• Der weltweite Kampf um Spitzenforscher: Auf der Suche nach Europas Wissenschaftskultur

Der weltweite Kampf um Spitzenforscher : Auf der Suche nach Europas Wissenschaftskultur

Wegen der Finanzkrise leidet der Ruf Europas als Wissenschaftsstandort. Europa sollte aber nicht den Fehler machen, Wissenschaft nur unter dem Aspekt zu betreiben, was dem Wirtschaftswachstum hilft, warnt die Präsidentin des Europäischen Forschungsrats.

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Die Euro-Krise hält Politiker und Ökonomen in Atem. Den Ruf Europas als Wissenschaftsstandort droht sie ebenfalls zu beschädigen. Das ist der Eindruck, den Helga Nowotny, die Präsidentin des Europäischen Forschungsrats (ERC), jüngst auf einer Reise durch Asien gewann. Bei Gesprächen etwa an Unis in Singapur sei sie „geschockt“ gewesen, sagt Nowotny: „Das Bild, das die Kollegen dort derzeit von Europa haben, ist trostlos.“ Europa werde als heillos zerstritten wahrgenommen, als Kontinent im Zerfall, der keine Zukunft habe. Sprich: Kein Ort, an dem man forschen will. „Wir brauchen dringend eine positive Agenda für Europa“, fordert Nowotny daher.

Die Sozialwissenschaftlerin sprach in der vergangenen Woche in Brüssel anlässlich des fünfjährigen Bestehens des Forschungsrats. Diesen sieht Nowotny natürlich als Teil einer solchen positiven Agenda. Der Forschungsrat ist inzwischen die größte EU-Fördereinrichtung für die Grundlagenforschung, bisher hat er 4,2 Milliarden Euro vergeben.

Als er gegründet wurde, sollte er zu einem Umdenken in der EU-Wissenschaftspolitik beitragen: Weg vom proporzgeleiteten Geldverteilen Brüsseler Bürokraten, hin zur Förderung nach Exzellenzkritierien, die durch die Wissenschaft bestimmt werden. Junge wie gestandene Forscherinnen und Forscher fördert der Rat mit millionenschweren Stipendien, bisher vergab er knapp 2600. Angesichts der Unterfinanzierung vieler europäischer Unis sei die Gründung „zur rechten Zeit“ gekommen, sagte Nowotny.

In den Augen einiger Politiker ist der Forschungsrat sogar zu erfolgreich, was das Durchsetzen von Exzellenzkriterien angeht. Vor allem östliche EU-Mitglieder kritisieren, sie würden zu selten berücksichtigt. So hat Slowenien bisher nur eine Auszeichnung erhalten, Polen elf (zum Vergleich: Nach Großbritannien gingen 550 Stipendien, nach Deutschland 355). EU-Forschungskommissarin Mäire Geoghegan-Quinn widersprach den Kritikern. Ein Zurück zum Proporz würde „das Ende des Forschungsrats“ bedeuten. Sie schlägt stattdessen vor, die Abermilliarden Euro aus dem EU-Strukturfonds einzusetzen, um die Forschung in den schwächeren Staaten konkurrenzfähig zu machen.

Doch ein Problem bleibt. Zwar schafft es der Rat, Wissenschaftler aus Europa in Europa zu halten. „Wir sind aber noch zu schwach darin, Forscher von außerhalb anzulocken“, gab Nowotny zu. Sie will neben einem höheren Budget eine neue Internationalisierungsstrategie durchsetzen. Sie warb zudem für eine „genuine europäische Wissenschaftskultur“, die sich von den weltweiten Wettbewerbern unterscheide. Dazu gehöre ein umfassender Wissenschaftsbegriff, der auch die Geisteswissenschaften einbezieht. Europa müsse zu einer Grundlagenforschung stehen, die nicht allein daran ausgerichtet sei, ob sie in kürzester Zeit das Wirtschaftswachstum steigere. Für wahre Innovation bräuchten Forscher vielmehr Zeit und die Möglichkeit, irren zu dürfen: „Wir können wissenschaftliche Durchbrüche nicht einfach wie ein Menü im Restaurant bestellen.“

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