Wissen : Das Ende der Hauptschule

Gemeinsam lernen: Bundesweit werden Schularten vereint. Aber das Gymnasium soll bleiben

Amory Burchard

Hat das dreigliedrige Schulsystem ausgedient? Berlins Bildungssenator Jürgen Zöllner liegt mit seinem Vorschlag, Haupt- und Realschulen zusammenzulegen und in einigen Jahren alle Schulabschlüsse in einer „Regionalschule“ zu vereinen, voll im Trend. Tatsächlich ist die Hauptschule in Großstädten wie Berlin und Hamburg mit einem Schüleranteil von zehn Prozent zur ungeliebten Restschule geworden. Es gelingt ihr kaum, lernschwache Jugendliche individuell zu fördern. Und auch diejenigen, die den qualifizierten Abschluss schaffen, haben kaum eine Chance auf einen Ausbildungsplatz. Aber auch in Ländern wie Baden-Württemberg und Bayern, in denen 30 Prozent der Schüler eine Hauptschule besuchen, wird sie als Sackgasse gesehen.

Unterdessen weckt die Abschaffung der Hauptschule Ängste bei bildungsbewussten Eltern, deren Kinder gemeinsam mit Hauptschülern unterrichtet werden sollen. So zeichnet sich als weiterer Trend ab: Während Haupt-, Real- und Gesamtschulen in vielen Bundesländern zusammengelegt werden, bleibt das Gymnasium als einziger Schultyp flächendeckend erhalten.

HAMBURG STARTET EINE MAMMUTREFORM – GEGEN WIDERSTÄNDE

Schwarz-Grün plant in Hamburg die „Stadtteilschule“. Sie soll bis 2010/11 alle Hauptschulen und Realschulen, Integrierte Haupt- und Realschulen sowie integrierte und kooperative Gesamtschulen vereinigen. Dazu kommen alle beruflichen Gymnasien und Aufbaugymnasien. Denn die mit Klasse 7 nach der ebenfalls neuen Hamburger „Primarschule“ beginnende Stadtteilschule soll in der 13. Klasse – statt in der 12. am traditionellen Gymnasium – zum Abitur führen. Mit „mehr Zeit zum Lernen“, kleineren Klassen und praxisnahen Lernmethoden soll das Abitur an der Stadtteilschule für viele Schüler idealerweise sogar attraktiver werden als am herkömmlichen Gymnasium. Hier werden die Schüler durch „wissenschaftsorientiertes und eigenständiges Lernen“ zum Abitur geführt.

Diejenigen Stadtteilschüler, die kein Abitur machen, sollen langfristig alle den mittleren Schulabschluss schaffen. Bis allerdings „handlungsorientiertes Lernen“, individuelle Förderung und „spezielle Unterstützungssysteme für lernschwächere Schüler“ greifen, wird nach der 9. Klasse weiterhin der einfache oder – nach einer Prüfung – der qualifizierte Hauptschulabschluss angeboten.

Hauptschulklassen werden in Hamburg schon nach den Sommerferien nicht mehr eingerichtet. Die größte Herausforderung für den gemeinschaftlichen Unterricht von Schülern mit unterschiedlichen Lernvoraussetzungen – die Differenzierung des Unterrichts – stellt sich in Hamburg also unmittelbar. Wie sollen die Schulen die lernschwache Hauptschulklientel integrieren?

„Die Schüler gemeinsam in einer Klasse zu unterrichten, ist schon mal eins“, sagt Schulsenatorin Christa Goetsch (Grün-Alternative Liste). Disziplin- und Motivationsschwierigkeiten fielen weg, wenn sich die Hauptschüler nicht mehr automatisch als Schulversager verstehen würden, sondern die Perspektive auf einen Realschulabschluss hätten. Modellversuche hätten gezeigt, dass in integrierten Schulen mehr Hauptschulkandidaten den höheren Abschluss schaffen und es weniger Abbrecher und Sitzenbleiber gibt. Für die Abschaffung der Hauptschulen sieht Christa Goetsch gute Voraussetzungen: In Hamburg wurden seit 1949 Haupt- und Realschulen an einem Standort gebaut, die Lehrer bilden von jeher ein Kollegium. Schon seit 1992 arbeiten 13 der 50 Schulen als Integrierte Haupt- und Realschulen (IHR), 12 weitere Schulen wollen ab Sommer dieses Jahres nicht mehr getrennt unterrichten. Realschüler lernten in den heterogenen IHR nicht weniger als an reinen Realschulen, sagt die Senatorin.

