Gesucht wird Kreativität ohne Leistungszwang

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Das neue Regime der Originalität : Wir müssen kreativ sein
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Der Künstler und seine Subkultur der Boheme markierte hier – bewundert und verachtet – das Andere der Moderne. Und die Kunst war der einzige Ort, der seit der Entstehung der Genieästhetik Ende des 18. Jahrhunderts auf die Verfertigung des ästhetisch Neuen setzen konnte: auf Kunstwerke, die Originalität beanspruchen, die Regeln brechen und immer wieder Überraschungen bieten.

In der Gegenwart ist also etwas Bemerkenswertes geschehen. Das Künstlerische ist keine Gegenkultur oder Nische mehr. Rationalisierung und Ästhetisierung haben sich vielmehr miteinander verzahnt. Natürlich ist die Orientierung am Kreativen nicht unverändert geblieben. Wenn der Künstler zum Rollenmodell der Spätmoderne geworden ist, dann nicht mehr das leidende, verkannte Genie à la van Gogh, sondern der erfolgreiche Kunst- oder Kreativstar, das Modell Daniel Libeskind oder Yasmina Reza.

Der Produzent und das Publikum hängen dabei voneinander ab. Alle Individuen sind nun idealerweise kreative Produzenten mit dem Anspruch auf Originalität, im Beruf wie im Privatleben. Kreativität bezeichnet gewissermaßen ein postindustrielles Produktionsethos. Alles soll immer neu ästhetisch gestaltet werden.

Zugleich sind die Individuen immer auch Teil eines Publikums. Sie interessieren sich überall für das ästhetisch Neue – für Konsumobjekte, Medienereignisse und andere Individuen in ihren Versuchen der Selbstverwirklichung. Die spätmoderne Kreativitätsgesellschaft ist eine radikale Publikumsgesellschaft. Kreative Akte sind nämlich nie objektiv vorhanden. Sie hängen von der Aufmerksamkeit eines Publikums ab, das die Gunst des ästhetisch Interessanten ungleich verteilt.

Die Orientierung an Kreativität bezeichnet eine soziale Anforderung und einen verbreiteten subjektiven Wunsch zugleich. Wer sich nicht der Erwartung fügt, immer neue Originalitätsreize zu kreieren und zu verarbeiten, dem kann leicht berufliche und private Anerkennung versagt werden. Es gibt hier gewissermaßen eine Norm der Abweichung, so dass die Routine und der Konformismus alter Schule nicht mehr der Norm entsprechen.

Tragischer noch: Wer zu wenig kreativ ist, der verfehlt auch das eigene Idealbild. Der post-romantische Wunsch nach Selbstverwirklichung, das dem Künstlerideal folgt, bleibt unbefriedigt. Den eigenen Ansprüchen nach Selbstwachstum und ästhetischer Lebensgestaltung nicht zu genügen, kann ein Scheitern bedeuten, das schwerer wiegt, als einer Norm nicht zu entsprechen.

Sind Alternativen jenseits des Dispositivs der Kreativität möglich? Sind sie angesichts der inzwischen tief verankerten Hoffnung auf Selbstentfaltung und ästhetische Erfahrungen überhaupt denkbar? Zwei Gegenmodelle bieten möglicherweise Auswege. Statt auf den immerwährenden Zyklus des Neuen könnte man auf die Befriedigung in der Wiederholung des Gleichen oder Ähnlichen setzen. Man kann hier an das alte Handwerksethos denken, auf das Richard Sennett hinweist. Das ist nicht auf Innovation, sondern auf Meisterschaft ausgerichtet.

Und: statt immer mehr Publikumsrollen in die Gesellschaft einzubauen, fehlt es an kreativen Räumen, die sich dem Publikum entziehen und sich seiner begierigen Beobachtung verweigern. Eine Kreativität ohne Publikum könnte eine Kreativität ohne Leistungsanforderung sein. Die Frage lautet, welche neuen utopischen Potenziale  die Entzauberung des Kreativitätsmythos anzuregen vermag.

- Der Autor ist Professor für Kultursoziologie an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/Oder. In diesem Jahr ist im Suhrkamp Verlag sein Buch „Die Erfindung der Kreativität“ erschienen.

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