Darwin-Nachkommen : Die Artverwandten

Die Darwins: Mehr als 70 Nachkommen des Wissenschaftlers leben heute versprengt auf der ganzen Welt. Was hat die Evolution aus ihnen gemacht? Gibt es etwas, das sie eint? Drei seiner Ururenkel erzählen.

Deike Diening
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Sarah Darwin, Ururenkelin von Charles Darwin -Foto: Deike Diening

London Um herauszufinden, wie viel Darwin noch in der Welt ist, rein genetisch, haben es einige Biologen mit den Methoden der exakten Wissenschaften versucht. Und eines Tages fand Emma Darwin in einem Wissenschaftsblog Charles Darwins Anteil an ihren Genen errechnet: zwei Prozent! Sie fühlte sich reduziert. Sie fand es befremdlich, dass da in einem ernst zu nehmenden Wissenschaftsforum ihr Genanteil zur Debatte stand. Was ging das die Leute an? War sie etwa nur ein Darwin’sches Evolutions-Beispiel? Am Tag des Eintrags registrierte sie auf ihrem eigenen Blog, der sich mit Aspekten des Schreibens beschäftigt, 5000 Zugriffe. Das waren 4850 Zugriffe mehr als an normalen Tagen. „Da wollten die Biologen gucken, was das neueste Darwin’sche Exemplar so zuwege bringt.“

Emma Darwin ist eine Ururenkelin von Charles Darwin, und ein Teil der Anpassung an ihre Umwelt besteht darin, sich daran zu gewöhnen, dass erwachsene Wissenschaftler sich ihr gegenüber bizarr benehmen. Auf einem Kongress in Mexiko, zu dem sie eingeladen war, hatten die Forscher „quasi eine Verabredung mit meinen Genen getroffen“. Sie wussten besser Bescheid über das Leben von Charles Darwin als sie selbst. Sie waren aufgeregt, sie wollten sie anfassen – und dadurch anfassen, was die Evolution aus Charles Darwin gemacht hatte. Sie hatte es mit Groupies zu tun, die wussten: Alles ist miteinander verwandt. Und am meisten die Verwandten.

Die Familie kennt die Namen von mehr als 70 lebenden Nachkommen, Emma Darwin allein zählt zwölf direkte Cousins, sie leben über die ganze Welt verteilt, häufiges Vorkommen jedoch in London. Weshalb man in dieser Stadt herumfahren kann, und immer wieder öffnet einem ein anderer Darwin die Tür. Was aber sind die Merkmale dieser Art?

Emma Darwin hat einen warmen Händedruck an diesem Nachmittag in London. Die Hand, durch die in der fünften Generation auch von Darwins Genen informiertes Blut pulsiert, gehört zu einer kleinen Person, die in Variationen von Grün gekleidet ist, und obenauf sitzt ein Kopf, der sich an normalen Tagen mit dem Verfassen historischer Romane beschäftigt. „Diese rechnerische Herangehensweise der Biologen sagt natürlich gar nichts darüber aus, was diese Familie ausmacht.“ Sie sitzt auf einem Sofa im fünften Stock des Waterstone’s Bookshop, Piccadilly, und ist sich sicher, Charles Darwin hätte es anders gemacht: Sein forschender Blick hätte eine Weile auf dieser Familie geruht, er hätte ihre Mitglieder besucht und verglichen, und ihm wären ganz schnell charakteristische Merkmale ins Auge gesprungen. Er hätte Muster erkannt, Eigenschaften, er hätte gesehen, wie einige Dinge über die Generationen hinweg immer wieder auftauchen, dass einige aus der weiblichen Spezies wieder Emma heißen wie seine Frau, dass in Australien wieder ein Junge heranwächst, der wie sein eigener Großvater Erasmus heißt.

Es ist eine Familie, deren Frauen bei der Heirat die Namen ihrer neuen Männer ungern annehmen, ein großes Interesse für die Natur scheint dominant, und sobald die Familienmitglieder auf die Galapagos-Inseln reisen, scheint etwas mit ihnen zu passieren. Eine erforscht das Wesen der Galapagos-Tomate, ihr Bruder spendet für den Erhalt der Arten 300 000 Dollar an den Bush Heritage Fund in Australien, viele sind Wissenschaftler, aber einige auch Musiker und Poeten, die in ihren Disziplinen bemerkenswert erfolgreich sind, denn sie bekleiden Ämter und erhalten Preise. Ja, sie haben, wie Emma Darwin sagt, „einen sehr starken, besonderen Familiengeruch“.

