Wissen : „Das Vertrauen in die Forscher ist beschädigt“ Nobelpreisträger über die Folgen des Tsunami

20.05.2011 15:48 Uhr
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Die Lage in Japan bleibt angespannt, auch jenseits der Regionen, die vom Tsunami oder dem Atomunfall in Fukushima betroffen sind. Die Universität Tokio zum Beispiel musste ihren Verbrauch an Elektroenergie um ein Drittel reduzieren, weil der Strom knapp ist. Aufzüge und Klimaanlagen wurden abgestellt, energieintensive Experimente werden nur nachts betrieben. Wie sieht der Forscheralltag derzeit aus?

Ich erlebe gerade selbst, wie der Mangel auch unsere Arbeit am Forschungszentrum für Hochenergiephysik beeinträchtigt. Wir haben ebenfalls Beschränkungen beim Stromverbrauch. Das wird noch etwa ein halbes Jahr lang so bleiben.

Doch es ist nicht nur der Strom. Wir betreiben mehrere Teilchenbeschleuniger in der Präfektur Ibaraki, nordöstlich von Tokio. Durch das Erdbeben am 11. März wurden einige Geräte beschädigt, sowohl am eigentlichen Beschleuniger als auch bei den Detektoren. Der Teilchenbeschleuniger in Tsukuba wird hoffentlich in einem halben Jahr wieder laufen, auf dem zweiten Campus in Tokai werden die Schäden wohl erst im nächsten Jahr behoben sein.

Der Wiederaufbau in Japan kostet viel Geld. Wird es deshalb Kürzungen im Forschungsbudget geben?

Es ist klar, dass die Haushaltslage in der nächsten Zeit sehr angespannt sein wird. Ob es aber langfristig zu Kürzungen im Forschungsbereich kommt, kann ich jetzt noch nicht sagen.

Japan hat immer maßgeblich auf Kernenergie gesetzt. Ändert sich das jetzt?

Die vorherrschende Meinung ist, dass man nicht um jeden Preis sofort alle Kernkraftwerke abschalten will. Aber die erneuerbaren Energien sollen einen immer größeren Anteil an der Versorgung übernehmen und irgendwann einmal den gesamten Bedarf decken. Entsprechende Forschungen gibt es bereits seit Jahren, um die Abhängigkeit von fossilen Energieträgern zu verringern. Nach dem Unfall von Fukushima hoffe ich, dass die Regierung diese Arbeiten noch stärker unterstützt und vorantreibt.

Hat der Ruf der japanischen Forscher unter der Katastrophe vom März gelitten? Schließlich war das Erdbeben deutlich stärker, als die Experten überhaupt für möglich gehalten hatten.

Das stimmt, das Erdbeben war größer als erwartet. Und auch die Atomanlage in Fukushima war, wie sich zeigte, nicht so robust, wie es erforderlich gewesen wäre. Die Wissenschaftler und Techniker haben das Vertrauen der Bevölkerung zumindest teilweise verloren. Das müssen sie unbedingt zurückgewinnen.

Die Fragen stellte Ralf Nestler.

Makoto Kobayashi (67) ist Physiker und Geschäftsführer der Japanischen Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften. Im Jahr 2008 wurde ihm der Physiknobelpreis verliehen.

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