In einem Großteil der Stunden werden die Haupt- und Realschüler der IHR im Klassenverband unterrichtet. In Klassen mit höchstens 25 Schülern sei es möglich, die Jugendlichen individuell zu fördern, sagt Goetsch. In Kernfächern wie Mathematik, Deutsch und Englisch werden aber – wie an Gesamtschulen üblich – verschiedene Kompetenzstufen angeboten. Dieses Modell soll auf die Stadtteilschulen übertragen werden, die 2010 starten.

Eine Enquetekommission, die noch die Hamburger CDU-Alleinregierung beraten hatte, empfahl 2007 eine „innere Differenzierung und Individualisierung“ an den Stadtteilschulen. Statt in Haupt-, Real- oder Gymnasialklassen aufgeteilt zu werden oder in Kursen auf den verschiedenen Niveaus, sollen also möglichst Schüler aller Kompetenzstufen im Klassenverband unterrichtet werden. Deshalb müsse es an der Stadtteilschule kleinere Klassen als am Gymnasium geben, Lerngruppen sowie zusätzliche Förderangebote für leistungsschwache, aber auch für leistungsstarke Schüler. „Dies erfordert eine große Breite unterschiedlicher Lern- und Lehrformen mit dem Ziel des individuellen Förderns und Forderns jeder Schülerin und jedes Schülers“, heißt es in einem Papier, an dem sich auch die Regierung orientieren will.

Soll die Hauptschule auch weg – der Hauptschulabschluss bleibt in Hamburg. Weiterhin werden Jugendliche die Schule nach der 9. Klasse mit dem einfachen oder nach der 10. mit einem erweiterten Abschluss verlassen, der ihnen kaum Chancen auf einen Ausbildungsplatz bietet.

„Wir transportieren die Hauptschule immer weiter, auch wenn sie formal abgeschafft wird“, sagt Jugendforscher Klaus Hurrelmann. Mit einem Hauptschulabschluss aber sei man „stigmatisiert“. Es müsse verhindert werden, dass sich das „Reformparadox der Gesamtschule“ wiederhole. Sie wurde vor 40 Jahren eingeführt, um soziale Ungleichheiten zu beseitigen. Um schwächere Schüler nicht zu diskriminieren, sind die vier leistungsdifferenzierten Gruppen, auf die sich die Schüler von Fach zu Fach aufteilen, mit den Buchstaben F, E, G und A bezeichnet. In F-Kurse gehen die stärksten Schüler, in A-Kurse die schwächsten. Der Schulabschluss bleibt bis Klasse 10 offen. Trotzdem produziert die Gesamtschule 30 Prozent Schulabgänger, die nur den Hauptschulabschluss erreichen. Solange es so ist, dass Kinder mit großen Defiziten in die Schule kommen, die sie bis zum Schulabschluss nicht überwinden können, sollten sie zumindest von der Stigmatisierung durch den Hauptschulabschluss befreit werden, sagt Hurrelmann.

Der Berliner Erziehungswissenschaftler Heinz-Elmar Tenorth (Humboldt-Universität) findet das zweigliedrige Hamburger Modell, das die CDU-Regierung 2007 präsentierte, gut. Es sei richtig, dass sowohl die Stadtteilschule als auch das Gymnasium zum Abitur führten – an der Stadtteilschule aber mit einem Jahr mehr Zeit und einem praxisnäheren und mehr berufsorientierten Curriculum als am Gymnasium. Bedroht sieht er das Konzept aber durch die von den Grünen durchgesetzte Verlängerung der Grundschulzeit in Hamburg auf sechs Jahre. Damit gehe Zeit für das Lernen an der neuen Stadtteilschule verloren. Ebenso benötige das Gymnasium acht Jahre, um seine Schülerschaft mit einem eher theoretisch ausgerichteten Lehrplan zum Abitur zu führen.

