Wissen : Den Patienten dienen

Das Institut für Medizinlehre in Bern erforscht, wie gute und moderne Ärzte ausgebildet werden. Ein Vorbild auch für die Charité

Rosemarie Stein
Lernen am Modell. Im neuen Medizinstudium sollen sich Studierende verstärkt praktische Fähigkeiten aneignen. Hier lernt eine Studentin an einem Kunstarm Zugänge zu legen. Foto: dpa/Zentralbild
Lernen am Modell. Im neuen Medizinstudium sollen sich Studierende verstärkt praktische Fähigkeiten aneignen. Hier lernt eine...Foto: ZB

Wie bildet man gute Ärzte aus und nicht nur Mediziner? Keine kleinen Patchwork-Spezialisten, sondern Ärzte, die ganz normale Patienten rundherum versorgen und immer neue Probleme auch in Zukunft lösen können? Die Charité hat, nach einem erfolgreichen Reformstudiengang für einen Teil ihrer Studierenden, letzten Herbst mit einem Modell-Curriculum für alle begonnen. Ein Institut für Forschung und Entwicklung guter medizinischer Lehre, das sie dabei unterstützt, wurde schon gegründet, steckt aber erst in den Anfängen und hat noch keine Leitung. Hierfür wurde eine Stiftungsprofessur bereits ausgeschrieben, aber noch nicht besetzt.

Was ein solches Institut für die Lehre in der Medizin alles leisten kann, ist in Bern zu erfahren. Dort steht die erste Einrichtung für diesen Bereich in Europa. Es ist vierzig Jahre her, da zog Hannes Pauli, Vizedirektor der Medizinischen Universitätsklinik Bern, die Konsequenzen aus dem Ärger über das total veraltete Medizinstudium, verzichtete auf Chefarztstatus, Betten und Privatpatienten und gründete auf dem engen Dachboden des Inselspitals das „Institut für Ausbildungs- und Examensforschung“, das heute „Institut für Medizinische Lehre“ (IML) heißt.

Rasch wurde es zum Referenz-Zentrum der Weltgesundheitsorganisation, bis heute ist es das führende Institut in Europa. Der langjährige Direktor Hannes Pauli beriet auch die Arbeitsgruppe Reformstudiengang der Charité. Bern wiederum hat ebenfalls von Zugängen aus Berlin profitiert: Kai Schnabel etwa, der den Reformstudiengang der Charité zum Schluss leitete, steht seit 2009 an der Spitze von einer der fünf Abteilungen des IML: der Abteilung für Unterricht und Medien. Ärzte, Psychologen, Naturwissenschaftler, Informatiker, Grafiker und Filmer arbeiten hier Hand in Hand.

Was machen die Berner? Eine wichtige Aufgabe ist die Produktion von Lehrfilmen, die von den Studierenden ausgeliehen oder erworben werden können. Die Dozenten werden im Institut beraten, wie sie diese Filme am effektivsten in den Unterricht einbauen. Ein Beispiel zeigt, dass die Technik nicht Selbstzweck, sondern sinnvolles Hilfsmittel ist. Alle Studierenden müssen sich durch einen Film aufs Kommunikationstraining vorbereiten. Das dient dem Schutz der Patienten vor allzu ungeschickten Anfängerfragen, ebenso wie die Übungsgespräche mit Simulationspatienten. Im Institut werden hierfür meist Laienspieler geschult, weil Profi-Schauspieler oft abspringen, sobald sie das nächste Engagement bekommen. Ähnliche Simulationspatienten setzt auch die Charité ein.

Auch Lern-Apps werden in Bern entwickelt. So kann man selbst vor dem kleinen Bildschirm eines iPhones üben, ein EKG zu beurteilen. In Bern kann man seinen Master und sogar seinen Doktor mit einem Film statt einer schriftlichen Arbeit machen. Im „Usability-Labor“ werden Computer-Lernprogramme auf Benutzerfreundlichkeit getestet. Die Augen- und Handbewegungen der Studierenden, die die Programme erproben, werden von zwei Kameras beobachtet und ihre Kommentare aufgenommen („Wo ist das nun wieder?“ – „Was soll ich denn jetzt als Nächstes machen?“). Lern-Software wird auch für Externe entworfen und auf Benutzerfreundlichkeit geprüft.

Die neuen Ansätze im Medizinstudium, wo die Vermittlung sozialer und kommunikativer Kompetenzen ebenfalls eine wichtige Rolle spielt, sollen sich auch in den Prüfungen widerspiegeln. Da die Prüfungen das Lernverhalten der Studierenden maßgeblich beeinflussen, werden sie im IML sehr sorgfältig erarbeitet, was zum Teil anderthalb Jahre dauert. Das Wissen wird zwar nach wie vor in Multiple Choice-Prüfungen abgefragt, die Fragen hierfür in Workshops entworfen. Aber die kognitive Dimension ist nur eine von mehreren. Evaluiert werden die praktischen Fertigkeiten, die ärztlichen Verhaltensweisen und die soziale Kompetenz.

Schnabel schildert ein Beispiel für die Prüfung der Handlungskompetenz, angewandt in den Blockpraktika des Medizinstudiums wie auch bei der Weiterbildung zum Facharzt Chirurgie. Direkt am Arbeitsplatz beobachtet und beurteilt der Ausbilder die Gesprächsführung mit dem Patienten vor der Operation, die Einschätzung der Diagnose durch den zu Prüfenden, seine organisatorischen Fähigkeiten und technischen Fertigkeiten. Danach bekommt er eine mündliche und schriftliche Rückmeldung.

Schließlich ist auch die zweijährige berufsbegleitende Weiterbildung zum „Master of Medical Education“ am Berner IML angesiedelt. Ohne diese europaweit renommierte Schulung (die inzwischen auch in Deutschland möglich ist) dürfte heute niemand mehr auskommen, der an der Reform des Medizinstudiums mitarbeitet. Wenn Bern Schule macht, wird es mit der viel beklagten Kette von Kunstfehlern in der Ausbildung der Ärzte hoffentlich bald vorbei sein.

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