Debatte über Pädophilie : Was Aussagen von Zeitzeugen wert sind

Die Pädophiliedebatte wirft Fragen nach dem Umgang mit Zeitzeugen auf. Warum befragte Franz Walter die FDP-Politikerin Dagmar Döring, aber nicht Günter Verheugen (SPD)? Historiker erklären, wie sie mit Zeitzeugen arbeiten.

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Zeitzeugen sitzen in einem Saal und berichten über den Zweiten Weltkrieg.
Wie sie den Krieg erlebten. Zeitzeugen sind besondere Quellen, deren Erzählungen von Mal zu Mal variieren können.Foto: picture alliance / dpa

„Das sind keine Quellen, die wir nutzen können“. Mit diesem Satz begründet der Politologe Franz Walter, der gerade am Göttinger Institut für Demokratieforschung die Pädophiliedebatte Anfang der 80er Jahre bei den Grünen untersucht, warum er einen Zeitzeugen nicht kontaktiert hat. In der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ veröffentlichte Walter Anfang vergangener Woche erste Zwischenergebnisse seiner Studie und erwähnte dabei in einem Nebensatz, dass der damalige FDP-Generalsekretär Günter Verheugen im Jahr 1980 „persönlich eine Revision der beiden Paragrafen 174 und 176 für möglich hielt“, die im Strafrecht sexuelle Handlungen an Kindern verbieten. Der heutige SPD-Politiker Verheugen warf Walter daraufhin „wissenschaftliche Schlamperei“ vor, weil er ihn nicht persönlich befragt hatte. Er könne ausschließen, sich jemals zum Thema Pädophilie geäußert zu haben, sagte Verheugen.

Hat Walter unseriös gearbeitet? Hätte er Verheugen als Zeitzeugen befragen sollen, bevor er seine Ergebnisse veröffentlichte? Walter begründet seine Entscheidung, dies nicht zu tun, in einem Beitrag auf „Spiegel Online“ damit, dass Historiker mit ihren Quellen kritisch umgehen müssten und Verheugens „Interpretation im Nachhinein nichts nutzen“ würde. Zeitgenössische Schwulenmagazine hätten übereinstimmend von Verheugens Äußerungen berichtet. Dass Verheugen sich nicht erinnere, sei „typisch für Zeitzeugen“. Bei der Aufarbeitung von Ereignissen, die 33 Jahre zurückliegen, müsse man mit Erinnerungen „vorsichtig umgehen“.

"Gespräch mit Verheugen hätte Walters Bild nicht revidiert"

Der Historiker Martin Sabrow, Direktor des Zentrums für Zeithistorische Forschung in Potsdam, versteht zwar Verheugens Standpunkt. Dennoch unterstützt er Walters Vorgehen. Ob man Zeitzeugen befragt, kommt auf die wissenschaftliche Fragestellung an, sagt er. Ein Politikwissenschaftler, der wie Walter die damalige Diskussion untersucht, bevorzugt in seinen Augen sinnvollerweise „weniger wackelige“ schriftliche Quellen. „Ein Gespräch mit Verheugen hätte Walters Bild sicherlich nicht revidiert“, sagt Sabrow. „Wie Verheugen über seine damalige Haltung heute denkt, ändert nichts an Walters sachlichen Beweisen.“ Sabrow selbst würde gleichwohl „unbedingt auch mit Verheugen reden“, weil ihn interessiert, „wie die Erinnerung an das einstige Tun sich an heutige Maßstäbe anpasst.“

Gehört wird der einzelne Mensch in seinem Leid

Sabrow hat vergangenes Jahr ein Buch über die „Geburt des Zeitzeugen“ mitherausgegeben, das sich mit dieser für die Geschichtskultur recht jungen Figur auseinandersetzt. In den Nürnberger Prozessen spielten Zeitzeugen noch keine Rolle. Erst mit dem Eichmann-Prozess 1961 wurden Berichte von Überlebenden wichtig. Gesellschaftlich wie wissenenschaftlich haben Zeitzeugen seitdem einen rasanten Aufstieg erlebt. Ihren Höhepunkt erreichten sie in den 1980er und 1990er Jahren, als die Alltagsgeschichte zu einem populären Forschungsfeld wurde. Die Bedeutung des Zeitzeugen erklärt Sabrow mit dem Trend zur Individualisierung in der Gesellschaft. Der Zeitzeuge wird nicht mehr als Kommunist oder Faschist eingeordnet, sondern als einzelner Mensch in seinem Leid, dem „keiner den Mund verbietet“. Dieser Respekt, sagt Sabrow, sei auch in der Pädophilie-Debatte zu erkennen, in der es um den Schutz des einzelnen Kindes gehe.

Allerdings führt die „Aura der Authentizität“, die Zeitzeugen zugeschrieben wird, leicht zu einem verzerrten Bild. Seit die Grünen vor 35 Jahren über eine Liberalisierung der Sexualität zwischen Kindern und Erwachsenen diskutierten, haben sich die moralischen Maßstäbe verschoben, sagt Sabrow. „Die Grünen waren zwar beschämend blind gegenüber dem Kindesmissbrauch.“ Doch ihr Anliegen, Sexualität zu enttabuisieren, war Teil des Wertewandels. Sich über die Diskussion aus heutiger Sicht nur zu empören, sei ahistorisch.

Historiker fragen, mit wie viel Distanz etwas erzählt wird

Historiker ordnen jede Quelle kritisch ein, auch Zeitschriften oder Twitternachrichten. Immer fragen sie, wer der Autor ist und mit wie viel Distanz jemand etwas erzählt. Zeitzeugen sind jedoch besondere Quellen, die sich ständig verändern. Viele Menschen erinnern sich gar nicht an das Ereignis, sondern nur daran, wie sie es das letzte Mal erzählten. Auch die Erinnerung anderer kann sich in der Erzählung ablagern, solche Gruppeninteressen sind für Forscher schwer herauszuhören. Die Mainzer Kulturanthropologin Sarah Scholl-Schneider hat bei Interviews mit Vertriebenen festgestellt, dass Menschen persönliche Erfahrungen eher „szenisch“ erzählen. Sie beschreiben Gerüche oder wiederholen Dialoge. Bei kollektiven Erinnerungen benutzen sie dagegen häufig ein distanzierteres „man“. Scholl-Schneider betont zudem, dass Erinnerungen auch von der Interviewerin abhängen. Einer jungen Frau erklären ältere Menschen Dinge anders als ihren Zeitgenossen.

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