Wissen : Der Schritt über die Schwelle

Für psychisch Kranke ist es oft schwer, zurück in den Beruf zu finden. Eine individuelle Reha kann ihnen helfen

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Kurz nach dem Abitur hatten sich die Anzeichen der Schizophrenie bemerkbar gemacht. Der junge Mann litt unter Verfolgungswahn, er musste längere Zeit in einer psychiatrischen Klinik behandelt werden und war danach noch längst nicht gesund. Vom geplanten Studium konnte erst einmal keine Rede mehr sein. Allein die Vorstellung der vollen Hörsäle ängstigte ihn. Im Zentrum für Rehabilitation des Göttinger Instituts für angewandte Sozialfragen (IFAS) suchten Psychologen, Ärzte und Sozialarbeiter gemeinsam nach einer Lösung, die nicht nur den krankheitsbedingten Schwierigkeiten des jungen Mannes gerecht werden sollte, sondern auch seinen intellektuellen Stärken.

Ein Jahr lang wurde er dort ganztags ambulant betreut, Begleitung zum Sportverein und Praktikumsplatzsuche inklusive. Anschließend machte er eine Ausbildung zum Fachinformatiker. „Es gab Rückschläge, sein Selbstwertgefühl musste immer wieder stabilisiert werden“, berichtet IFAS-Geschäftsführerin Brigitte Kumbier-Jordan. „Doch er hat seine Prüfung geschafft und anschließend im Ausbildungsbetrieb eine Stelle bekommen.“

Nach der Klinik kommt die Reha: Wer ein künstliches Hüftgelenk eingesetzt bekommen hat, braucht nach den Tagen im Krankenhaus eine Phase, in der unter anderem die richtige Belastung geübt und langsam gesteigert wird. Nach einer Behandlung in einem psychiatrischen Akutkrankenhaus wegen eines schweren seelischen Leidens, etwa einer Psychose, ist Reha dagegen noch weit weniger selbstverständlich. Doch es gibt sie – und sie kann auch dabei helfen, wieder im Beruf Fuß zu fassen.

„Eine solche berufliche Reha kommt für zwei Drittel der Patienten in Frage, die aus einer Akutklinik entlassen wurden, besonders junge Menschen profitieren davon“, sagt Michael Bräuning-Edelmann, der die Reha-Einrichtung Herzogsägmühle in Oberbayern leitet. Bräuning-Edelmann ist zugleich Vorsitzender der Bundesarbeitsgemeinschaft Rehabilitation psychisch kranker Menschen (BAG RPK), zu der sich 50 Einrichtungen zusammengeschlossen haben.

Es geht dabei um ein großes Thema, nicht allein menschlich, sondern auch wirtschaftlich. Seit 1999 sind die Fehlzeiten aufgrund psychischer Erkrankungen bei den zehn Millionen AOK-Versicherten um fast 80 Prozent gestiegen. Bei jedem dritten Deutschen, der vorzeitig in Rente geht, ist ein psychisches Leiden der Grund. Tendenz in den letzten Jahrzehnten: eindeutig steigend. Laut dem BKK Bundesverband kosten wiederholte Behandlungen und Frühberentungen aufgrund psychischer Störungen jährlich mehr als sechs Milliarden Euro.

Ein Tag in einer der Reha-Einrichtungen der BAG RPK kostet im Schnitt 120 Euro. Krankenkasse, Rentenversicherung und Bundesagentur für Arbeit kommen gemeinsam dafür auf. Auch in der Hoffnung, Geld für die wesentlich teureren Akutbehandlungen und für Frühberentungen zu sparen. Seit mehr als 20 Jahren gibt es das Angebot zum Übergang in ein möglichst normales, selbstständiges Leben. Die Reha kann dabei stationär, aber auch ambulant erfolgen – wenn die häuslichen Bedingungen genug Stabilität erwarten lassen.

Die Menschen, die daran teilnehmen, haben meist eine psychotische Erkrankung hinter sich. Teilweise müssen sie damit rechnen, dass sie wieder auftritt, oft stehen sie dauerhaft unter Medikamenten. „Die berufliche Reha stößt eine Pforte in Richtung Unabhängigkeit auf“, sagt der Hannoveraner Psychiater Eberhard Grosch. Und das in einer Phase des Lebens, die von einer nachhaltigen Erschütterung der Persönlichkeit gekennzeichnet ist. „Damit wieder eine Freiheit zum Leben da ist, müssen sich psychisch Kranke nützlich fühlen, eine Aufgabe haben und möglichst ihr eigenes Geld verdienen. Sie müssen auch mit Macken einen Platz in der Arbeitswelt finden.“

Nur wenige können nach einer schweren Psychose nahtlos an den alten Arbeitsplatz zurückkehren. In Einrichtungen wie der Herzogsägmühle finden die Betroffenen im Idealfall einen Arbeitsplatz, der zu ihren Fähigkeiten passt, oft zunächst in Teilzeit. Sie können auch Umschulungen oder neue Ausbildungen machen. Nach Auskunft von Bräuning-Edelmann ist eine dieser Varianten für weit mehr als die Hälfte der Patienten möglich. Eine kleinere Gruppe von chronisch Kranken findet in geschützten Werkstätten Arbeit, einige der Betroffenen sind allerdings auch nicht beschäftigungsfähig. „Für alle stellt sich die Aufgabe, ihre Krankheit zu akzeptieren und zu lernen, was damit möglich ist.“

Für Menschen, die schwere Psychosen durchgemacht haben und leicht in Stress geraten, sind Berufe mit komplexen Aufgaben und Zeitdruck kaum zu bewältigen, hat Bräuning-Edelmann festgestellt. „Viele Bürojobs sind ausgesprochen schwierig.“

Ins Reha-Zentrum Seehof in Teltow bei Berlin kommen ebenfalls Menschen mit chronischen seelischen Leiden, die meist schon längere Zeit krankgeschrieben sind. Sie leiden häufig unter Depressionen, Anpassungsstörungen oder Angststörungen. Bei einer großen Gruppe von Patienten beziehen sich die Ängste ausgerechnet auf den Arbeitsplatz. Für die Therapeuten ist es eine besondere Herausforderung, auch angesichts einer gefestigten Arbeitsplatzphobie an dem Prinzip „Reha vor Rente“ festzuhalten.

„Wir erheben zunächst ein genaues Profil des Arbeitsplatzes und der Fähigkeiten des Patienten“, berichtet die Psychologin Beate Muschalla, die zusammen mit Psychiater Michael Linden mehrere Charité-Forschungsprojekte zum Thema geleitet hat. In gezielten Trainingseinheiten werden Konzentration und soziale Fähigkeiten gestärkt, und es wird auch das Bewerben geübt. Anschließend bieten Praktika in kooperierenden Betrieben die Möglichkeit, für einige Zeit zur Probe zu arbeiten. Die Konfrontation mit dem alten oder einem neuen Arbeitsplatz erfordert eine umsichtige Vorbereitung, sagt Muschalla. „Gerade für Menschen mit arbeitsplatzbezogenen Ängsten ist es wichtig, überhaupt wieder irgendwo über die Schwelle zu treten.“

Mehr Informationen unter www.bag-rpk.de

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