Wissen : Das Runde muss ins Eckige

Abseits modischer Trends sollten sich die Größe und die Form einer neuen Brille nach der Kontur von Kinn und Kiefer richten

Lena Hach

Alle drei bis vier Jahre leisten sich Deutschlands Brillenträger ein neues Modell. Das ergab eine Untersuchung des Allensbacher Instituts. Lehramtsstudentin Julia Endler liegt eindeutig über dem Durchschnitt. Seit zehn Jahren ziert ihre Nase nun schon die gleiche Brille. Diese ist zwar ein richtiger Klassiker – randlos mit feinen schwarzen Bügeln – jetzt aber, kurz vor dem Examen, soll etwas Neues her.

In seinem Geschäft in der Ludwigkirchstraße in Wilmersdorf misst Augenoptiker Carsten Selle routiniert die richtige Stärke für die neuen Gläser. Die Auswahl des passenden Modells braucht mehr Zeit. Die erste Brille, die er aus einer der vielen Schubladen hervorholt, stößt auf wenig Begeisterung. Julia Endler blickt sich unter dem silbernen Rahmen, der die Gläser nur in der oberen Hälfte einfasst, kritisch im Spiegel an und schüttelt den Kopf: „Das ist mir zu sehr Studienrätin.“ Die 26-Jährige will etwas Jüngeres. „Und feminin soll es sein.“

Dass die Kundin selbst nicht sicher weiß, wie ihr Traummodell aussieht, ist Selle nur recht: „Je genauer die Vorstellungen sind, desto schwieriger ist es, die passende Brille zu finden.“ Seine Erfahrung hat außerdem gezeigt, dass es keine gute Idee ist, zu viele Berater mitzubringen. „Wenn eine Kundin fünf Freundinnen dabei hat, kann es sein, dass sechs Meinungen im Raum stehen. Das sorgt meist für Unsicherheit.“

Rasch tastet er sich an Julia Endlers Geschmack heran: Eine dunkle Kunststoffbrille der Marke Freudenhaus will sie gar nicht mehr absetzen. Die breiten Bügel passen gut zu ihrem dunklen, vollen Haar und die leichte Schmetterlingsform des Rahmens, die schon in den 60er Jahren angesagt war, ist wie gewünscht feminin. Ein bisschen greift das Modell somit den aktuellen Brillentrend auf. „Streberbrillen“ mit dominanten Rahmen und Bügeln liegen in diesem Sommer im Trend. „Aber auch vergoldete Riesenbrillen im Stil der Siebziger und Früh-Achtziger sind wichtig – Dieter Thomas Heck lässt grüßen“, sagt Bernhard Roetzel, Mode- und Stilexperte aus Berlin. Die „Strebermodelle“ kommen in modernen Materialien wie Titan oder Acetat daher. Salonfähig wurden die Außenseiter-Accessoires, weil mehre Hollywood-Stars sie jüngst zur Abendgarderobe trugen. Verzierungen aller Art und Edel-Optik sind bei Sonnenbrillen im Glam-Look ein Muss.

Dann kommen bei Julia Endler plötzlich Zweifel auf: Wäre es auch wirklich keine zu große Stilveränderung, von dem unauffälligen Vorgängermodell zur dicken Kunststofffassung? Um sicherzugehen, setzt Julia Endler sich ein randloses Modell mit leichten Titanbügeln auf die Nase. Der entscheidende Unterschied zum zehn Jahre alten Vorgänger, der sie vergleichsweise brav scheinen lässt: Die Gläser sind nicht oval geschliffen, sondern markant eckig. Das gleicht die rundliche Wangenpartie aus und setzt einen interessanten Kontrast.

Somit hat sich eine der Regeln für die erfolgreiche Brillenauswahl bestätigt: Vorteilhaft sind Brillen, die der Gesichtsform entgegensteuern. Am glücklichsten dürfen sich Menschen mit ovalem Gesicht schätzen, für sie sind alle Formen gut geeignet. Menschen mit herzförmigem Gesicht stehen vor allem runde Gläser, da sie das schmal zulaufende Gesicht mit seiner breiten Stirnpartie weicher wirken lassen. Aber nicht nur die Form der Gläser sollte beachtet werden, ebenso wichtig sind die Bügel. Kräftige Bügel etwa verleihen der oberen Gesichtshälfte Dominanz, was bei Menschen mit herzförmigem Gesicht eher unvorteilhaft wirken kann. Hat man jedoch ein eckiges Gesicht, dürfen die Bügel kräftig sein; wenn sie einen hohen Ansatz haben, können sie das Gesicht sogar optisch strecken.

Selle, der sich seit 30 Jahren beruflich mit Brillen beschäftigt, kennt diese Regeln. Doch er weiß auch: „Theorie und Praxis driften oft ziemlich auseinander. Das Wichtigste ist, dass man zu seiner Brille steht.“ So wie der Musiker Götz Alsmann, dessen Griff zur extravaganten Brille er als sehr gelungen beschreibt, weil er seinen eigenwilligen Stil – man denke an die Haartolle – konsequent durchzieht.

Demnach gilt: Solange man sich mit der Brille wohlfühlt und sie gut sitzt, kann man Regeln fast ganz außer Acht lassen. „Ich achte aber immer darauf, dass ein Kunde nicht nach außen versetzt durch die Brille schaut“, sagt Selle.

In der Ausbildung lernen angehende Optiker zwar, wie Beratungsgespräche zu führen sind. Wie man eine perfekte Brille aufspürt, könne man jedoch nur schwer lernen, ist Selle überzeugt. Erfahrung ist ebenso entscheidend wie eine ordentliche Portion Bauchgefühl.

Vor Julia Endler liegen nun sogar zwei perfekte Brillen, die unterschiedlicher nicht sein können: Die Randlose mit den eckigen Gläsern und die Dunkle aus geschwungenem Kunststoff. Noch einmal werden beide im schnellen Wechsel aufgesetzt. Dann macht das Kunststoffmodell das Rennen. Wenn sie nicht die teuersten Gläser nehmen würde, könne sie sich ja eigentlich noch eine Zweitbrille leisten, überlegt die Kundin. Da muss sie aber noch mal drüber nachdenken. Fest steht, dass es bis zum nächsten Modell sicherlich nicht wieder zehn Jahre dauern wird. (mit dpa)

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