Wissen : Das Rätsel Ludwig II.

War der König krank – oder Opfer einer Intrige?

Adelheid Müller-Lissner
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Am Ende verwahrlost. Der Bayernkönig Ludwig II. (1845 - 1886). Foto: dpa

Unter nicht restlos geklärten Umständen ist am 13. Juni 1886 der bayerische „Märchen“-König Ludwig II. zusammen mit dem Psychiater Bernhard von Gudden im Starnberger See umgekommen. Wenige Tage zuvor hatte von Gudden festgestellt, der Monarch sei „geisteskrank und regierungsunfähig“, eine Besserung nicht zu erwarten.

Welche Rolle spielte der Psychiatrieprofessor aus München bei der Amtsenthebung des Staatsoberhaupts? Eine durchaus fragwürdige, meint sein heutiger Kollege Heinz Häfner vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim. „Die Beweiserhebung erfolgte ohne Untersuchung, ohne Befragung der Leibärzte, sie stützte sich auf konspirative Vernehmungen fragwürdiger Höflinge, während Entlastungszeugen nicht zugelassen waren“, sagte Häfner beim Deutschen Kongress für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde.

Nach Meinung Häfners, von dem das Buch „Ein König wird beseitigt“ (im Verlag C. H. Beck) erschienen ist, wären „mildere Lösungen“ als eine Entmachtung möglich gewesen, von Gudden habe aber unter Druck der königlichen Verwandtschaft und der Regierung gestanden.

Der König, den von Gudden in Begleitung von vier „Irrenpflegern“ und mit einer Zwangsjacke ausgerüstet von Neuschwanstein ins Schloss Berg am Starnberger See gebracht hatte, habe „tief besorgt, aber würdevoll und angemessen“ reagiert. Ob er tatsächlich nicht mehr habe regieren können, sei fraglich. Seine „Bausucht“, Panikzustände und Schüchternheit seien als Anzeichen einer Geisteskrankheit längst nicht ausreichend.

Für den CSU-Politiker und Anwalt Peter Gauweiler war es ein Staatsstreich, an dem von Gudden mitwirkte. Sein Assistent Friedrich Karl Müller habe Bedenken gegenüber dem Vorgehen seines Chefs festgehalten. „Ich maße mir kein Urteil darüber an, wie krank Ludwig war. Aber warum sind die Regeln nicht eingehalten worden?“, fragte Gauweiler.

Der Psychiater Hans-Jürgen Möller brach dagegen eine Lanze für von Gudden, seinen Vorgänger an der Uni München. Ludwig II. habe Symptome gehabt, die ihn zur Ausübung der Regierungsgeschäfte unfähig gemacht haben dürften: „Er war depressiv, hatte Alkoholprobleme, litt unter Autismus, hat sich immer mehr zurückgezogen und ist körperlich verwahrlost“, sagte Möller. „Die Fotografien zeigen es ja, wie sehr der König sich im Lauf der Jahre verändert hat.“

Außer Morphium, das Ludwig gegen starke Kopf- und Zahnschmerzen nahm, hätten die Ärzte ihm kaum etwas anbieten können. Möller schließt sich der Verdachtsdiagnose seines Münchner TU-Kollegen Hans Förstl an, der bei dem König eine beginnende Demenz vermutet. Auch der Starnberger Psychiater Detlev von Zerssen meint, von Gudden habe ehrlich gehandelt. Beschreibungen ließen darauf schließen, dass Ludwig die Kriterien für mehrere Diagnosen erfüllte: „Er litt wahrscheinlich unter latenter Schizophrenie, einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung und Merkmalen einer Borderline-Persönlichkeitsstörung.“

Die Verhaltensexzesse des Monarchen seien möglicherweise Ausdruck eines „Cäsaren-Wahnsinns“. In modernen Diagnosekatalogen wird man ihn vergebens suchen. „Nur wenige können sich so etwas leisten, und die werden üblicherweise nicht mit Psychiatern konfrontiert.“ Darin ist König Ludwig II. von Bayern also auf jeden Fall eine Ausnahme. Adelheid Müller-Lissner

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