Deutsche Hochschulen : Kuschelnoten: Eine Eins für alle

Die deutschen Hochschulen vergeben zu viele Höchstnoten, kritisiert der Wissenschaftsrat. Vier von fünf Bachelor-Absolventen erhalten ein "sehr gut" oder "gut" als Abschlussnote. Zwischen den einzelnen Unistandorten gibt es aber oft große Unterschiede.

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Gut beurteilt. Die Noteninflation betrifft vor allem Fächer ohne Staatsexamen.
Gut beurteilt. Die Noteninflation betrifft vor allem Fächer ohne Staatsexamen.Foto: dpa

An den deutschen Hochschulen werden in zu vielen Fächern Höchstnoten vergeben. Das kritisiert der Wissenschaftsrat in einer am Montag in Berlin vorgestellten Veröffentlichung. In den Fächern Biologie und Psychologie etwa erhalten fast alle Absolventen eine der beiden besten Noten. Mit „gut“ oder „sehr gut“ schnitten im Diplom-Studiengang Biologie 98 Prozent und im Diplom-Studiengang Psychologie 97 Prozent ab. Von den Bachelor-Absolventen erreichten 84 Prozent in der Biologie und 95 Prozent in der Psychologie „gut“ oder „sehr gut“.

Der Wissenschaftsrat stützt sich auf eine Sonderauswertung des Statistischen Bundesamtes für das Prüfungsjahr 2010. „Generell setzt sich die Tendenz zur Vergabe besserer Noten im Vergleich zu früheren Jahren weiter fort“, lautet das Fazit. In den Bachelor-Prüfungen, die 2010 ein knappes Drittel der Prüfungen ausmachten, wurde in vier von fünf Fällen die Abschlussnote „sehr gut“ oder „gut“ vergeben. Es bereite dem Wissenschaftsrat Sorge, dass man die Stellen nach dem Komma ansehen müsse, um Genaueres über die Rangfolge zu erkennen, sagte der Vorsitzende Wolfgang Marquardt.

Innerhalb von Fachbereichen genauso wie zwischen den Fächern gibt es allerdings große Unterschiede. So könnten in einem Fach die durchschnittlich vergebenen Abschlussnoten je nach Standort um mehr als eine ganze Note abweichen. In Biologie beispielsweise erhalten Bachelorabsolventen in Marburg im Schnitt eine 1,5, an der HU Berlin dagegen eine 2,3. Insgesamt betrifft die Noteninflation vor allem Nicht-Staatsexamensstudiengänge. Jura dagegen schlägt ins andere Extrem aus. In der ersten juristischen Staatsprüfung schließen nur sieben Prozent mit „sehr gut“ oder „gut“ ab. Die Aussagekraft der Noten werde so „erheblich geschwächt“, sagte Marquardt. Für die Unis entstehe auch deswegen ein Problem, weil in Masterstudiengängen vorwiegend Bachelorabsolventen mit den besten Noten aufgenommen werden.

Bereits 2007 hatte der Wissenschaftsrat kritisiert, dass die Hochschulen das Notenspektrum oft nicht ausschöpfen. Eigentlich hätte man auch erwarten können, dass mit der Studienreform die Noteninflation aufhört. Denn im Bachelor-Master-Bereich sollte nach dem Willen der Politiker die Notenskala voll ausgeschöpft werden. Offensichtlich herrscht im Wissenschaftsrat bis heute Ratlosigkeit, wie man dieser Unsitte begegnen soll. Marquardt sagte, die Politik könne höchstens Druck auf die Unis aufbauen, das Problem aber nicht lösen: „Das können nur die Fachvertreter."

Der Wissenschaftsrat sieht auch in der Rechtswissenschaft einen großen Reformbedarf. Denn immer weitere Bereiche der Gesellschaft würden verrechtlicht, wie Medien, Technik und Wirtschaft. Traditionell sei das Jurastudium an den Unis auf das Richteramt ausgerichtet, was aber nicht mehr ausreiche.

Jetzt müssten Fakultäten Konzepte für eine umfassend verstandene „Juristische Bildung“ entwickeln und in Kleingruppen mehr „reflexives Lernen“ ermöglichen. Der Wissenschaftsrat begrüßt, dass inzwischen 16 Prozent der Studierenden in einem Jura-Studiengang mit einem Bachelor- oder Masterabschluss eingeschrieben sind und sich auch Fach- und Privathochschulen mit Studiengängen zum Wirtschaftsrecht hervortun. Das Studienangebot müsse weiter diversifiziert werden.

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