Depressionen : Individuelle Medikamente für die Seele

Antidepressiva wirken nicht bei allen gleich gut. Maßgeschneiderte Arzneien könnten helfen.

Adelheid Müller-Lissner
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Florian Holsboer, Psychiater -Foto: imago

„Für mich war Sebastian Deisler ein Held.“ Viele Fußballfans könnten diesen Satz unterschreiben. Gesagt wurde er allerdings von seinem Arzt Florian Holsboer, Direktor des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie in München, der am Dienstag in Berlin einen Vortrag über Depressionen hielt. Heldenhaft ist in Holsboers Augen, dass der Spitzen-Fußballer öffentlich von seiner schweren Depression gesprochen hat. „Ich wäre froh, wenn viele meiner prominenten Patienten auch diesen Mumm hätten.“

Sicher hat Deislers offener Umgang mit der Krankheit auch zu Holsboers eigener Prominenz beigetragen. Im Klappentext zu seinem gerade erschienenen Buch „Biologie für die Seele“ (C.H. Beck 2009, 288 Seiten, 19,90 Euro) wird er als „Deutschlands bekanntesten Psychiater“ bezeichnet. Unabhängig davon hat die Offenheit Deislers zwei Dinge gezeigt: Eine Depression kann jeden treffen – auch vom Erfolg verwöhnte Menschen. Und dass Menschen durch eine psychische Erkrankung nicht ihre Individualität verlieren.

Bei der Behandlung von Depressionen setzt der Psychiater auf eine „personalisierte Medizin“. Denn die biochemischen Veränderungen im Gehirn sind nicht bei allen gleich. Holsboers Team hat unter anderem herausgefunden, dass Wirkstoffe bei verschiedenen Patienten unterschiedlich gut ins Gehirn gelangen. Genetische Unterschiede führen dazu, dass die biochemische Barriere der „Blut-Hirn-Schranke“ unterschiedlich hoch ist. „Das sollte man bei der Auswahl der Medikamente berücksichtigen“, sagt der Forscher.

Angesichts der enormen Fortschritte in der Hirnforschung findet er es erstaunlich, dass die Arzneien weitgehend die gleichen Rezeptoren im Gehirn ansteuern. Dass sie wirken und dass sie insbesondere helfen, Selbsttötungen zu verhindern, zeigen große Studien. „Doch die Medikamente sind auch bei optimaler Anwendung nur in 70 Prozent der Fälle wirksam.“ Als größtes Hemmnis für die Suche nach einer individuellen Therapie betrachtet Holsboer den wirtschaftlichen Erfolg der Psychopharmaka: 20 Milliarden Euro Umsatz wurden im Jahr 2005 mit Antidepressiva gemacht. Die Wirkmechanismen der Präparate unterschieden sich aber kaum voneinander. „Wären sie unterschiedlich, hätte dies für die Firmen den gravierenden Nachteil, dass der Markt fragmentiert würde.“

Am besten wäre es natürlich, wenn eine Depression gar nicht erst ausbricht. Für Holsboer sind hierbei Untersuchungen von New Yorker Bürgern nach dem 11. September 2001 ein Ansatzpunkt. Anhand von Laborwerten, die ein biologisches Profil ergeben, würde er nach einer solchen Katastrophe in Zukunft am liebsten schon in der Notaufnahme feststellen können, wer besonders gefährdet ist – und eine maßgeschneiderte Behandlung starten.Adelheid Müller-Lissner

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