Wissen : Dem Osten fehlen die Eliten

Studie: In Ostdeutschland werden zu wenige Politiker rekrutiert – die Lücken füllt der Westen

Jan Ludwig
Angekommen. Kultusministerin Johanna Wanka (CDU), Ostimport in Niedersachsen, zu Gast in Worpswede. Foto: ddp
Angekommen. Kultusministerin Johanna Wanka (CDU), Ostimport in Niedersachsen, zu Gast in Worpswede. Foto: ddpFoto: ddp

Die Kandidatin zeigte sich überrascht. „Ich finde es erstaunlich, dass ich 20 Jahre nach der Wiedervereinigung die Erste bin“, hatte die niedersächsische Wissenschaftsministerin Johanna Wanka bei ihrem Amtsantritt im April dieses Jahres gesagt. Es war ein politischer Coup: Christian Wulff, seinerzeit noch Ministerpräsident von Niedersachsen, hatte die erste Ostdeutsche in ein westdeutsches Kabinett berufen.

Ging es um politische Ost-West-Verteilungen, war oft von Zurücksetzung die Rede, davon, dass Politiker aus Westdeutschland importiert würden und die Pfründe im Osten einstrichen. Doch zumindest für den überproportionalen Anteil Westdeutscher im Osten gibt es eine Erklärung.

Denn einer noch unveröffentlichten Studie zufolge hat der Osten ein massives Elitenproblem. Der Jenaer Soziologe Heinrich Best hat in den vergangenen Jahren mehrfach die Integration der politischen Elite in Deutschland untersucht. Nun, da die Zahlen von 2010 vorliegen, kommt er zu dem Schluss: Der Osten wählt immer häufiger Westdeutsche. Die Studie wurde am Donnerstag auf einer Politologentagung der Humboldt-Universität vorgestellt. Es finde bis heute „ein massiver Elitenimport“ statt, lautet das Urteil von Best.

Das allein ist noch nicht neu. Doch: Sollte man nicht denken, dass Ostdeutschland seine politische Elite mittlerweile selbst produziert, der Anteil Westdeutscher in den Kabinetten und Parlamenten also sinkt? Und müsste nicht, wer in Thüringen oder Sachsen wählt, seine Stimme tendenziell eher den ostdeutschen Aspiranten geben?

Das Gegenteil ist der Fall. In der Wahlkabine entscheiden sich die Menschen in Ostdeutschland überproportional häufig für Westdeutsche – und zwar mit steigender Tendenz. Die Zahlen sind frappierend: 22 Prozent aller Ost-Wahlkreise werden von Westdeutschen vertreten. Nur zwei von neun Mitgliedern des Berliner Senats wurden in der DDR geboren. In westdeutschen Landesparlamenten und Ministerien finden sich praktisch keine Ostdeutschen; im Osten dagegen ist jedes sechste Mitglied des Landtags westdeutscher Herkunft, in den Kabinetten jedes dritte.

Für die Untersuchung haben Best und seine Mitarbeiter 4700 Interviews mit Bundestags- und Landtagsabgeordneten geführt. Darin wurden politische Vorstellungen, Ziele und Motivationen abgefragt, zudem wurden biographische Daten herangezogen. Bests Untersuchung stellte die Frage, ob sich in den letzten 20 Jahren eine integrierte, gleichsam „einheitliche“ politische Elite gebildet habe.

Die Antwort: Ja, die politische Elite im Osten Deutschlands ist gefestigt, sie ist sogar konsolidierter als vergleichbare Eliten in den osteuropäischen Staaten – man denke nur an Ungarn. Doch diese Homogenität speist sich auch aus dem Import des westdeutschen politischen Personals. Best vermutet: „Die ostdeutschen Parteien sind nicht in der Lage, politisches Personal in hinreichender Qualität und Zahl bereitzustellen.“ Vor allem die geringe Mitgliederzahl der Parteien in Ostdeutschland sei dafür der Grund. „Die Parteien sind im Osten eher Kaderparteien, im Westen Mitgliederparteien.“

Mit deutsch-deutscher Integration befasste sich auf der Tagung auch Eckhard Jesse. Der in Chemnitz lehrende Politologe forderte, sich bei allen Klagen über soziale Ungleichheiten stets auch die Homogenität Deutschlands vor Augen zu führen. Im Vergleich zu Ländern wie Spanien oder Italien hätten sich in Deutschland die Lebensverhältnisse und Einstellungen weitgehend angenähert. In Italien bringe man seit über 100 Jahren ungeheure Transferleistungen für den Süden auf – und dennoch sei die wirtschaftliche Kluft weit größer als hierzulande.

Auch der Heidelberger Zeithistoriker Edgar Wolfrum bezog sich auf die wirtschaftlichen Grundlagen einer gelungenen Integration. Demokratische Überzeugungen beruhten eben auch auf Wohlstand und Konsum. Die Eingliederung der Vertriebenen in den 1950ern sei auf diese Weise geglückt. Sozialpolitik sei die eigentliche, die primäre Integrationsklammer – „und erst im zweiten Schritt werden Sie gute Demokraten“. Doch noch immer bestehende Ost-West-Unterschiede in dieser Frage seien kein Grund zum Alarmismus: „Innere Einheit gibt es nirgendwo.“Jan Ludwig

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