DDR und Aids : Virale Verschwörungstheorie aus dem Stasi-Labor

Hat die Stasi systematisch die Behauptung verbreitet, dass das Aids-Virus aus einem US-Labor stammt? Im Tagesspiegel wurde das bezweifelt - hier die Antwort auf die Kritik.

Douglas Selvage

Vor 30 Jahren begann der sowjetische Geheimdienst KGB eine Desinformationskampagne und bat ihre „Bruderorgane“ – darunter das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) der DDR - um Hilfe. In unserer Studie zur „Aids-Verschwörung“ belegen Christopher Nehring und ich, dass die Hauptverwaltung Aufklärung (HV A) des MfS darin eine zentrale Rolle spielte. Im Jahr 1985 vereinbarten der KGB und das MfS, die Desinformationsthese des KGB zum Aids-Erreger (HIV) international zu verbreiten. Danach sei HIV in einem Forschungslabor des US-Militärs in Fort Detrick, Maryland, künstlich entwickelt worden und sei von dort aus freigesetzt worden. Im selben Jahr beschäftigte der Ost-Berliner Biologieprofessor Jakob Segal sich mit dieser These. Ende August 1986 wurde seine Studie, verfasst mit den Ko-Autoren Lilli Segal und Ronald Dehmlow, zum ersten Mal in einer Broschüre am Rande eines Gipfeltreffens der Blockfreien Staaten in Harare veröffentlicht.

In unserer Studie behaupten wir gerade nicht, dass „die Stasi [Jakob] Segal die Feder geführt“ habe. Zu diesem Schluss aber kommt Erhard Geißler in seinem Kommentar für den „Tagesspiegel“. Nach der heutigen Aktenlage begann Segal selbstständig seine Forschung, obwohl er zumindest indirekt von dem KGB über Drittpublikationen beeinflusst wurde, von denen er aber nicht wissen musste, dass sie ihren Ursprung beim KGB hatten.

Wir stimmen keinesfalls mit Geißler darin überein, dass das MfS keine Rolle in der Verbreitung der „brisanten Behauptungen“ von Jakob Segal gespielt habe. Geißler glaubt dies dadurch beweisen zu können, dass nach seiner Kenntnis das MfS erst nach dem Gipfeltreffen der Blockfreien in Harare von der Segalschen Studie durch eine Telefonabhörmaßnahme am 12. September 1986 erfahren habe. Diese Behauptung Geißlers geht auf seine frühere Forschung zu diesem Komplex zurück, die vor unserer Studie erschienen ist.

Aids-Forschung im Auftrag der Stasi

Nach unseren neuesten Forschungen war das MfS tatsächlich viel früher über Segals Forschung im Bild. Der Ko-Autor der Segals, Ronald Dehmlow, wurde vom MfS als Inoffizieller Mitarbeiter (IM) „Niels“ geführt und übergab seinem Führungsoffizier schon im Januar 1986 eine „Literaturstudie“ der Segals, die die Hauptpunkte der Harare-Broschüre bereits beinhaltete. Ende Mai 1986 nahm Dehmlows Führungsoffizier Kontakt mit der Diensteinheit des MfS auf, von der Segal erfasst wurde. Es war ein Referat des Sektors Wissenschaft und Technik der HV A (HV A/SWT), das für die Aufklärung in den Bereichen Gentechnologie und AIDS-Forschung zuständig war. Dehmlows Führungsoffizier fasste daraufhin in einem Bericht zusammen, was er auf dem internen Dienstweg von der HV A erfuhr: Segal sei „für die HV A positiv erfasst“ und betreibe „im Auftrag des ZK der SED Gen. [Hermann] Axen und der HV A die Aids-Forschung“. 

Nachdem die HV A/SWT die Vorarbeit geleistet hatte, legte die Desinformationsabteilung der HV A (HV A/X) am 17. Juli 1986 den Objektvorgang „Denver“ an – d. h. ungefähr sechs Wochen vor dem Gipfeltreffen in Harare. Die HV A/X beschrieb „Denver“ gegenüber ihren bulgarischen Kollegen laut einem MfS-Dokument aus dem bulgarischen Stasi-Archiv (COMDOS) wie folgt: „Zur Aufdeckung der Gefahren, die der Menschheit aus Forschung, Produktion und Einsatz von B[iologischen]-Waffen erwachsen, und zur Verstärkung antiamerikanischer Vorbehalte in der Welt sowie zur Initiierung innenpolitischer Auseinandersetzungen in den USA übergibt die DDR-Seite eine wissenschaftliche Studie und andere Materialien, die belegen, dass Aids aus den USA und nicht aus Afrika stammt und Aids ein Produkt der B-Waffenforschung der USA ist.“ 

