Wissen : Das Lied der Würgerkrähe

Genetiker, Engelforscher und ein Zoomusikologe gehören zum 30. Jahrgang des Wissenschaftskollegs

Claudia Schmölders
Anregendes Umfeld. In den Grunewald-Villen des Wissenschaftskollegs gehört produktive Ablenkung zum Programm. Foto: Promo
Anregendes Umfeld. In den Grunewald-Villen des Wissenschaftskollegs gehört produktive Ablenkung zum Programm. Foto: Promo

Lassen sich unsere Gene durch Nahrung beeinflussen? Neue Untersuchungen deuten darauf hin. Eine Studie von Forschern der kanadischen McGill- und McMaster-Universitäten belegt, dass Rohkost und frisches Obst die Gefahr von Herzkrankheiten vermindern können, weil sie die Aktivität von bestimmten Erbanlagen verändern.

Die Wirkungen der Gene sind mithin plastisch, sie können sich unter Umwelteinflüssen unterschiedlich ausprägen. Forschungen zu dieser neuen Richtung namens „Adaptive Plastizität“ bilden einen der Schwerpunkte des Berliner Wissenschaftskollegs im gerade gestarteten neuen Fellowjahr. Ein anderer Schwerpunkt befasst sich mit „Jüdischer und christlicher Liturgie im ersten nachchristlichen Zeitalter“ – womit die Spannweite der diesjährigen Themen umrissen ist.

Geisteswissenschaftler und ihre Forschung waren es, die das Berliner Kolleg weithin bekannt gemacht haben. Aber auch der 30. Fellowjahrgang folgt der Vorgabe, dass sich Geistes- und Naturwissenschaftler in etwa das Forschungsbudget teilen. 32 Fellows aus 19 Ländern wurden diesmal geladen. Wie üblich sind die meisten mit Familie gekommen; diesmal sogar mit insgesamt 28 Kindern.

Zu den interessantesten Themen der Religionswissenschaften gehören Forschungen zu gemeinsamen Wurzeln verschiedener Glaubensrichtungen. Israel Yuval von der Jerusalemer Hebrew University, Leiter des Schwerpunkts zu jüdischer und christlicher Liturgie, vertritt die These, dass nicht allein das rabbinische Judentum das sich entwickelnde Christentum beeinflusst hat, sondern dass es eine Geschichte der Wechselbeziehung gibt. Und damit auch christliche Wurzeln für das Judentum. Ohnehin zieht das Thema Religion im Kolleg immer weitere Kreise. André Plesu, Gründungsdirektor des Bukarester Schwesterinstituts etwa ist Engelforscher, der sein Thema schon 1991 ans Kollege mitbrachte. In diesem Jahr arbeitet er mit Horst Bredekamp (Humboldt-Uni) zusammen, der zur Kirchenskulptur im 11. Jahrhundert forscht, und mit Emmanuel Moutafov von der Bulgarischen Akademie der Wissenschaften, der sich der nachbyzantinischen Ikone widmet. Die Religionsentwicklung in Europa überhaupt beschäftigt Wolfgang Eßbach (Uni Freiburg).

In der Islamforschung sind Susannah Heschel (Dartmouth College), Khaled El-Rouayheb (Harvard University) und Edhem Eldem (Universität Istanbul) eingeladen, letzterer mit einer Studie über das Kleinbürgertum im Osmanischen Reich. Als Writer in residence ist Hoda Barakat gekommen, geboren 1952 in Beirut. Sie erzählt die Geschichte des Libanon vom Beginn des 20. Jahrhunderts bis in das Jahr 1975, dem Anfang des Krieges. Im neuen Schwesterinstitut des Wissenschaftskollegs im französischen Nantes hat sie soeben den ersten Band beendet.

Ein weiterer Schwerpunkt widmet sich der Evolutionären Anthropologie, geleitet von Monique Borgerhoff-Mulder (University of California), die Paarbildungsdynamiken der ostafrikanischen Pimbwe untersucht und sich mit der finnischen Forscherin Virpi Lumaa aus Sheffield austauschen wird. Lumaa widmet ihr Fellowjahr einer gewaltigen Datenbank mit Erhebungen der Lebens- und Sozialgeschichte Finnlands aus drei Jahrhunderten. Die Beobachtung von Evolution am lebenden Sozialkörper ist ein Novum, hier soll die Brücke zwischen Sozial- und Naturgeschichte geschlagen werden.

In den Horizont der eigenwilligen Humanities gehört auch der ungarische Jurist Gabor Demszky. Ursprünglich Samisdat-Verleger, hat er zwei Jahrzehnte lang als Oberbürgermeister von Budapest gewirkt und als Gründer des „Budapester Modells“ eine ganz eigene Form der „Stadtbewirtschaftung“ entwickelt. Im Rahmen des langjährigen Kolleg–Schwerpunkts „Rechtskulturen“ schreibt Demszky nun ein Buch darüber.

Die beiden wissenschaftlichen Kulturen im Haus werden traditionell von der Musik begleitet. Neben dem großen Alfred Brendel ist in diesem Jahr Hollis Taylor aus Australien dabei, der seltene Fall eines „Zoomusikologen“, der Musikwissenschaft und Ornithologie verbindet. Am Kolleg will er sich nun mit den Liedern des Cracticus Nigrogularis, vulgo auch Würgerkrähe oder Flötenvogel, befasst.

Ob es wirklich bei diesen und anderen geplanten Vorhaben bleibt? Wissenschaft treiben, heißt Umdenken lernen, hat der ehemalige Rektor Wolf Lepenies einmal gesagt. Und der einstige DFG-Präsident Wolfgang Frühwald merkte zum 25. Geburtstag des Hauses an, dass produktive Ablenkung zum Programm der Wallotstraße gehört.Claudia Schmölders

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