Debatte um die Rolle der Intellektuellen : Sie klagen an - bestenfalls

Was sind Intellektuelle und wann sind sie gefragt? Die Debatte währt seit Beginn des 20. Jahrhunderts. In Krisensituationen wird nach ihren Urteilen gerufen, dann wieder wird der "Tod der Intellektuellen" verkündet.

Daniel Morat
Émile Zola an seinem Schreibtisch.
Engagierte Intervention. Émile Zolas „J’accuse“ begründete 1898 die Figur des Intellektuellen. In einem Brief an den...Foto: Félix Nadar

Als der Schriftsteller Navid Kermani unlängst im Bundestag seine bewegende Rede zum 65. Jubiläum des Grundgesetzes hielt, war der Beifall groß. Endlich einer, der ungeschönt spricht, lobt und tadelt, einer, der von der Gedenkroutine abweicht. Endlich ein Intellektueller, der etwas gesellschaftlich und politisch Relevantes zu sagen hat. Dabei schwang auch die Sehnsucht mit, das möge viel öfter geschehen: Wo sind eigentlich die anderen Intellektuellen, die sich klug in die großen Debatten einmischen?

Tatsächlich wird, wann immer eine gesellschaftliche Diskussion hochkocht, nach den Intellektuellen gerufen. Von ihnen erhofft man sich, dass sie – unabhängig von politischen, wirtschaftlichen und technischen Eliten – erklären, wie die aktuell drängendsten Vorgänge wirklich zu verstehen sind. „Man sehnt sich nicht nur nach Experten, sondern nach engagierten Intellektuellen, die ihr Expertentum und ihre intellektuelle Tätigkeit mit Moralvorstellungen verbinden“, schreibt dazu der Kultursoziologe Stephan Moebius – und fügt die Klage an: „Es scheint an Intellektuellen zu fehlen, die diese Fragen stellen und die aktuellen Ereignisse für uns deuten und in einen größeren Zusammenhang stellen.“ (hier geht es zu Moebius' Artikel)

Die Debatte ist so alt wie der Begriff des Intellektuellen selbst: Wer oder was ein Intellektueller sei und worin seine politische und gesellschaftliche Aufgabe bestehe, ist seit mehr als hundert Jahren stets ein umkämpfter Gegenstand der intellektuellen Auseinandersetzungen selbst gewesen.

Zolas "J'accuse" begründete die neue Sozialfigur des Intellektuellen

Dass das 20. Jahrhundert auch das „Jahrhundert der Intellektuellen“ war, scheint heute unstrittig. Mit Émile Zolas berühmtem „J’accuse“ 1898 in die Welt getreten, begleitete der Intellektuelle als moderne Sozialfigur die weltanschaulichen Kämpfe des „Zeitalters der Extreme“ (Eric Hobsbawm). Nachdem Émile Zola mit seinem am 13. Januar 1898 erschienenen Aufruf gegen die Verurteilung des jüdischen Hauptmanns Alfred Dreyfus wegen Hochverrats protestiert und schwere Vorwürfe gegen Militär und Justiz erhoben hatte, folgten ihm zwei Tage später eine Reihe weiterer namhafter Schriftsteller und Akademiker. Diese unterschrieben eine am 15. Januar erschienene Petition zur Revision des Dreyfus-Urteils. Diese Petition ist als „protestation des intellectuels“ bekannt geworden.

Die Dreyfus-Affäre prägt die Intellektuellendefinitionen des 20. Jahrhunderts – auch als der Begriff von einer politischen Kampfvokabel in eine wissenschaftliche Analysekategorie überführt wurde. Das zeigt schon die frühe Intellektuellensoziologie Karl Mannheims. Er schrieb allein den Intellektuellen die Fähigkeit zu, die grundsätzliche „Seinsgebundenheit“ des Denkens aufgrund ihres „sozial freischwebenden“ Status transzendieren und dadurch Einsicht in den Gesamtzusammenhang der Gesellschaft gewinnen zu können. Mannheim wies ihnen die Rolle von „Wächtern“ der Gesellschaft zu.

Dabei drohte allerdings aus dem Blick zu geraten, dass es neben den kritischen Intellektuellen immer auch affirmative Intellektuelle gab. „Kritik als Beruf“ und „Politik als Beruf“ ließen sich nicht immer fein säuberlich voneinander trennen.

Sich in einer Sache von allgemeinem politischen Interesse zu Wort melden

Dieses Problem ist in der deutschen Intellektuellengeschichte besonders virulent, da sich hier erst sehr spät ein positiver Intellektuellenbegriff entwickelt hat und es eine starke Tradition der konservativen Intellektuellenkritik gibt. Das hat manche Kommentatoren dazu veranlasst, von Deutschland als dem „Land der Mandarine“ zu sprechen, das – vor allem im Unterschied zu Frankreich – grundsätzlich intellektuellenfeindlich sei.

Sind aber Intellektuellenkritiker wie Arnold Gehlen oder Helmut Schelsky nicht selbst auch Intellektuelle? Man sollte Intellektuelle daher ganz allgemein als Angehörige akademischer oder künstlerischer Berufe verstehen, die sich eine gewisse Reputation erarbeitet haben und sich nun in einer Angelegenheit öffentlich zu Wort melden, die von allgemeinem politischen Interesse ist. Das macht deutlich, warum Schriftsteller für die Rolle prädestiniert sind. Als Spezialisten des Wortes sind sie der öffentlichen Rede mächtig. Anders aber als Wissenschaftler – die häufig nur als Experten ihres jeweiligen Fachgebiets öffentlich auftreten – sind Dichter in öffentlichen Angelegenheiten per se Generalisten und reden im eigenen Auftrag.

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