Dem Romanisten Winfried Engler zum 80. : Abenteuer des Erzählens

Literaturforscher und Kulturvermittler: Dem Berliner Romanisten Winfried Engler zum 80. Geburtstag.

Brunhilde Wehinger
Der Romanist Winfried Engler.
Der Romanist Winfried Engler.Foto: Promo

In einem autobiografischen Essay erzählt der Berliner Romanist Winfried Engler eine Kindheitserinnerung, die seine wissenschaftliche Arbeit und die Haltung gegenüber seiner „unvergleichlich schönen“ Disziplin nachhaltig prägen sollte: Es war der 14. Juli 1948, als der Zwölfjährige für seine Leistungen im Fach Französisch zum ersten Mal ausgezeichnet wurde. Die französische Lehrerin schenkte ihm einen kleinen Roman und schrieb eine liebenswürdige Belobigung in das Büchlein. Die junge Pädagogin war von der französischen Regierung an die Oberschule in Saulgau abgesandt worden, wo Winfried Engler am 17. Dezember 1935 geboren wurde und zur Schule ging. In der oberschwäbischen Kleinstadt, die zur französischen Besatzungszone gehörte, sorgte die Militärverwaltung dafür, dass es guten Französischunterricht gab und nach der Befreiung von der NS-Diktatur die Kultur wieder Teil des Alltags wurde.

Seitdem, so erinnert sich der Frankreichspezialist, gehören Eleganz, Charme, Weltläufigkeit zu seinem Frankreichbild, urbane Qualitäten, die einst seine Französischlehrerin ins ländliche Oberschwaben mitbrachte. Die Französische Republik wollte in den Nachkriegsjahren über den Zugang zur ästhetischen Erfahrung die politische Aussöhnung zwischen Frankreich und Deutschland fördern.

Diesem historischen Projekt hat auch Engler sein Wirken als Literaturforscher und Kulturvermittler gewidmet. 1968 wurde er nach Berlin berufen, zunächst an die Pädagogische Hochschule, 1980 auf den Lehrstuhl für Französische und Spanische Literatur an der FU. Der 14. Juli blieb für Engler ein symbolisches Datum: Die Revolution im Jahr 1789, ein europäisches Schlüsselereignis, das für die Abschaffung der Adelsprivilegien und die Erklärung der Menschenrechte steht, trieb ihn als Wissenschaftler, er ging der Frage nach, welche Folgen diese Umwälzung, die Geburtsstunde des modernen Frankreichs, für die literarische Kultur hatte.

Vor allem die Erforschung der Theorie und Geschichte des französischen Romans, von Rabelais über Balzac, Zola, Proust bis zu Claude Simon und Patrick Modiano, fasziniert ihn seit 50 Jahren. Seine gelehrten, schwungvoll geschriebenen Bücher bieten funkelnde Einblicke in Erzählformen, Lesarten, Publikationsstrategien, in Kultbücher und Literaturdebatten. Sie beleuchten die Entwicklung des modernen Romans vom Erzählen eines Abenteuers hin zum Abenteuer des Erzählens und machen die Selbstverständigungsprozesse der französischen Gesellschaft im Medium der Literatur erkennbar.

Wer sich vor der digitalen Revolution mit französischer Literatur befasste, erinnert sich gewiss gerne an das Diktum „Schlag’ nach im Engler“ – im ebenso handlichen wie erschwinglichen „Lexikon der französischen Literatur“. Der Autor legte es von 1974 bis 2004 alle zehn Jahre in einer aktualisierten Neuauflage vor.

Winfried Engler, der heute seinen 80. Geburtstag feiert, wurde für sein Engagement für die deutsch-französische Verständigung mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet und für seine ehrenamtliche Tätigkeit als Koordinator der Städtepartnerschaft Berlin–Paris mit dem Verdienstorden des Landes Berlin. Die Französische Republik ernannte ihn zum Ritter der Ehrenlegion und ehrte ihn am 14. Juli 1998 mit den Palmes Académiques. Bon anniversaire!

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