So denken auch Hamburger Eltern und Lehrer. Die Elterninitiative „Wir wollen lernen“ sammelt jetzt Unterschriften für eine Volksinitiative zum Erhalt des achtjährigen Gymnasiums und zum Stopp der gesamten Hamburger Schulreform.

SCHLESWIG-HOLSTEIN SETZT AUF GEMEINSCHAFTSSCHULEN

Schleswig-Holstein ist unter dem Druck der zurückgehenden Schülerzahlen schon weiter. Die große Koalition setzt auf die in Berlin erst in den Kinderschuhen steckende Gemeinschaftsschule. Hier werden alle Schüler von der 5. bis zur 10. Klasse „weitestgehend gemeinsam“ unterrichtet, auch das Abitur ist möglich. Bereits 55 Gemeinschaftsschulen haben den Betrieb aufgenommen. Im Unterschied zur Gesamtschule sollen die Schüler die ganze Zeit im Klassenverband miteinander lernen. Neu sind daneben Regionalschulen ohne Oberstufe, in denen Haupt- und Realschulen zusammengeführt werden, von ihnen gibt es bereits 35.

RHEINLAND-PFALZ WILL AUCH DIE

GESAMTSCHULE ERHALTEN

Auch in Rheinland-Pfalz gibt es seit längerem Regionalschulen, auf denen Haupt- und Realschüler zumindest in der 5. und 6. Klasse gemeinsam lernen. Dort existieren allerdings weiterhin auch separate Haupt- und Realschulen. Sie sollen bis 2013/14 ebenso wie die Regionalschulen in der neuen Schulform „Realschule plus“ aufgehen, die alle Abschlüsse vom Hauptschulabschluss bis hin zum Fachabitur anbietet. Daneben sollen Gymnasien und Integrierte Gesamtschulen erhalten bleiben. Bildungsministerin Doris Ahnen (SPD) nennt dieses immer noch vielfältige Angebot „Zweigliedrigkeit mit Plus“.

KEINE HAUPTSCHULEN IM OSTEN

In Ostdeutschland hingegen hat es nie Aufregung um die Hauptschule gegeben. Die DDR kam ohne aus, nach der Wende machte nur Mecklenburg-Vorpommern einen längeren Versuch, Sachsen-Anhalt schaffte die Hauptschule kurz nach ihrer Einführung wieder ab.

Der Schultyp neben dem Gymnasium heißt in Sachsen „Mittelschule“, in Sachsen-Anhalt „Sekundarschule“, in Thüringen „Regelschule“. In den letzten Jahren zogen Mecklenburg-Vorpommern mit der „Regionalen Schule“ und Brandenburg mit der „Oberschule“ nach. Die Oberschule ersetzt die die bisherigen Realschulen und Gesamtschulen ohne gymnasiale Oberstufe. Daneben bleiben Gymnasien und Gesamtschulen mit gymnasialer Oberstufe erhalten.

Wie geht der Osten mit der Hauptschulklientel um? Der Hauptschulabschluss ist überall möglich. So werden an den Sekundar-, Mittel- und Regionalschulen alle Schüler in der Regel nur in Klasse 5 und 6 gemeinsam unterrichtet. Ab Klasse 7 gibt es zwei Schulformen: In Sachsen-Anhalt etwa wird an einem Teil der Sekundarschulen in Haupt- beziehungsweise Realschulklassen durchgehend getrennt unterrichtet, an anderen wird lediglich der Unterricht in Deutsch, Mathematik und Englisch ab dem 7. Schuljahr und in Physik ab dem 9. Schuljahr abschlussbezogen gegeben. Alle anderen Fächer werden im gemeinsamen Klassenverband unterrichtet (kombinierte Klassen).

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