Wissen : Das Erbgut des Pfirsichs

Kinderfreundliches Spektakel mit Aha-Effekt: Eindrücke von der Langen Nacht der Wissenschaften

Das erste Experiment der Langen Nacht macht der Wissenschaftssenator höchstselbst. Jürgen Zöllner, der als Mediziner und Biochemie-Professor viele Jahre geforscht hat, steht gegen fünf Uhr nachmittags auf der Terrasse des Forums Adlershof. Vor ihm sitzen an die 100 Zuschauer, „normale“ Besucher genauso wie die Präsidenten der Berliner Universitäten. Neben Zöllner: ein kleiner Eimer, gefüllt mit flüssigem Stickstoff. Die Aufgabe: Zöllner soll sechs große Luftballons in den Eimer stopfen, ohne dass sie platzen. Eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit. Zöllner guckt ungerührt, nimmt die Ballons und bringt sie problemlos im Eimer unter.

Viele Ahs und Ohs im Publikum – und großer Jubel, als der Senator die Ballons wieder unbeschadet aus dem Eimer zieht. Zöllner lächelt verschmitzt, wünscht dem Publikum „viele Aha-Erlebnisse“. Ach ja, die Erklärung für das Luftballonwunder: Durch den kalten Stickstoff zieht sich die Luft in den Ballons so zusammen, dass sie sich problemlos knautschen und verkleinern lassen.

Zu den Stars der Langen Nacht gehören traditionell die Roboterhunde. Noch mehr Begeisterung bei den Besuchern rufen im Adlershofer Erwin-Schrödinger-Zentrum die Weiterentwicklung der Techno-Haustiere hervor: Roboter, die auf nur zwei Beinen laufen, unsere technischen Widergänger sozusagen. Genauer gesagt: Es sind Roboterinnen, denn die Informatiker der HU haben ihre Erfindungen Anita, April und Aimee getauft. Anita, April und Aimee bestehen aus schwarzen Bausteinen, haben ein rotes Auge, so wie der legendär bösartige Computer HAL 3000 aus dem Film „Odyssee im Weltraum“, und sie sind „40 Zentimeter groß und wiegen zweieinhalb Kilo“, erklärt ein Informatiker stolz. Unter dem Jubel der Zuschauer führen die Forscher vor, was „unsere Babys“ schon alles können: Von alleine wieder aufstehen etwa, wenn man sie hinschubst. Dass sie uns Menschen nicht ganz so schnell ersetzen, wird allerdings auch ziemlich schnell klar. Anita ist noch ziemlich wacklig auf den Beinen und fällt mehr vorwärts, als dass sie wirklich läuft. Als sie einen Fußball schießen soll, verweigert sie sich komplett, obwohl ihr das Kicken einprogrammiert wurde. Das sei doch aber auch schon ganz menschlich, finden die Informatiker: „Sie ist halt etwas nervös vor so großem Publikum. Showlaufen ist nicht so ihr Ding.“

„Wir sind wegen der Kinder hier“, sagt ein Elternpaar im Konrad-Zuse-Zentrum für Informationstechnik der Freien Universität. Man lebt in Dahlem und will der siebenjährigen Tochter und den beiden Jungs (9 und 11) zeigen, „dass die Wissenschaft zu unserer Welt gehört und da ganz nette Leute arbeiten“. Dabei komme es gar nicht darauf an, dass die Kinder wirklich etwas lernten. „Wir waren bei so einem Musikdings und haben etwas gebastelt“, sagt der 11-Jährige denn auch. Die Eltern erklären, dass es um musikalische Harmonien, die mathematischen Prinzipien folgen, und um Polyeder ging.

