Wissen : Das Gesicht wiedergegeben

Zum Tod des plastischen Chirurgen Jürgen Bier

Hartmut Wewetzer

Wer einmal einen Vortrag Jürgen Biers über seine Arbeit erlebt hat, wird diesen Eindruck nicht vergessen. Der plastische Chirurg Bier zeigte Fotos von Patienten, deren Gesichter durch Tumoren, Verletzungen, Verbrechen oder angeborene Fehlbildungen oft furchtbar entstellt waren. Das war das „Davor“. Dann zeigte Bier das „Danach“ – Menschen, deren Gesichtszüge sich oft kaum von denen gesunder unterschieden. Menschen, die oft wieder lachen konnten. „Dazwischen“ lag die Arbeit von Jürgen Bier und seinem Team. Sie waren es, die den Patienten ihr Angesicht wiedergaben. Bier brauchte nicht zu prahlen. Die Bilder sagten alles.

Jürgen Bier leitete zuletzt das Zentrum für Unfall- und Wiederherstellungschirurgie der Charité. 1989 war er nach Stationen an den Unikliniken Göttingen und Aachen nach Berlin gekommen, um Chefarzt der Abteilung für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie am Virchow-Klinikum zu werden. Er baute die Gesichtschirurgie zu einem Zentrum von internationaler Bedeutung aus. Zu den wissenschaftlichen Schwerpunkten gehörte dabei der Einsatz der Robotertechnik in der Gesichts- und Kieferchirurgie, den Bier unermüdlich und gegen manchen Spott vorantrieb. Nicht, um den Chirurgen zu ersetzen, sondern um ihn bei seiner diffizilen Arbeit zu unterstützen.

Als große, stattliche Erscheinung war Bier unübersehbar. Markant war auch, was er sagte – ganz der konservativ-kernige Chirurg. Bier machte aus seinem Herzen keine Mördergrube, er sprach direkt aus, was ihn störte – und das war angesichts der politischen Turbulenzen um die Berliner Hochschulmedizin, die immer aufs Neue umgebaut und fusioniert wurde, eine ganze Menge.

„Er war ein mutiger Mensch, der sich durch persönliche Risiken nicht von klaren Worten abhalten ließ“, sagt ein Weggefährte. Von 1995 bis 1998 war Bier Dekan der Charité. In dieser Zeit kümmerte er sich besonders darum, die Studenten stärker an die Fakultät zu binden.

Biers Großvater war ebenfalls Chirurg, noch dazu einer der größten seiner Zeit: August Bier (1861 bis 1949) trat 1907 an der Charité die Nachfolge Ernst von Bergmanns an und wurde 1932 von Ferdinand Sauerbruch abgelöst. Auch Jürgen Biers prominenter Vorfahr war ein Freund deutlicher Worte und gelegentlich unbequemer Ansichten („Die Chirurgie ist das Eingeständnis für das Versagen der Medizin“).

Beide einte zudem ihr gesellschaftliches Engagement. Während Großvater Bier 1920 die Deutsche Hochschule für Leibesübungen mitgründete und auf seinem Waldgut in der Mark einen Weg zurück zur Natur suchte, baute der gläubige Christ Bier gemeinsam mit seiner Frau Angelika in Berlin-Staaken die Jona-Stiftung auf, die sich um die Betreuung bedürftiger Kinder und die Vermittlung christlicher Werte kümmert.

Bier und seine Frau eröffneten 2006 „Jona’s Haus“, wo Kinder mit Essen versorgt werden und spielen können. „Jona“ steht dabei für den Propheten, der im Bauch eines Wals überlebte. Für „Jona’s Haus“ opferten Bier und seine Frau ihre Freizeit und ihren Urlaub: „Wir wollen, können und müssen helfen.“

Am 12. Dezember ist Jürgen Bier mit 64 Jahren einem Krebsleiden erlegen. Hartmut Wewetzer

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