Eine hektographierte Broschüre streut das Gerücht

Der Kontext und die Beschreibung legen nahe, dass es sich bei dieser „wissenschaftlichen Studie“ um die Segalsche Studie handeln muss, die ab Ende August 1986 in einer hektographierten Broschüre mit dem Titel, „Aids: USA-home made evil, NOT Imported from AFRICA“ im Vorfeld des Gipfeltreffens der Blockfreien verteilt wurde. Diese Schlussfolgerung wird zusätzlich gestützt durch die Dokumentation von Äußerungen des Stellvertretenden Referatsleiters der HV A/X Wolfgang Mutz gegenüber seinen bulgarischen Amtskollegen in Mitte September 1986, dass die HV A nämlich hinter der internationalen Verbreitung der „wissenschaftlichen Studie“ und deshalb offensichtlich hinter dem Zustandekommen und der Verteilung der Harare-Broschüre stand.

Geißler behauptet in seiner Replik auf unsere Studie, die Offiziere der HV A/X hätten durch eine Teilnahme an der AIDS-Desinformationskampagne gegen die offizielle Politik der DDR verstoßen und deshalb „republikfeindlich“ gehandelt. Das mache ihre Teilnahme an so einer Aktion unwahrscheinlich. Tatsächlich wäre es unwahrscheinlich, dass MfS-Offiziere gegen die Anweisungen des SED-Staates handeln würden. Das MfS verstand sich als „Schild und Schwert“ der Partei; praktisch alle Stasi-Offiziere waren Mitglieder der SED. Gegen die Partei zu handeln, war grundsätzlich undenkbar für das MfS.

Die SED förderte die Desinformation

Als Beweis für die „Unbotmäßigkeit“ der Offiziere führte Geißler die Tatsache an, dass die DDR doch im Oktober 1987 in einer gemeinsamen UNO-Resolution der Sowjetunion und den USA zustimmte, dass „Aids durch natürlich auftretende Retroviren“ – und nicht durch künstlich hergestellte Viren aus einem militärischen Forschungslabor – verursacht wird.
Doch die archivalischen Überlieferungen belegen, dass das MfS die notwendige Unterstützung von der SED für die fortgeführte Aids-Desinformationskampagne bekam. Das offizielle Auftreten auf der diplomatischen Bühne stand damit im Widerspruch zu internen Absprachen. Nicht zum ersten Mal verstieß die DDR auch in diesem Fall gegen eine internationale Vereinbarung. Die Rückendeckung für die fortgesetzte Verbreitung seiner These hatte Jakob Segal vom ZK-Sekretär für Internationale Verbindungen Hermann Axen, der für Auslandspropaganda zuständig war.

Als ostdeutsche Wissenschaftler im Jahr 1987 anfingen, die Segalsche These im Ausland zugunsten eines natürlichen Ursprungs von HIV zu kritisieren, wurden MfS-Offiziere beim ZK-Sekretär für Gesundheitspolitik Karl Seidel vorstellig. Sie berichteten später: Seidel seien »die Zusammenhänge der Veröffentlichung der Auffassungen von Prof. Segal zum Aids-Problem bekannt« und sie würden »von ihm unterstützt«. Seidel habe sofort erkannt, dass »eine innerstaatliche Diskussion zu den Hypothesen von Segal« durch kritische ostdeutsche Wissenschaftler »der politischen Zielrichtung dieser Veröffentlichungen entgegenwirkt und verhindert werden muss«. Das bestehende Publikationsverbot in der DDR über den Ursprung von Aids wurde vom ZK-Sekretär für Gesundheitspolitik für Segals Kritiker auf das Ausland erweitert.

Damit bekam Segal als ostdeutscher Wissenschaftler von der SED praktisch ein Monopol für Veröffentlichungen zum Ursprung von Aids im Ausland, genau so, wie es das MfS wollte. Selbst Geißler notierte 2003 in seinem Buch „Anthrax und das Versagen der Geheimdienste“, Segal sei nie, auch nicht im Wendejahr 1989, von der SED „zurückgepfiffen“ worden. Zusammenfassend lässt sich also feststellen: Es gab eine Aids-Verschwörung und die Stasi war mittendrin, unterstützt von der SED.

- Der Autor ist Projektleiter in der Forschungsabteilung des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen.

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