Und während die Konzentration der Original-Darwin-Genkombination von Generation zu Generation verwässert, steigert sich das Interesse an dem Mann einem vorläufigen Höhepunkt entgegen, weshalb Randal Keynes am Abend des heutigen 12. Februar, dem Tag, an dem sein Ururgroßvater 200 Jahre alt geworden wäre, in Cambridge bei einem „Charity Dinner“ an einer großen Tafel des Christ College sitzen wird, inmitten von Menschen, die jeweils 5000 Pfund gezahlt haben für das Privileg seiner Gesellschaft. Er wird einen Vortrag halten über die aktuelle Lage der Spottdrossel auf den Galapagos-Inseln zugunsten des Conservation Trust und der Universität.

Aber jetzt hängt Randal Keynes zugunsten seiner Besucherin einen Teebeutel in eine Tasse mit dem Aufdruck Darwin Research Center, Galapagos, und sinkt in einen Sessel. „Tja“, sagt er entschuldigend, und sein Blick flitzt die Wände entlang, „das Sammler-Gen.“ Bei Charles Darwin waren es Blumen und Vögel und Muscheln, die der sammelte, beschriftete und regelmäßig von seiner fünfjährigen Welt- und Forschungsreise mit der „Beagle“ voraus nach London schickte. Bei Randal Keynes sind es alte Keramik und Stiche aus dem 16. und 17. Jahrhundert. Es scheint, die Art der Darwins, die ist noch in der Welt, oder?

Man muss wissen, sagt Randal Keynes, dass diese Familie groß ist und ganz versprengt. Keineswegs lebt sie im Bewusstsein einer Großfamilie, die sich auf ihren gemeinsamen Ahnen beruft. Erst später im Leben und oft zufällig begännen sich die Familienmitglieder überhaupt für ihn zu interessieren. Er selbst kenne auch gar nicht alle, spreche also für sich, wenn er nun versuche, Eigenschaften und Merkmale dieser Familie herauszufiltern.

Randal Keynes, ganz in Cord und Wolle, fällt zum Beispiel keine andere Familie ein, die sechs Generationen in Folge in der renommiertesten britischen Wissenschaftsorganisation, der Royal Society, vertreten ist. Unabhängig voneinander treibe es die Familienmitglieder immer wieder zur Wissenschaft. Diejenigen, die in seiner Familie noch Darwin hießen, sagt er, müssten damit leben, mit der Neugier und mit den Erwartungen, „die anderen haben die Wahl“. So wie er, der ja Keynes heißt, von der Familie des John Maynard, Ökonom, nur er selbst sei leider ganz ohne ökonomisches Verständnis.

Und dann muss er zu einem Termin, er wirft sich einen Mantel über, schaltet die Alarmanlage ein, läuft zur U-Bahn, wird ein ununterscheidbares Exemplar jener Art, die sich in London jeden Tag zu Tausenden durch die Tunnel presst, „mind the gap“, und ganz selten einmal, sagt er nun in der Menge und gegen das Rattern des Waggons, wird ihm dieses Erbe unangenehm, und zwar eigentlich nur dann, wenn Vertreter der Kirche genauso wie Agnostiker auf ihn zukommen und ihm beide gleichermaßen zu beweisen suchen, dass Charles Darwin doch in Wahrheit einer der ihren war. Er schaut gequält. In solche Diskussionen will er gar nicht verwickelt werden.

Um wie viel mehr schätze er, dass er dreimal im Jahr auf die Galapagos-Inseln fahren kann in seiner Eigenschaft als Wissenschaftsbeirat des Galapagos Trust. Ein Privileg, das er geschenkt bekommen hat, als Nachfahre. Und dort hat er sich begeistert, hat bemerkt, dass die heimische Art der Spottdrossel ausgerechnet auf der Insel bedroht ist, auf der Darwin sie entdeckte. Er tritt nun für ihre Erhaltung ein. „Und wenn die Mitglieder dieser Familie sich für etwas interessieren, dann richtig“, sagt Randal Keynes. So ein Interesse wachse sich aus, kapere mitunter das ganze Leben. King’s Cross rauscht vorbei, Oxford Circus, Keynes ist auf Galapagos.

