Deutsch-deutsche Unterschiede : Hier spricht man Ostdeutsch

„Kaufhalle“, „Plansilvester“, „Westberlin“: Mit dem Mauerbau wuchs die Angst vor einer Sprachspaltung. Nach der Wende entstand mitunter kommunikatives Chaos.

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Broiler-Gaststätte
Heißbegehrt. Noch 1990 standen Ostdeutsche nach einem „Broiler“ an, im Westen wussten damals nur 21 Prozent, was das ist.Foto: picture alliance / dpa

Als im August 1961 Soldaten der Nationalen Volksarmee Ost- von West-Berlin durch den Bau einer Mauer abriegelten, war die deutsche Teilung komplett vollzogen. Für den Germanisten Hugo Moser war es der Anlass, wenig später ein Seminar über „Sprache im geteilten Deutschland“ an der Uni Bonn zu halten. Schon immer hatte man in der Bundesrepublik dem Regime drüben „Begriffsverdrehungen“ und „Moskauderwelsch“ vorgeworfen. „Aber mit dem Mauerbau stand ein Schreckgespenst im Raum: Die in Beton gegossene Spaltung könne zur Sprachspaltung führen“, berichtet der 78-jährige Linguist Manfred W. Hellmann, damals Mosers studentische Hilfskraft.

Das "Neue Deutschland" und die "Welt" als Quellen

Nachdem Moser 1964 das Institut für Deutsche Sprache (IDS) in Mannheim gegründet hatte, fragte er Hellmann, ob er an dem Thema weiterforschen wolle. So begann Hellmann zusammen mit einem kleinen Forscherteam, systematisch das Ostdeutsche zu analysieren und mit westdeutschem Sprachgebrauch zu vergleichen – im Kopf die warnende Frage, die der Romanist Victor Klemperer, Verfasser des „Notizbuchs eines Philologen – Lingua Tertii Imperii“ (also „Sprache des Dritten Reichs“), schon gleich nach Kriegsende gestellt hatte: Ob man etwa im Ausland in den Schaufenstern bald Schilder sehen werde: „Hier spricht man Ostdeutsch“, „Hier spricht man Westdeutsch“?

In 15 Jahren sammelten die Wissenschaftler über drei Millionen Wörter aus dem „Neuen Deutschland“ (DDR) und der „Welt“ (BRD) und verglichen sie untereinander und mit dem Vokabular weiterer Quellen. Einmal im Jahr fuhren sie in die DDR, um ihre Ergebnisse zu überprüfen und die Sprache der Einheimischen zu erkunden.

Und sie studierten die Duden in Ost und West. Die letzte gemeinsame Ausgabe war 1947 erschienen. Ein Jahr später war das Bibliographische Institut Leipzig zum Volkseigenen Betrieb (VEB) erklärt worden. So heißt es 1951 im Ost-Duden unter „Weltbürgertum“: „Als Weltbürgertum getarnte Ideologie der (…) Versklavung der Nationen zugunsten des Machtanspruchs des anglo-amerikanischen Imperialismus.“ Um die Teilung Berlins unsichtbar zu machen, nahm der Ost-Duden „West-Berlin“ den Bindestrich und schuf eine neue Stadt namens „Westberlin“ – wohin dessen Einwohner zu ihrem Ärger auch von den Schildern an der Transitstrecke verwiesen wurden.

Von Dienstleistungskombinat bis Zielprämie

Schon 1964 gab es im Ost-Duden beim Buchstaben A 400 Abweichungen vom Wortbestand des West-Dudens, 200 bei den Bedeutungserklärungen. Die beiden Duden schrieben aber auch bewusst voneinander ab, sagt Hellmann. Der West-Duden in Mannheim setzte in solchen Fällen den Zusatz „(DDR)“ hinter den Begriff, der Ost-Duden den Zusatz „(im kapitalistischen Wirtschaftssystem)“.

So sah der Mauerstreifen aus
Für dieses Bild "Tor der Freiheit" vom Frühjahr 1990 in der Nähe der Glienicker Brücke hat Wolf-Dietrich Braun im selben Jahr den 1. Preis bei einem Fotowettbewerb des Berliner Senats zum Thema "Berlin - grenzenlos und weltoffen" gewonnen.Weitere Bilder anzeigen
1 von 176Foto: Wolf-Dietrich Braun
03.10.2016 15:19Für dieses Bild "Tor der Freiheit" vom Frühjahr 1990 in der Nähe der Glienicker Brücke hat Wolf-Dietrich Braun im selben Jahr den...

Die Wissenschaftler dokumentierten Neuschöpfungen, die das politische System der DDR beschrieben, wie „Volkskammer“, „Ministerrat“, „Staatsrat“, „Staatliche Plankommission“, oder die aus der sozialistischen Arbeitswelt stammten: „Dienstleistungskombinat“, „Brigadetagebuch“, „Zielprämie“, „Plansilvester“ (also die vorzeitige Erfüllung des Jahresplans durch einen Betrieb). Unterschiede im Sprachgebrauch zeigten sich zumal bei ideologiehaltigen Begriffen wie „demokratisch“, „fortschrittlich“ oder „Freiheit“, die im Osten auf einen marxistisch-leninistischen Bedeutungsumfang eingeengt wurden.

Überbordende Wiederholung, nervtötende Stereotypie

Ging es den Forschern zuerst um die bedeutungstragenden Wörter (Substantive, Adjektive, Verben), ergab die Auswertung durch den Computer bald auch markante Unterschiede bei abschwächenden Modifikatoren: „circa“, „etwa“, „annähernd“ oder „nach Ansicht von“ kamen in der Zeitungssprache im Westen weit häufiger vor als im Osten. Dort fanden sich hingegen verstärkende Adverbien wie: „umfassend“, „konkret“ und „breit“. So wurde ein Fünfjahrplan nicht einfach „erfüllt“, sondern „allseitig erfüllt“. Beliebt waren auch pathetisch steigernde Adjektive: „unerschütterlich (Reihen, Grundsätze, Solidarität)“, „unverbrüchlich (Freundschaft)“ oder „schöpferisch“ (Masseninitiative, Aneignung des Marxismus-Leninismus). „Der öffentliche Sprachgebrauch der DDR war eine Mischung aus Tribünenpathos und knöchernem Direktivenstil, gekennzeichnet durch überbordende Wiederholung und nervtötende Stereotypie“, erklärt Hellmann, der in Jahrzehnten fast 100 Publikationen zu dem Thema veröffentlicht hat.

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