Depressionen : Tödliche Traurigkeit

Die häufigste Ursache für einen Suizid sind Depressionen, ausgedehnte Phasen von Verzweiflung und Traurigkeit. Obwohl Depressionen behandelbar sind, bleibt ein Risiko.

Hartmut Wewetzer
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Alles grau. Wer unter Depressionen leidet, dem erscheint die Welt trist und leblos. Foto: p-a/dpadpa

Es ist eine Tat, die für viele Menschen unbegreiflich ist. Warum bringt sich ein prominenter und gefeierter Sportler wie Robert Enke im Alter von 32 Jahren um? Zumindest ein wenig verständlich wird Enkes Handeln durch die Tatsache, dass er an Depressionen litt. Sie waren es, die ihn schließlich in den Tod trieben.

Depressionen, also ausgedehnte Phasen von Verzweiflung und Traurigkeit, sind die Hauptursache für eine Selbsttötung, einen Suizid, sagt die Charité-Psychiaterin Isabella Heuser. „Noch immer gilt die Depression als typisch ,weibliche‘ Erkrankung“, sagt Heuser. „Als junger, erfolgreicher Mann hat man nicht depressiv zu sein, erst recht nicht in einem Machosport wie Fußball.“ Enke habe offenbar im Verborgenen gelitten und ganz für sich den Entschluss zum Suizid gefasst.

Ein Suizid ist in der Regel kein Kurzschlussakt, sondern häufig geplant. Menschen, die eine Selbsttötung vorhaben, wirken paradoxer Weise für ihre Umwelt oft besonders gelöst, ja heiter. „Das ist die Ruhe vor dem Sturm“, erläutert die Psychiaterin Heuser. „Wenn jemand, der an Depressionen leidet, schlagartig fröhlich ist, dann ist das für uns ein Alarmzeichen.“ Der Entschluss, zu sterben, hat eine scheinbar befreiende Wirkung. Eine echte Besserung der Depression erfolgt dagegen allmählich.

Hirnforscher wie Florian Holsboer vom Münchner Max-Planck-Institut für Psychiatrie nehmen an, dass bei Depressionen Umwelt und Anlage zusammenspielen. Körperlicher oder seelischer Stress und eine sensible Natur kommen zusammen und bahnen einer depressiven Störung den Weg. Oft gelinge es dabei nicht, die Depression an einem „Melancholie-Gen“ oder einem einzigen belastenden Lebensereignis festzumachen. Es ist die „konzertierte Aktion“ vieler subtiler genetischer Varianten und äußerer Ereignisse, die mit der Zeit überhandnehmen und den Organismus überfordern.

Holsboer glaubt, dass jedes Lebewesen nach einem inneren Gleichgewicht strebt. Diese Balance wird durch „Stressoren“ herausgefordert, bestimmte körperliche und seelische Ereignisse wie Krankheiten oder belastende Lebenssituationen, etwa ein Trauerfall und Versagen im Beruf. Die Stressoren versetzen den Körper in Alarm, Stresshormone wie Adrenalin und Cortisol werden ausgeschüttet. Eine zunächst ganz normale Situation – aber ein verletzlicher Organismus bekommt die Situation nicht in den Griff und befindet sich schließlich in einem Daueralarm, der auf die Stimmung drückt und Symptome wie Angst und Niedergeschlagenheit auslöst.

„Die Depression ist die wichtigste stressbezogene Erkrankung“, sagt die Charité-Psychiaterin Heuser. Noch kommen auf einen männlichen zwei weibliche Patienten. Aber mittlerweile nimmt die Zahl der behandelten männlichen Depressionspatienten zu, die Erkrankten werden immer jünger. „Woran das liegt, wissen wir nicht“, sagt Heuser.

Depressionen oder depressive Verstimmungen sind sehr häufig – statistisch gesehen hat jeder zweite bis dritte Mensch irgendwann im Leben mit ihnen zu kämpfen. Das wiederum hat Wissenschaftler auf den Plan gerufen, die sich fragen, ob sich hinter einer Depression nicht mehr verbirgt als „nur“ ein krankhaftes Geschehen. Könnte sie einen versteckten evolutionären Sinn haben? Warum sonst sind depressive Störungen so weit verbreitet?

Die US-Psychologen Paul Andrews und Anderson Thomson vertreten diese Ansicht. Sie glauben, dass ein depressiver Gemütszustand Menschen helfen kann, intensiv und ohne Ablenkung von außen über Probleme nachzudenken. Das kann sehr produktiv sein, glauben die Forscher. Aber solche Produktivität hat ihren Preis – ein sinnvolles Insichgekehrtsein kann sich in eine schwere psychische Krankheit verwandeln.

Eine Depression bleibt nur selten unentdeckt. Denn wer depressiv ist, dessen Persönlichkeit verändert sich. „Man redet weniger, zieht sich zurück, hat selbst am Essen kein Freude und lächelt nicht mehr“, sagt Heuser. Angehörige und Freunde sollten in dieser Situation nicht lockerlassen und weder gute Ratschläge geben à la „das wird schon wieder“ noch sich von den Betroffenen abweisen lassen. „Depressive dürfen nicht in Ruhe gelassen werden“, rät sie, professionelle Hilfe durch einen guten Hausarzt oder Psychiater sei oft dringend erforderlich.

Rund 9000 Suizide werden jedes Jahr in Deutschland verzeichnet, Depressionen gelten dabei in mindestens neun von zehn Fällen als Ursache. Seit 1980 hat sich die Zahl der Selbsttötungen jedoch mehr als halbiert. Isabella Heuser führt das vor allem auf bessere Medikamente zurück. Früher seien die Mittel wegen erheblicher Nebenwirkungen oft nicht ausreichend dosiert worden.

Antidepressiv wirkende Medikamente sind aus Heusers Sicht meist unerlässlich. Die häufig geäußerte Kritik an ihnen findet die Ärztin und Psychotherapeutin überzogen und nicht ungefährlich, weil eine unzureichende Behandlung mit Medikamenten das Suizidrisiko nachweislich erhöht. Zweites Standbein ist eine Psychotherapie. Nur in leichten Fällen von Depression sei es möglich, ganz auf Arzneimittel zu verzichten.

Trotz aller therapeutischen Erfolge ist es noch immer trauriger Alltag, dass sich Depressive das Leben nehmen. Der tragische Tod Robert Enkes ruft das ins Gedächtnis.

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