Im Max-Planck-Institut für molekulare Genetik arbeitet Darina Kretschmann begeistert mit, als ein Wissenschaftler zeigt, wie man DNS aus einem Pfirsich isoliert. Pfirsichpüree mit Wasser, Spülmittel und Kochsalz vermengen, eiskalter Alkohol dazu, und schon fällt die Erbinformation in gelblichen Flocken aus. Die 19-jährige Darina macht gerade Abitur und will Medizin studieren. „So einen Versuch haben wir in der Schule nie gemacht“, sagt sie.

Nur für Erwachsene ist der Vortrag eines forensischen Psychiaters an der Freien Universität. Er erläutert den Fall eines 46-jährigen Mannes, der eine Bekannte unter angeblichem Alkoholeinfluss vergewaltigt hat. Aber auch hier stimmt die Didaktik: Per Powerpoint geht es Schritt für Schritt durch den Fall, die Zuhörer dürfen raten, was der Gutachter dem Gericht vorschlagen wird. Ähnlich anschaulich ist eine Einführung in den Koran, aber für Kinder ist das nichts. Oder doch? Ein Mann hat Tochter und Sohn im Grundschulalter mitgebracht. Sie legen ihre Köpfchen ganz still auf den Seminartisch und warten, bis es vorbei ist.

Harte Beats und wummernde Bässe empfangen den Besucher im „Haus der Ideen“, zu dem das Hauptgebäude der Technischen Universität an der Straße des 17. Juni umbenannt wurde. In der Eingangshalle demonstrieren technikversessene DJs das virtuose Hantieren mit Schallplatten beim Erzeugen neuer Sounds. „Turntablism“ (etwa: Plattenspielerkultur) nennt der Musikwissenschaftsstudent Salvo Paglisi die akustische Demonstration. „Das Mixen kreiert neue Musik“, sagt er. Obwohl sich mancher Ältere beim Vorbeigehen demonstrativ die Ohren zuhält, ist die Musik ein Magnet. Vor allem, als mit Pro-Zeiko später am Abend ein DJ-Weltmeister Einblick in seine Arbeit gibt. Elastisch, rhythmisch wippend und affenartig schnell bedient er zwei synchron abgespielte Schallplatten, schaltet an den Knöpfen eines Mischpults, um spektakuläre Toneffekte zu erzeugen. Keine brummende Rückkopplung, die von Pro-Zeiko nicht in Musik verwandelt würde.

„Machen wir ein bisschen Dampf“, sagt der Ingenieur Detlef Riebow. In der Maschinenhalle des Instituts für Energietechnik schmeißt er eine rot lackierte Dampfmaschine an, Baujahr 1913. Der Geruch von Bier und Bratwürsten, die auf dem Vorplatz verkauft werden, mischt sich mit dem von Maschinenöl. Stampfend und zischend treibt die Maschine aus ihrem Bauch einen stählerne n Kolben hervor, der ein Schwungrad rotieren lässt. Auch wenn die Dampfkraft ihre große Zeit hinter sich hat – die Besucher beeindruckt die urige Maschine, mit der das Industriezeitalter begann.

In der antiken Taverne am Institut für Klassische Philologie der Humboldt-Universität können die Besucher Muscatei (Mostbrote), Olivenrelish (Olivenmus) und Dulcis Domestica (gewürzte Datteln) probieren. „Ich kann besonders den Kräuterkäse empfehlen“, verrät Annette Baertschi, die das Projekt zusammen mit Stefan Kipf organisiert hat. Das Problem beim Nachkochen der Speisen seien die oftmals fehlenden Mengenangaben in den Rezepten gewesen, sagt Baertschi. „Die Studenten mussten schon ein bisschen experimentieren, um die richtige Dosierung zu finden.“

Das Engagement der Wissenschaftler wird belohnt: Die Organisatoren der Langen Nacht können einen neuen Rekord verzeichnen. Fast 150 000 „Besuche“ verzeichnen die 61 Einrichtungen, im Vorjahr waren es noch knapp 140 000. Wie viele Besucher es tatsächlich waren, wissen die Veranstalter erst in einigen Tagen. jbo/-ry/tiw/wez

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