Der Literaturwissenschaftler Eberhard Lämmert wird 90 : Sein Bildungsroman

Der Berliner Literaturwissenschaftler Eberhard Lämmert hat die Erzähltheorie ebenso geprägt wie die Freie Universität. Aus Anlass seines 90. Geburtstags am kommenden Sonnabend drucken wir Passagen aus einem langen Gespräch mit Kollegen und Wegbegleitern.

Eberhard Lämmert sitzt auf einem Stuhl und blickt in die Kamera.
Zu seinen Lieblingsautoren gehören Hemmingway, Camus, Tolstoi - und Mark Twain. Huckleberry Finns Mississippifahrt habe er...Foto: Mike Wolff

Er ist ein Mann der entschlossenen Wechsel: Dem frühen Schritt von der Mineralogie zur Germanistik folgte der zur Allgemeinen und Vergleichenden Literaturwissenschaft. Doch in seinem Engagement für Berlin und die hiesige Wissenschaftslandschaft könnte das Wirken des Berliner Literaturwissenschaftlers Eberhard Lämmert nachhaltiger nicht sein. Über seinen persönlichen Bildungsroman und seine akademischen Wege hat er seinen Kollegen Petra Boden, Justus Fetscher und Ralf Schnell jetzt in einem langen Gespräch für die Festschrift zu seinem 90. Geburtstag am 20. September Auskunft gegeben. Im Folgenden dokumentieren wir einige Passagen.

Weimar und die Spur der Steine

Mein Studium begann 1942 mit Mineralogie und Geologie. Als ich aus dem Krieg zurückkam, habe ich bald ein oder zwei kunstgeschichtliche oder germanistische oder philosophische Vorlesungen zu meinem Geologie- und Mineralogiestudium hinzu belegt, und als ich 1948 mal drei oder vier belegt habe, da wurde mir dann bewusst, dass das eigentlich auch eine bessere Ausrichtung für mein Leben würde.

Deutsch lag mir am nächsten, weil in diesem Fach meine Eins beständig war, und ich hatte in der Oberstufe zum Glück einen Deutschlehrer, der wegen einer Lähmung nicht fronttauglich war, der es aber auch besonders verstand, uns zu stimulieren und zum Lesen anzuhalten. Mein Gymnasium hatte überdies den unvergesslichen Vorzug, jede Prima eine Woche lang zu den „Weimarer Festspielen“ fahren zu lassen, wo wir wiederum das Glück hatten, sowohl die „Iphigenie“ als auch an zwei Abenden den gesamten „Wallenstein“ zu sehen, und obendrein noch Lesungen mitbekamen. Das war eine dichtgedrängte literarische Woche. Der Deutschunterricht, den ich in den Oberklassen genoss, und dieses Ereignis machen mir meinerseits plausibler, warum ich, obwohl ich die Geologie und Mineralogie gerne mochte, dann doch den Wechsel zu den Geisteswissenschaften vollzogen habe.

Jedenfalls fühle ich mich auch heute noch hinsichtlich des Wechsels, den ich vollzogen habe, und in dem Beruf, den ich dann lange gehabt habe, sehr wohl.

Bis nahe an mein jetziges Alter habe ich übrigens – wohl auch in Erinnerung an meine Lebensaussichten vor dem Schwenk in die Literaturwissenschaft – Gesteine gesammelt, und inzwischen ist eine ansehnliche Sammlung davon nicht nur in meinem Arbeitszimmer, sondern auch in einem eigenen Raum untergebracht, der mir zugleich als Bücherstube dient. Selbst vor meiner Haustür begrüßen den Besucher ein schwarz-roter Klotz aus Eifeler Vulkangestein, den ich in der Nähe unseres Ferienhauses in der Eifel fand, und ein gelblich-weißer Dolomit aus den südlichen Alpen. So sind auch meine bergmännisch-geologischen Interessen in meinem Leben nicht ohne Spur geblieben.

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