Wissen : Der gebildete Kranke

Das umfassende Handbuch „Gesundheit heute“ gibt praktische Tipps für mündige Patienten

Adelheid Müller-Lissner

Zunächst sieht dieses Buch aus wie eine Fundgrube für Hypochonder: Da macht man Bekanntschaft mit einem „Krankheitsfinder“, der auf 185 eng bedruckten Seiten jede Menge Krankheitssymptome auflistet. Dutzende verschiedener Arten des Erbrechens und etliche Varianten lästiger Gelenkschmerzen werden fein säuberlich gegeneinander abgegrenzt. Meist steht dahinter der Ratschlag: In den nächsten Tagen zum Hausarzt. Manchmal heißt es aber auch dramatischer: Notarzt rufen. Beim Symptom „Völlegefühl nach ungewöhnlich üppigen oder rasch eingenommenen Mahlzeiten“ gibt es aber auch den schlichten Rat: Essenspause und Kamillentee.

Der „Krankheitsfinder“ leistet sozusagen Erste Hilfe, indem er dem Laien, den ungewohnte Beschwerden quälen, Verdachtsdiagnosen an die Hand gibt, auf die auch sein Arzt aufgrund der Symptome zuerst kommen würde. Er bildet den ersten Teil einer Neuerscheinung mit dem anspruchsvollen Titel „Gesundheit heute. Das Handbuch für Schulmedizin, Naturheilkunde und Selbsthilfe“ . Geschrieben hat das fast 1500 Seiten dicke Buch ein Autorenteam von Spezialisten verschiedener Fachgebiete unter Leitung des Arztes Arne Schäffler.

Brauchen wir wirklich noch einen Gesundheitsratgeber? Einschlägige Werke füllen die Regale der Buchhandlungen, die Laien, die ihnen nicht trauen, schauen sicherheitshalber noch im Mediziner-Lexikon „Pschyrembel“ nach. Die Marktlücke sehen die Autoren jedoch in der Qualität, die sie bieten wollen. „Nicht mehr, sondern bessere Information tut not.“

Die schnelle Sofortinformation des „Krankheitsfinders“ wird in drei weiteren ausführlichen Teilen fortgesetzt. Im Buchteil „Gesund bleiben“ geht es um Themen wie Früherkennungsuntersuchungen oder Impfungen. Besonders wohltuend ist hier schon die Einleitung: Die Autoren wehren sich gegen jeden Versuch, Wellness und gesunden Lebensstil zur Ersatzreligion des modernen Menschen zu erheben – und die Menschen, die trotzdem krank werden dafür auch noch schuldig zu sprechen. „Jeder etwas dickere Mensch kann von dieser Art der Betrachtung ein Lied singen.“ Auf dieser Basis wirken die Tipps gleich umso überzeugender. Zumal sie ganz nebenbei auch beliebten Mythen zu Leibe rücken und aus medizinischer Sicht klarstellen: Freizeitsport ist auch ohne Nahrungsergänzungsmittel und ständig mitgeführte Wasserflasche machbar – und „lohnt“ sich auch in kleineren Dosierungen.

Der Teil „Vom Kreislauf des Lebens“ führt den Leser am biografischen Leitfaden über Verhütung, Schwangerschaft, Kindergesundheit und Anti-Aging bis zur Pflege im Alter – alles flankiert von Literaturhinweisen und weiterführenden Internet-Adressen.

Unter „Erkrankungen und ihre Therapie“ geht es dann zur Sache: von Augenheilkunde bis zu Schmerzmedizin. Verständliche Erklärungen zu Sinn und Ablauf der einschlägigen Diagnoseverfahren ermöglichen eine gute Vorbereitung des Arztbesuchs, die Auflistung der Therapien umfasst den aktuellen Stand etwa der molekularen Tumortherapien, aber auch kritische Bewertungen alternativer Verfahren. In Warnhinweisen wird immer wieder von Behandlungen abgeraten.

Dem berechtigten Einwand, das Buch werde notgedrungen schnell veralten, begegnet der Verlag mit der Einrichtung einer Medienplattform (unter: www.gesundheit-heute.de), auf der Buchkäufer nicht nur Serviceleistungen wie Laborwerte-Checks nutzen, sondern auch von Aktualisierungen profitieren sollen.

Das letzte Kapitel bietet sich zum ganz altmodischen Durchlesen an. Zum Nachdenken über die Rolle des Patienten, aber auch über die Erwartungen, die wir heute an Ärzte haben. Fazit: „Wir setzen auf den Arzt, der unsere Werte im Leben, aber auch unsere Leberwerte kennt.“

„Gesundheit heute. Das Handbuch für Schulmedizin, Naturheilkunde und Selbsthilfe“, Knaur Verlag, München 2007,

1392 Seiten, 2000 Abbildungen, 48 Euro

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