Defibrillatoren : Kein Schutz fürs Herz

Studie: Defibrillatoren nach Infarkt nutzlos

Adelheid Müller-Lissner
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Warnsignal. Engegefühl und Brennen in der Brust sind Infarktzeichen. Foto: avatra

Nach einem Herzinfarkt ist für viele Betroffene und ihre Angehörigen die Sorge ein ständiger Begleiter. Auch wenn alles gut gegangen ist, weiß man nun, dass man ein besonderes Risiko trägt: Sind die Herzkranzgefäße verengt, dann drohen trotz der Behandlung weitere Infarkte. Das Leben könnte aber auch durch plötzlich auftretende Veränderungen des Herzrhythmus gefährdet sein.

Mehr als 80 000 Menschen sterben in Deutschland in jedem Jahr, weil ihr Herz abrupt aus dem Tritt kommt. Die meisten von ihnen haben zuvor schon einen Herzinfarkt gehabt. Wenn im Extremfall die Muskulatur der Herzkammern angesichts des Tempos der Schläge nur noch zuckt, also beim gefürchteten Kammerflimmern, kommt der Bluttransport zum Erliegen. Die einzige Rettung ist dann ein massiver Stromstoß, der den normalen Rhythmus wiederherstellt.

Wer an solchen bösartigen Rhythmusstörungen leidet, dem kann dauerhaft ein Defibrillator implantiert werden, der ähnlich wie ein Schrittmacher eingesetzt wird. Dafür werden ein oder zwei Elektroden über ein Blutgefäß ins Herz vorgeschoben und im Bereich der Brustmuskulatur verankert. Das Gerät überwacht kontinuierlich die Herzaktionen. Es kann plötzlich auftretende Rhythmusstörungen wie Kammerflattern oder Kammerflimmern erkennen und durch die Abgabe eines elektrischen Schocks den Herzrhythmus wieder normalisieren.

Sollte man ein solches kleines Gerät also nicht sicherheitshalber gleich jedem einpflanzen, der einen schweren Infarkt überlebt hat? Nun zeigt eine europäische Studie, deren Ergebnisse im Fachblatt „New England Journal of Medicine“ (Band 361, Seite 1427) veröffentlicht wurden, dass diese Frage verneint werden muss.

Für die Untersuchung, die unter Federführung der Kardiologen Gerhard Steinbeck vom Münchner Uniklinikum Großhadern und Dietrich Andresen vom Berliner Vivantes-Klinikum am Urban lief, wurden fast 900 Patienten nach einem Herzinfarkt aufgrund ihres besonderen Risikos für Rhythmusprobleme ausgewählt. Nach dem Zufallsprinzip bekam die Hälfte von ihnen im ersten Monat nach dem Infarkt zusätzlich zur üblichen Behandlung einen implantierbaren Defibrillator eingesetzt, die andere Hälfte nahm nur gängige Medikamente ein.

Wie schwer krank die (im Schnitt 62 Jahre alten) Teilnehmer der Studie waren, kann man daran erkennen, dass in den nächsten drei Jahren fast ein Viertel von ihnen starb. Für die Herzmediziner war jedoch die Erkenntnis wichtig, dass es in beiden Gruppen gleich viele Todesfälle gab.

Unter den Patienten, die das Gerät bekommen hatten, hatte es zwar weniger plötzliche Todesfälle gegeben, ein Hinweis darauf, dass die Defibrillatoren sie durchaus vor akuten Entgleisungen des Herzrhythmus geschützt hatten. Dafür waren diese Studienteilnehmer allerdings häufiger an Herzproblemen gestorben, die langsamer – und oft qualvoller – zum Tod führen. „Eine mögliche Erklärung dafür ist, dass viele Patienten, die der Stromschlag zunächst gerettet hat, ein paar Tage später an ihrem schwachen Herzen gestorben sind“, sagt Andresen.

In einem Kommentar zur Studie vermuten die US-Herzspezialisten Alan Garber und Mark Hlatky, die Defibrillatoren könnten in den ersten Monaten nach einem Herzinfarkt weniger nützen, weil dann die Verengung der Herzkranzgefäße samt verminderter Sauerstoffzufuhr im Vordergrund steht. Das passe zu anderen Daten, nach denen die Wirksamkeit der Defibrillatoren mit der Zeit wächst.

Doch die Ärzte suchen ja gerade für die ersten, gefährlichen Tage nach wirkungsvollem Schutz. In dieser Hinsicht enttäuscht das Ergebnis. Andresen kann sich jedoch vorstellen, dass in einiger Zeit Kriterien dafür vorliegen werden, wem nach einem Infarkt ein „Defi“ wirklich nützt. Dann könnte man die Implantate gezielter einsetzen. Jetzt ist aber zunächst einmal klar, dass man vielen Patienten den Eingriff – und dem Gesundheitswesen Kosten von 12 000 Euro pro Gerät – ersparen kann. Adelheid Müller-Lissner

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