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Demenzforschung : Abwehrstoffe gegen Alzheimer

21.07.2011 17:21 Uhrvon
Unersetzlich. Menschliche Zuwendung ist eine wesentliche Hilfe für Alzheimer-Patienten. Dagegen sind alle Versuche, die Ursache der Krankheit mit Medikamenten zu bekämpfen, bislang weitgehend erfolglos geblieben. Foto: picture-alliance/ dpaBild vergrößern
Unersetzlich. Menschliche Zuwendung ist eine wesentliche Hilfe für Alzheimer-Patienten. Dagegen sind alle Versuche, die Ursache der Krankheit mit Medikamenten zu bekämpfen, bislang... - Foto: picture-alliance/ dpa

Bisher gibt es kein Medikament, dass eine Alzheimer-Erkrankung aufhalten könnte. Doch frühes Eingreifen in die Abläufe der Krankheit könnte Nervenschäden reduzieren, hoffen Forscher.

Begleitet von rhythmischem Klatschen läuft Roberto Blanco auf die Bühne. Aber: ein Irrtum! Versehentlich ist der Schlagersänger in einen Auftritt der Heavy-Metal-Band „Sodom“ geraten. Zu sehen ist das in einem Videoclip, mit dem die Deutsche Alzheimer-Gesellschaft auf die 1,2 Millionen Menschen aufmerksam macht, die regelmäßig „den Ort verwechseln“, weil sie an Demenz erkrankt sind.

Zurzeit gibt es kein Medikament, das den Verlauf der Alzheimer-Erkrankung, die mit Gedächtnislücken beginnt und im völligen Verfall der geistigen Leistung endet, nennenswert verlangsamen oder gar stoppen könnte. Um das zu erreichen, werden verschiedene Wege beschritten.

Viel verspricht man sich davon, das Immunsystem für den Kampf gegen Alzheimer zu nutzen. Gesunde Menschen haben etwa im Vergleich zu Alzheimer-Patienten mehr natürliche Abwehrstoffe (Antikörper), mit denen fehl gefaltete kleine Proteinfragmente aus dem Verkehr gezogen werden können. Diese Beta-Amyloide verursachen nach der gängigen Hypothese den Untergang von Nervenzellen, weil sie verklumpen und sich im Hirngewebe ablagern.

Aktuell laufen mehrere Studien, in denen an Patienten getestet wird, ob die therapeutische Gabe von Antikörpern, die sich hauptsächlich gegen das Beta-Amyloid direkt richten, den Krankheitsverlauf bremsen kann. „Antikörper werden sich in Zukunft bei der Therapie von Alzheimer durchsetzen“, meint Thomas Bayer von der Universitätsmedizin Göttingen. Die Frage sei nur, welche Antikörper, mit welcher Zielerkennung sich schließlich als die Richtigen erweisen würden. „Fragt man heute zehn verschiedene Alzheimerforscher, wird man zehn verschiedene Antworten auf die Frage nach dem geeigneten Antikörper bekommen“, sagt Bayer.

Wissenschaftler der Firma Genentech in San Francisco würden hier wohl für einen neuen Antikörper plädieren, den sie im Fachblatt „Science Translational Medicine“ vorgestellt haben. Dieser Antikörper kann jenen molekularen „Finger“ lähmen, der den Alzheimer-Stein überhaupt erst ins Rollen bringt. Blockiert wird ein körpereigenes molekulares Werkzeug, das Enzym Beta-Sekretase (Bace1), das die Herstellung der kleinen Proteinfragmente, der Beta-Amyloide, startet.

Zumindest in der Zellkultur machte sich der Antikörper gut. In Nervenzellen sank die Produktion des Beta-Amyloid nach Zugabe des Antikörpers um 70 Prozent. Nicht so hoch war die Erfolgsquote beim Test am Tier. Bei Mäusen, denen der Antikörper über die Blutbahn gegeben wurde, reduzierte sich der Beta-Amyloid-Gehalt im Gehirn nur um rund ein Fünftel, selbst bei sehr hohen Antikörperkonzentrationen. Das sind solche Mengen, die für eine klinische Anwendung absolut ungeeignet seien, kommentiert der Alzheimer-Forscher Steven Paul von der Cornell-Universität in New York.

Die Ursache für den schwachen Wirkeffekt liegt wohl in der Blut-Hirn-Schranke, die nur bestimmten Substanzen den Zutritt zum Gehirn gewährt. Antikörper gehören in der Regel nicht dazu. Um dem Antikörper dennoch den Sprung über die Barriere zu ermöglichen, gestalteten ihn die Forscher neu. Dabei formten sie den einen Arm des Y-förmigen Antikörpermoleküls so, dass dieses ein Shuttlesystem nutzen kann, über das das Gehirn den Eisentransporter „Transferrin“ importiert. Der Antikörper bindet nun an das Transferrin-Shuttle und im Idealfall nach dem Transport durch die Blut-Hirn-Schranke mit seinem zweiten Arm an das gewünschte Zielmolekül Bace1.

Wie sich unter dem Mikroskop zeigte, ließen sich diese veränderten Antikörper gut in das Gehirngewebe von Mäusen einschmuggeln. Mit immer noch recht hohen Antikörpergaben gelang es dann, den Beta-Amyloid-Gehalt im Mausgehirn um die Hälfte zu drücken. Man wisse nach diesen ersten Experimenten aber noch nicht, wie sicher eine Langzeitanwendung sei, sagt Steven Paul.

Auch Thomas Bayer, Göttinger Alzheimerforscher, sieht die Therapie der Zukunft ohnehin bei jenen Antikörpern, die recht früh im Krankheitsgeschehen eingreifen. Dazu gehören Antikörper gegen lösliche Beta-Amyloid-Peptide, also Strukturen in einem Zustand, bevor sie sich im Gehirn abgelagert haben. Zwar hätten sogar Studien am Menschen schon gezeigt, dass auch bereits bestehende Ablagerungen, Plaques, durch Antikörper abgeräumt werden könnten.

„Die Plaques sind weg, aber den Menschen ist trotzdem nicht geholfen“ , sagt Bayer. Als Folge der Auflösung durch die Antikörper würden massenhaft Beta-Amyloid-Peptide, frei, die den Patienten Nebenwirkungen einbrächten.

Alle diese Ansätze gehen von einem Zutreffen der Hypothese aus, nach der die Ablagerung der Beta-Amyloide ausschlaggebend für die Alzheimerentstehung ist. Vieles spricht dafür, bewiesen ist diese Theorie nicht. Selbst wenn die Vermutung zutrifft, ist eine Frage weiterhin ungeklärt: Wann könnte eine Therapie sinnvoll eingesetzt werden, wo doch die fehlgeleitete Ablagerung viele Jahre bis Jahrzehnte vor den ersten Gedächtnislücken beginnt. Ein Zeitpunkt, an dem niemand auf den Gedanken kommen würde, sich einer Therapie zu unterziehen.

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