Das Prinzip Unordnung : Chaos als Technik der Macht

Der Berliner Historiker Christian Teichmann hat den Effekt der Zerstörung von Ordnung in Stalins Totalitarismus erforscht.

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„Macht der Unordnung“. Stalin herrschte durch Willkür. Das Foto zeigt einen georgischen Stalinisten an Stalins Geburtstag im vergangenen Dezember.
„Macht der Unordnung“. Stalin herrschte durch Willkür. Das Foto zeigt einen georgischen Stalinisten an Stalins Geburtstag im...Foto: dpa/picture alliance / Zurab Kurtsik

Als Hannah Arendt zum Totalitarismus forschte, um die Strukturmerkmale der Terrorherrschaften Hitlers und Stalins von denen herkömmlicher Diktaturen abzuheben, pochte sie wiederholt auf die Macht des Glaubens an ideologisch-fiktive Welten. Es ging ihr um ein „buchstäbliches Ernstnehmen ideologischer Meinungen“. Arendt zufolge suspendierten das „Recht der Natur“ bei Hitler und das „Gesetz der Geschichte“ bei Stalin hergebrachte Moralvorstellungen und positives Recht. Die beiden fundamentalen Zivilisationsbrüche des 20. Jahrhunderts wurden demnach nicht durch den willkürlichen Willen zweier Machthaber, sondern durch ideologisch fundierten Terror und eine qua Gewalt etablierte Ordnung bedingt.

Der in Rostock geborene Berliner Historiker Christian Teichmann, der für seine Forschung zu Stalins Herrschaft in Zentralasien von 1920 bis 1950 jüngst den Hannah-Arendt-Preis für politisches Denken erhielt, wendet sich in Teilen gegen diese These. Indem er im Hinblick auf den Stalinismus eben gerade das Moment der Willkür zentriert und das Prinzip Unordnung als wesentlichen Machtmechanismus beschreibt, denkt er auf den Schultern Hannah Arendts über Hannah Arendt hinaus.

Ein Klima von ständiger Unsicherheit und Angst entsteht

Was aber meint „Unordnung“? In welcher Weise trat sie in der Stalin’schen Herrschaftsausübung zutage? „Es gibt die Überzeugung, dass sich der Aufbau staatlicher Herrschaft in geordneten Bahnen vollzieht; dass Machtprozesse sich institutionalisieren, sich in Organisationen und Bürokratien ausdrücken“, sagt Teichmann. Gemeinhin gehe man davon aus, dass es selbst in der rigidesten Diktatur noch klare Regeln gebe, sich mit der Zeit gewisse Routinen einstellten. Was für den Stalinismus bezeichnend sei, ja womöglich seinen Kern ausmache, sei nun aber, dass er besagte Herrschaftsroutinen zu keiner Zeit habe aufkommen lassen.

„Unordnung“ meint demzufolge eine Machttechnik, die über die permanente Umgestaltung von Strukturen und Lebensverhältnissen ein Klima ständiger Unsicherheit und Angst erzeugte. Stalins omnipräsente Willkürherrschaft offenbarte sich laut Teichmann nicht nur in der durch Einzelfallentscheidungen geprägten Ressourcenverteilung. Sie zeigte sich auch in der Geheimhaltung von Beschlüssen, der wiederholten Abwandlung der Generallinie und der ständigen Umformung staatlicher Behörden. Zu keiner Zeit konnte sich irgendwer seiner Sache wirklich sicher sein. Durch ständige „Säuberungen“ und die permanente Gefahr, nicht mehr auf dem neuesten Stand zu sein, wurde jede Wette auf die Zukunft, jede Erwartungssicherheit unterhöhlt.

Die Propagandamaschine erzählte eine andere Geschichte

Zwar gab es im ökonomischen Bereich, in Sachen Elektrifizierung, groß angelegter Bewässerung und Rohstoffanbau klar definierte Ziele – eine autarke Baumwollwirtschaft der Sowjetunion zum Beispiel. Viele Historiker und Sozialwissenschaftler gingen aber davon aus, dass die sowjetischen Kommunisten gegen Chaos und Unordnung mit dem Vorhaben angingen, eine vollkommen neue gesellschaftliche Ordnung zu errichten, die auf Eindeutigkeit, Klarheit und Kontrolle basierte, sagt Teichmann.

Tatsächlich sei im Stalinismus ein eklatantes Missverhältnis zwischen Ideologie und lokaler Praxis festzustellen. Freilich redete die Propaganda dem neuen Menschen und dem weltweiten Export von Sozialismus und Emanzipation das Wort. Die konkrete Machtausübung war jedoch weit weniger ambitioniert, als die Propagandamaschine glauben machte.

Chaos und plötzlicher Terror

„Die Moskauer Staatsmacht strebte keine utopische Neuordnung der Verhältnisse an“, sagt Teichmann. „Stalins Herrschaft hatte einen ganz anderen Charakter: Sie war durch spontane und willkürliche Eingriffe in die ökonomischen und sozialen Gegebenheiten geprägt.“ Der Stalinismus offenbarte sich durch Chaos und plötzlichen Terror als eine Machtform, der es primär darum ging, sich selbst an der Macht zu halten. Am Beispiel der stalinistischen Herrschaft in Zentralasien könne man sehen, so Teichmann, dass die Macht nicht notwendig als stabiles System erscheint, das sich in staatlichen Institutionen verdichtet. Die Macht basierte nicht auf „Ordnung“; sie habe sich vielmehr im Sinne Niklas Luhmanns als bloße „Einflussform“, in Gestalt von „negativen Sanktionen“ gezeigt.

Die für die Verleihung des Hannah-Arendt-Preises verantwortliche Jury erklärte, Christian Teichmann habe mit seinem Buch „Macht der Unordnung“ einen Neuansatz in der Erforschung des Totalitarismus begründet, indem er darlege, dass nicht Ordnung für die totalitäre Machtentfaltung unentbehrlich sei, sondern deren systematische Zerstörung.

„Totalitäre Systeme werden gemeinhin von oben erklärt, ausgehend von der Apparateherrschaft, der Partei, der Bürokratie, den gleichgeschalteten Medien usw.“, sagt Teichmann. Er selbst habe einen anderen Weg gewählt und das System von unten beschrieben, vom Erleben der Leute her und so, wie es sich in den Dörfern und Steppen Zentralasiens jeweils konkret verwirklicht habe. - Christian Teichmann: Macht der Unordnung. Stalins Herrschaft in Zentralasien 1920 – 1950, Hamburger Edition 2016, 294 Seiten, 28 Euro.

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