Deutsch-französische Freundschaft : 20 Jahre Centre Marc Bloch in Berlin

Das 1992 vom französischen Staat in Berlin gegründete Centre Marc Bloch forscht zu den gesellschaftlichen Folgen der friedlichen Revolutionen von 1989. Jetzt sucht es neue Perspektiven, kürzlich wurde ein Projekt zu Europa in der Krise gestartet.

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Als vor 20 Jahren das deutsch-französische Forschungsinstitut Centre Marc Bloch in Berlin gegründet wurde, stand die große, allzu oft grausame Geschichte beider Nationen Pate. Der naheliegendste Anlass aber war 1992 die deutsche Wiedervereinigung. Wenige Jahre nach dem Mauerfall und der wiedergewonnenen staatlichen Einheit wollte der französische Staat sich zu diesem neuen Deutschland, das zur Wendezeit in Frankreich auch auf Reserve gestoßen war, auch wissenschaftlich bekennen. Der erste Standort des Centre am Schiffbauerdamm rückte es alsbald ins politische Zentrum.

Benannt ist das Institut nach dem französischen Historiker Marc Bloch, dem Mitbegründer der Schule der Annales, die traditionelle Nationalgeschichte durch vergleichende europäische Geschichte ersetzte. 1944 wurde Bloch, der vor dem Ersten Weltkrieg in Berlin studiert hatte, als Résistance-Kämpfer von der Gestapo erschossen. Am 9. November, dem Jahrestag des Mauerfalls, feiert das Centre auch mit Blick auf den 50. Jahrestag des Élysée-Vertrags am 22. Januar. Mit dem Freundschaftsvertrag von 1963 beendeten Konrad Adenauer und Charles de Gaulle die „Erbfeindschaft“ zwischen den beiden Ländern.

Der Forschungsauftrag des Centre, das 1994 seine Arbeit aufnahm, umfasst weit mehr. Unter Gründungsdirektor Étienne François sollte es zunächst um das „bessere Verständnis der heutigen Gesellschaften und deren Veränderungen im Zuge der einschneidenden Ereignisse von 1989“ gehen – also um Mitteleuropa als Ganzes. Heute will das Institut mit seinen rund 20 angestellten und 30 assoziierten Wissenschaftlern sowie 30 Doktoranden die Perspektive auf eine „im weiteren Sinne europäische Forschung in den Sozialwissenschaften“ nehmen, sagt der stellvertretende Direktor Daniel Schönpflug. Er leitet das neue Projekt „Europa der Herausforderungen“; angesichts der aktuellen Krisen gelte es, „Europa neu zu denken“.

Das Zentrum, das Jürgen Kocka zum 10. Jubiläum „Kleinkunstbühne der Forschung“ nannte, hat turbulente Zeiten hinter sich. Zuletzt war gar sein Überleben gefährdet, als das französische Außenministerium 2008 Zuwendungen kürzte. Nachdem sich gewichtige Fürsprecher zu Wort gemeldet hatten, erhöhte das seit 2001 an der Finanzierung beteiligte Bundesforschungsministerium den Zuschuss. Von Berliner Seite sprang die Humboldt-Universität ein, die den Umzug in ihr Geschichtsinstituts ermöglichte; seit 2011 ist das Centre An-Institut der HU. Mit einem Jahresetat von derzeit gut zwei Millionen Euro sei das Zentrum abgesichert, sagt Schönpflug.
- Der öffentliche Teil der Feierlichkeiten beginnt am morgigen Donnerstag, 8. November, mit Podiumsdiskussionen im Auditorium der Französischen Botschaft, Wilhelmstraße 69 (Mitte): Ab 14 Uhr diskutieren u. a. Jacques Revel (EHESS, Paris) und Jürgen Trabant (FU Berlin) über die Sozial- und Geisteswissenschaften im öffentlichen Raum, ab 16.30 Uhr geht es um ihr Verhältnis zu den Verlagen. Der Vormittag der Offenen Tür findet am Freitag, 9. November, von 9.30 bis 11.30 Uhr im Centre Marc Bloch, Friedrichstraße 191, statt.

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