DDR-Geschichte : Unbekanntes Land

Beim Thema DDR haben viele deutsche Schüler große Wissenslücken. Was läuft falsch im Geschichtsunterricht?

Elke Kimmel
DDR
Äußerst lückenhaft: Deutsche Schüler wissen wenig über die Geschichte der DDR. -Foto: dpa

Wie kann die DDR-Geschichte besser in der Schule vermittelt werden? Mit der aktuellen Diskussion um den Schießbefehl an der innerdeutschen Grenze ist auch darüber wieder eine Debatte entbrannt. Bundestags-Vizepräsident Wolfgang Thierse kritisiert, die Lehrpläne würden noch immer zu wenig Gelegenheit für eine ausreichende Auseinandersetzung mit der DDR bieten. Jetzt fordert die Berliner CDU den Senat auf, für die Unter-, Mittel- und Oberstufe verbindliche Curricula zur DDR-Geschichte festzulegen (siehe Seite 10). Bereits vor einem Jahr hatte eine Schülerbefragung der Stiftung Aufarbeitung der SED-Diktatur große Wissenslücken bei Schülern offenbart: Weniger als die Hälfte der deutschen Gymnasiasten weiß demnach, dass der Arbeiteraufstand in der DDR 1953 war. Mehr als sieben Prozent der deutschen Gymnasiasten halten Erich Honecker für den zweiten Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland.

Was läuft also falsch im Geschichtsunterricht? „Die Frage ist, wie wir die Jugendlichen für die Geschichte eines untergegangenen Staates wie der DDR interessieren können“, sagt Henning Schluß, Erziehungswissenschaftler an der Humboldt-Universität Berlin. Gerade bei Schülern und Schülerinnen aus Einwandererhaushalten sei das aber häufig schwierig. Schluß ist Mitglied einer Arbeitsgruppe von Geschichtspädagogen, die ein Kerncurriculum DDR-Geschichte für die zehnte Klasse entwickelt haben.

Ulrich Arnswald vom Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung in Frankfurt am Main hält vor allem die Schulbücher zur deutschen Geschichte für problematisch. Arnswald hat parallel zu der Schülerbefragung 63 Geschichtslehrbücher analysiert – und fand heraus: „Gerade die Bücher aus der Zeit direkt nach der Vereinigung behandeln die DDR mehr oder weniger unter ferner liefen.“ Eine angemessene Berücksichtigung des ostdeutschen Staates ist die Ausnahme. Die Schulbücher hängen hier deutlich hinter der Forschung zurück. „In den vor 2001 erschienenen Lehrbüchern verweisen die Autoren zum 17. Juni 1953 ausschließlich auf Publikationen aus der Vorwendezeit“, sagt Arnswald.

Besonders stiefmütterlich wird die Opposition in der DDR behandelt – kein Wunder, dass die friedliche Revolution kaum zu verstehen ist. Dieses Ergebnis passt zu den Beobachtungen der Lehrplan-Arbeitsgruppe: Schüler halten die DDR-Geschichte deshalb für irrelevant, weil die ersten 40 Jahre bundesrepublikanische Geschichte – im Unterricht – weitgehend ohne sie auskommen.

Dabei gibt es durchaus positive Beispiele: Die Bücher „Geschichte und Geschehen“ und „Zeiten und Menschen“ erzählen DDR- und bundesdeutsche Geschichte parallel. Die Autoren vergleichen etwa, wie die DDR und die Bundesrepublik mit den nationalsozialistischen Verbrechen umgingen. Die Selbstdefinition der DDR als „antifaschistischer Staat“, mit der die Regierenden sich aus der Verantwortung stahlen und eine Wiedergutmachung verweigerten, wird der „Schlussstrichmentalität“ der Westdeutschen gegenübergestellt. Natürlich gibt es nicht für jedes westdeutsche Thema eine ostdeutsche Entsprechung, aber für Arnswald und für Schluß geht es darum zu zeigen, wie sich ost- und westdeutscher Staat gegenseitig beeinflusst haben. „So hängt der Beginn der Arbeitsmigration in die Bundesrepublik Mitte der 50er Jahre eng damit zusammen, dass die DDR begann, ihre Grenze nach Westen abzuriegeln“, sagt Arnswald. Außerdem sollte nach Ansicht der Geschichtslehrer die deutsche Geschichte stärker in internationale Zusammenhänge eingebettet werden. Zeitgemäße Lehrpläne können schlecht daran vorbeigehen, dass mittlerweile in den Schulklassen der großen Städte viele Lernende nichtdeutscher Herkunft sitzen. Der Hamburger Erziehungswissenschaftler Bodo von Borries spricht davon, dass Lehrer häufig mehr „Immis“ als „Ossis“ unterrichten.

Die Arbeitsgruppe der Geschichtspädagogen hat auch überlegt, wie die modernisierten Inhalte die Schüler am besten erreichen. So sei es sinnvoll, dass die Schüler lernten, einen Gegenstand aus verschiedenen Blickwinkeln zu sehen. Zumindest andeutungsweise könnten sie hier auch in die fachwissenschaftliche Diskussion einsteigen, das schule das Urteilsvermögen. Allerdings warnt Schluß davor, die überwiegend 16-Jährigen zu überfordern und damit zu frustrieren. Er empfiehlt Lehrern, mit den Kollegen anderer Fächer zusammenzuarbeiten – wenn Schüler sich parallel im Deutschunterricht mit DDR-Autoren beschäftigten, bleibe mehr hängen. Für Geschichtslehrer dürfte gerade dieser Punkt interessant sein, klagen doch viele darüber, dass der Lehrplan für die zehnte Klasse viel zu voll sei. Die Arbeitsgruppe fordert „Mut zur Lücke“: „Sinnvoller als vierzig Jahre im Schnelldurchlauf sind allemal zwei, drei entscheidende Themen, mit denen sich die Schüler intensiv beschäftigen und sich so die größeren Zusammenhänge erschließen“, sagt Schluß.

Ein großer Vorteil der DDR-Geschichte liege darin, dass die Quellen vielfältig seien und darüber hinaus eine Vielzahl von authentischen Orten existiere. Dort haben die Lernenden am ehesten die Gelegenheit, Geschichte nicht nur kognitiv, sondern auch sinnlich zu erfahren. Daran könne dann im Unterricht angeknüpft werden. Auch das Internet taucht in den Überlegungen der Arbeitsgruppe auf, allerdings nicht als seriöses Informationsmedium: Ziel des Unterrichts müsse es sein, Schüler gegen bewusst fehlinformierende Websites zu immunisieren.

Schluß hofft, dass die Ergebnisse seiner Arbeitsgruppe in die Überlegungen der Kultusminister miteinfließen: „Wenn die Lehrbücher den veränderten Bedürfnissen nicht angepasst werden, stehen die Chancen für einen besseren Geschichtsunterricht schlecht.“ Inwieweit die Schulen aber neue Geschichtsbücher anschaffen können, das hängt allein davon ab, wie es um ihre Finanzen steht.

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