Die Türen schlagen, die Schranken piepen elektronisch, und oben, wieder am Licht, fällt ihm ein, dass er der Familie auch etwas zurückgegeben hat, mit seiner eigenen Obsession, dass er nämlich dem Familiengedenken einen Ort und ein Zuhause gegeben hat. Denn natürlich sei niemand von der Familie je zur Westminster Abbey gepilgert, wo Charles Darwin begraben liegt. Er jedoch, Konservator von Beruf, habe Ende der Achtziger bemerkt, dass Charles Darwins Wohnhaus, Down House, in Kent, zu verfallen drohte. Er setzte alle Hebel für eine Restaurierung in Bewegung. Heute ist das Haus ein Museum, umgeben von dem legendären Garten, den Darwin als sein Labor benutzte und der heute wieder lebendig und wie eh den Gesetzen der Evolution gehorchend jedes Jahr aufs Neue erblüht.

Die Familienmitglieder kannten ja die Geschichten über den Garten, bevor sie wussten, was Darwin eigentlich entdeckt hatte. Sie kannten diese warme Vorstellung davon, wie Darwin mit seinen zahlreichen Kindern in dem Haus gelebt hat, wie das Leben dahinfloss, geordnet, akademisch, denkend – und nachmittags die Korrespondenz. Dieses Leben, in dem geforscht wurde, während zugleich die Kinder zur systematischen Naturbeobachtung angeleitet wurden, war in der Familie zu einem Ideal geworden. „Und dann kam diese irre Menge an Geld“, sagt Randal Keynes und lacht noch immer ungläubig. Das Haus ist jetzt Nationalkulturerbe. „Stellen Sie sich vor, Sie haben Erinnerungen an das Haus Ihrer Oma – und dann stellen Sie fest, dass andere gerne dafür bezahlen möchten.“ Randal Keynes muss jetzt los, dreht sich um und wird wieder ein Mann der Menge.

Er selbst, hat er vorher gesagt, habe einige Verwandte erst über dieses Haus kennengelernt, auch Sarah Darwin, 44, Expertin für die Galapagos-Tomate, die jetzt ein paar U-Bahn-Stationen weiter in Westlondon die Tür öffnet. Vielleicht ist sie diejenige, bei der das Darwin’sche Erbe am direktesten zutage tritt.

Sie interessierte sich zuerst für den Regenwald, illustrierte dann ein Buch mit botanischen Zeichnungen der Pflanzen auf Galapagos, und beim Malen stellte sie fest, dass eine Tomatenart gar nicht die heimische war, sondern eine invasive Art. Die heimische Galapagos-Tomate war offensichtlich bedroht und bestimmte fortan ihren Weg: Sarah Darwin fing an, Botanik zu studieren. Sie bewarb sich beim National History Museum um Forschungsgelder, brachte mit importierten Samen in London 1300 Pflanzen zur Frucht, und nun, da sich der Geburtstag ihres Ahnen zum 200. Mal jährt, liegt seine Ururenkelin in den letzten Zügen ihrer Doktorarbeit. „Sie können es auch eine Obsession nennen“, sagt sie, und sie weiß natürlich, dass sie da sehr direkt auf den Spuren ihres Ahnen wandelt.

„Willst du etwa behaupten, dass all dies Zufall ist?“, haben ihre Freunde sie gefragt. Die Botanik. Galapagos. „Ja“, habe sie geantwortet und guckt einen auch jetzt noch an, als wage man zu zweifeln. Sie hat sich ja nicht wegen Darwin für diese Dinge interessiert, sondern erst spät erfahren, welche Rolle er in ihrem Fach gespielt hat. Erst als sie mit dem Studium begann, stellte sie fest, wie grundlegend die Arbeit war, die Darwin geleistet hatte. Sie konnte ihm nicht mehr entgehen, schon rein akademisch – laufend bezogen sich in den Fußnoten die Originalquellen auf ihn.

Zufall also. Ist es Zufall, weil sie all das nicht bewusst getan hatte, in dem Wissen, eine Spur aufzunehmen, die schon in der Familie lag? Vielleicht ist ja trotzdem eine Anlage da gewesen, wenn auch nicht in ihrem rationalen Denken.

Die spezifischen Merkmale einer Familie setzen sich zusammen aus unausgesprochenen Regeln, Traditionen, Rollenmustern, Erwartungen. Das ist überall so. „Nur dass sich bei dieser Familie noch andere Leute dafür interessieren“, sagt Emma Darwin im Waterstone’s. Und ihr fallen noch viele Dinge ein, die auffällig sind, in dieser Familie. Ihre Mitglieder sind oft mehrmals miteinander verwandt, denn gelegentlich haben sie ihre Cousins geheiratet, „eine sehr darwinistische Vorliebe“, sagt Emma Darwin und bricht in Lachen aus.

