Deutsch-Polnische Beziehungen : Breslauer Intrigen

Dem renommierten Willy-Brandt-Zentrum in Polen droht das Aus. In Deutschland stoßen die Überlegungen auf völliges Unverständnis.

Amory Burchard,Tilmann Warnecke
Kaczinksy
Der polnische Präsident Lech Kaczinsky. -Foto: ddp

Aufregung um das deutsch-polnische Willy-Brandt-Zentrum im niederschlesischen Breslau: Offenbar überlegt die Universitätsleitung, das vor fünf Jahren gegründete Zentrum wieder zu schließen. Wenn das Zentrum weitergeführt werden solle, seien „dringend Reformen nötig“, sagte Rektor Leszek Pacholski dem Tagesspiegel. Er habe aber nicht den Eindruck, dass die deutsche Seite derzeit eine Diskussion über das Zentrum akzeptiere. Die Arbeit der Wissenschaftler sei „zu schlecht“, die Forscher würden sich bei ihrer Arbeit allein auf Schlesien beschränken, kritisierte bereits am Wochenende der Prorektor der Uni laut einem Bericht des „Kölner Stadt-Anzeigers“. In Deutschland stoßen die Überlegungen auf völliges Unverständnis.

Könnten polnisch-deutsche Ressentiments eine Rolle spielen, steht womöglich der Streit um die EU-Verfassung hinter der drohenden Schließung des Zentrums? Die Haltung des Rektorats erinnere ihn durchaus an die des polnischen Präsidenten Lech Kaczynski, sagt Zentrumsdirektor Krzysztof Ruchniewicz – „bei den Deutschen bleiben wir hart“.

Annemarie Franke, deutsche Geschäftsführerin der Stiftung Kreisau für europäische Verständigung, schließt einen feindlichen Reflex des Rektorats aus. „Ich vermute aber, wäre das gesamtpolitische Klima ein anderes, würde sich der Rektor einen solchen Schritt besser überlegen“, sagt Franke. Fachliche Gründe für die Schließung könne es jedenfalls nicht geben. Die Stiftung habe eine sehr fruchtbare Partnerschaft mit der Breslauer Einrichtung, Doktoranden und Mitarbeiter hielten exzellente Vorträge in der Kreisauer Bildungsstätte. Zu den aktuellen Projekten des Zentrums gehören Forschungen zur EU-Verfassung – und über wechselseitige deutsch-polnische Stereotype.

„Ich bin schockiert, dieses Institut kann eine glänzende Bilanz vorweisen“, sagte der Berliner Historiker Heinrich August Winkler gestern. Er war 2004/2005 Kopräsident im Lenkungsausschuss des Instituts, dem wissenschaftlichen Beirat. Das Zentrum sei ein Treffpunkt für polnische und deutsche Wissenschaftler sowie Politiker geworden. „Gerade in der derzeitigen politischen Lage hat das Willy-Brandt-Zentrum eine sehr konstruktive Rolle gespielt“, sagt Winkler. Außerdem hätten Ruchniewicz und seine Kollegen eine ganze Reihe interessanter Doktorarbeiten zu deutsch-polnischen und zu europäischen Themen angeregt, deren Vollendung gefährdet wäre, falls das Zentrum schließen muss. Schwierigkeiten bei der Besetzung von Stellen, die es durchaus gebe, seien in der Aufbauphase normal; tatsächlich habe sich Ruchniewicz stets mit produktiven Gastprofessuren beholfen.

So sieht es auch der Direktor selber. Seine Stelle und die bislang nicht besetzte Politologie-Professur sollen neu ausgeschrieben werden, sagt Ruchniewicz. Als er das Institut vor fünf Jahren mitbegründete, war der Historiker noch nicht habilitiert. Das ist inzwischen geschehen. Problematisch sei allerdings, dass der Rektor der Uni Breslau die Ausschreibung auf Politologen beschränken und damit Ruchniewicz jeder Chance berauben wollte, auf seinem Posten zu bleiben.

„Sehr zufrieden“ mit der Arbeit des Zentrums ist der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD), der es gemeinsam mit der Universität Breslau finanziert, sagt Dorothea Fitterling, die beim DAAD für das Zentrum zuständig ist. Das Willy-Brandt- Zentrum ist eines von 14 Instituten für Deutschland- und Europastudien weltweit – ein Prestigeprojekt für den DAAD und das deutsche Außenministerium. Breslau erhielt den Zuschlag, weil die Universität bei der Ausschreibung unter mehreren polnischen Hochschulen das beste Konzept vorgelegt hatte.

Der DAAD zahlt 250 000 Euro im Jahr für das Zentrum, die gleiche Summe steuert die Uni bei – mit Unterstützung durch das polnische Wissenschaftsministerium in Warschau. Die Unterstützung des DAAD ist eigentlich auf ein Jahrzehnt ausgelegt. Jetzt wurde das Zentrum turnusgemäß nach fünf Jahren von vier Gutachtern aus Polen, Deutschland und Großbritannien evaluiert. Der Bericht der Wissenschaftler ist offenbar Stein des Anstoßes für die Auseinandersetzungen. Das Urteil der Gutachter sei „vernichtend“ gewesen, sagte Breslaus Prorektor.

Dem widerspricht der DAAD: Arbeit und Aufbau des Zentrums seien von den Evaluatoren ausdrücklich „gelobt“ worden, sagt Fitterling. Offensichtlich würde die Unileitung aber einige Passagen zur Weiterentwicklung des Instituts völlig anders interpretieren als die Deutschen. So hätten die Gutachter Hinweise gegeben, wie man das Zentrum und die Unis noch besser verzahnen könne. Diese Passagen seien in ihren Augen „normal“, die Unileitung sehe das anscheinend anders. Der DAAD müsse sich allerdings die Kritik gefallen lassen, dass er nicht rechtzeitig auf das Gutachten reagiert habe. Das Ergebnis liege bereits seit sechs Monaten vor. Gleichwohl hätten der DAAD, das Rektorat der Uni und die Uni noch nicht intensiv über die Evaluation diskutiert.

Spekuliert wird, dass Verteilungskämpfe herrschten und Wissenschaftler aus anderen Bereichen ein Auge auf das Geld geworfen hätten, das die Uni für das Zentrum ausgibt. Rektor Leszek Pacholski war gestern bemüht, die Wogen zu glätten. Grundsätzlich stehe die Uni zum Zentrum, sagte Pacholski. Derzeit gebe es „viele Missverständnisse“, es kursierten „Gerüchte, die so nicht stimmen und völlig übertrieben sind“. Er hoffe, dass man eine Lösung finden werde. Er erinnerte auch an einen Senatsbeschluss vom Juni dieses Jahres, das Zentrum zu erhalten. „Das Letzte, was der Senat will, ist eine Schließung des Instituts“, sagte auch Unisprecherin Malgorzata Porada-Labuda. Es sei „besonders wesentlich für die Arbeit der Universität und sollte nach Ansicht des Senats ein wichtiger Ort der Forschung und des Gedankenaustauschs sein, sichtbar in Polen und in Deutschland“.

Krzysztof Ruchniewicz hofft nun auf neue Gespräche zwischen Universität und DAAD. „Keiner schließt ein solches Institut, das so viel Aufmerksamkeit hat.“ Aus dem DAAD hieß es, Präsident Theodor Berchem habe bereits einen Termin mit dem Rektor der Universität Breslau vereinbart. In dem Gespräch wolle man die Unstimmigkeiten um das Willy-Brandt- Zentrum ausräumen.

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