Normalerweise erkranken vor allem Kinder im Vorschulalter. Das typische Szenario: Kinder besuchen einen Bauernhof, trinken dort Rohmilch und erkranken danach. Von den 65 HUS- Fällen, die im vergangenen Jahr auftraten, waren nur in sechs Fällen Menschen betroffen, die älter als 18 Jahre waren. Noch ist völlig unklar, warum das Muster beim aktuellen Ausbruch ganz anders aussieht. Mikrobiologe Georg Peters rät auf jeden Fall: „Wer Unterbauchschmerzen hat und Durchfall, möglicherweise sogar blutigen, der sollte sofort in eine Klinik.“

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