Aber die große Gemeinsamkeit liege nicht so sehr in ihrer Disziplin, ihrem Beruf. Es gibt in dieser Familie, sagt Emma Darwin, ja beileibe nicht nur Wissenschaftler, es gibt Dichter, Lehrer, Anwälte, Musiker, Schriftsteller, Journalisten, viele mit beträchtlichem Erfolg – und was die eint, erschließt sich nicht auf den ersten Blick.

Und dann sieht man einem Darwin-Geist bei der Arbeit zu, organisierend, analysierend, Kategorien bildend: Auffällig sei, dass das Interesse der Darwins häufig wandert, von einem Thema zum anderen. Charles Darwin hatte sich in Edinburgh bei den Medizinern gelangweilt, er hat dann in Cambridge Theologie studiert, nur um dann kurzfristig, nach dem eiligen Kauf von Kompass, Fernrohr und Pistolen, als schnell angelernter Botaniker ein Forschungsschiff zu besteigen, das er als Naturwissenschaftler wieder verlassen sollte.

Und diese intellektuelle Suchbewegung ist seitdem in der Familie verankert. Das Merkmal, sagt Emma Darwin, ist nicht, was sie tun, sondern wie sie es tun. Das betreffe nicht nur sie selbst, die sich erst für Geschichte interessiert, dann fotografiert hat und nun neben historischen Romanen ihren Doktor in Creative Writing schreibt. Die Familie ist voll davon! Da sind ihre beiden Schwestern, eine hat Chemie studiert, ist jetzt aber Sängerin, die andere studierte englische Literatur, lehrt nun jedoch Mathematik. Selbst Sarah Darwin habe ja mit botanischen Illustrationen angefangen und ist darüber Botanikerin geworden. Es gibt für diese These noch schillerndere, exzentrischere Beispiele wie den Juristen Bernard Darwin, der nach seinem Studium keine Lust mehr auf die Juristerei hatte und stattdessen ab 1907 für 46 Jahre der erste hauptberufliche Golf-Korrespondent für die „Times“ wurde. Er spielte selbst derartig gut, dass er einmal bei einem Turnier als Ersatzspieler für die britische Mannschaft eingesetzt wurde und prompt gewann.

Das Leben, wie die Darwins es begreifen, ist eine intellektuelle Reise, „und die wichtigste Frage ist, was man als ein Darwin mit seinem Verstand anfängt“, sagt Emma. „Auf diese Frage muss man eine Antwort finden, das ist die größte Aufgabe im Leben.“ Die Tatsache, dass sie für ihr Tun zunächst keine formale Ausbildung haben, scheint ihren Ehrgeiz nur anzustacheln. Dafür braucht es das Vertrauen darin, dass schon etwas herauskommt, wenn man sich nur lange genug mit einer Sache beschäftigt. „Diese Familie unterstützt das, auch mit Geld“, das ist nicht selbstverständlich, und das muss man können. Charles Darwin ist in die wohlhabende Wedgwood-Familie hineingeboren, die das Geld aus der erfolgreichen Porzellan-Produktion des Großvaters hatte. Nur damit konnte er seine fünfjährige Weltreise an Bord eines Schiffes finanzieren.

Und weil die Kehrseite der Unterstützung die Erwartungshaltung ist, und zwar nicht nur von der eigenen Familie, sondern auch von der gesamten Umgebung, die irgendwie vorauszusetzen scheint „dass ein Darwin besonders clever ist“, könne das zuweilen hart sein. Weil man immer den Erfolg der anderen sieht, weil man selbst vielleicht gerade nicht so sicher ist, wohin der Verstand will. Emma Darwin hatte Angst, bevor ihr erstes Buch erschien, aus demselben Grund, aus dem Sarah Darwin bei ihrem Studium außer Lernen kaum etwas gemacht hat.

Heute Abend wird Emma Darwin bei einer Buchvorstellung sein. Ruth Padel, Dichterin und Cousine, wird Gedichte über Darwin veröffentlichen. Und was hatte Randal Keynes geraten? „Lesen Sie das Buch, das sie vorher geschrieben hat.“ Es handelt von Tigern, sie ist mehrere Jahre den Tigern hinterhergereist. Ausbildung? Keine. Warum hat sie das gemacht? Aus Interesse. „Daran erkennen Sie, dass sie eine echte Darwin ist.“

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