Deutscher Historikerpreis : Soziales Gewissen der Geschichte

Der Vater der deutschen Sozialgeschichte, Gerhard A. Ritter, wird diese Jahr mit dem deutschen Historikerpreis geehrt. Er erhält die Auszeichnung für sein Lebenswerk.

Amory Burchard
Gerhard A. Ritter
Foto: dpa

Ein politischer Professor wollte Gerhard A. Ritter nie sein. 1968, auf dem Höhepunkt der Studentenunruhen, lehnte er den Ruf auf den Lehrstuhl seines akademischen Lehrers Ernst Fraenkel ans Otto-Suhr-Institut der Freien Universität ab. Zu unruhige Zeiten für jemanden, der „forschen, arbeiten und Schüler haben“ wollte. Gerhard A. Ritter hatte die Freie Universität, an der er seit 1962 bereits einen Politologie-Lehrstuhl innehatte, 1965 verlassen, um eine Geschichts-Professur in Münster anzutreten.

Ritter wurde ein politisch denkender Historiker – und Vater der deutschen Sozialgeschichte. Jetzt erhält der heute 78-Jährige den deutschen Historikerpreis. Der vom Historischen Kolleg in München verliehene und mit 30 000 Euro dotierte Preis wird ihm am 9. November an der Bayerischen Akademie der Wissenschaften vom Bundespräsidenten überreicht.

Honoriert wird Ritters Lebenswerk – insbesondere sein Meisterwerk über die sozialen und gesellschaftlichen Folgen der deutschen Wiedervereinigung. „Der Preis der deutschen Einheit. Die Wiedervereinigung und die Krise des Sozialstaats“, 2006 bei C.H. Beck erschienen, ist die hochaktuelle Chronik eines Auslaufmodells, die sich aus Ritters Sicht tagtäglich weiterschreibt. „Es gab diese großen historischen Brüche von 1918, 1933, 1945 und 1990, aber der Sozialstaat läuft noch immer auf der Schiene, die Bismarck gelegt hat“, sagt Ritter heute. Dass unser Sozialsystem so stark an die Erwerbstätigkeit gekoppelt ist, mache Deutschland weltweit zu einem Einzelfall. Dazu die Alterung der Gesellschaft: Der Nachwuchs muss schneller in den Job, Ältere müssen deutlich länger arbeiten, Migranten als Potenzial erkannt werden. „Vor allem aber muss die Erwerbsquote von Frauen um mindestens 20 Prozent gesteigert werden.“ Ritter sprudelt vor Analysen und Ideen, die er als regelmäßiger Gast etwa im Wissenschaftszentrum Berlin (WZB) einbringt.

Berlin ging Ritter 1965 für mehr als drei Jahrzehnte verloren, erst seit 2001 lebt er wieder in der Stadt. Ritter ist Urberliner, stammt aus einer Dynastie von Bierfahrern, Schustern und pommerschen Dienstmädchen und wuchs als Sohn eines Kleinverlegers am Savignyplatz in Charlottenburg auf. Nachdem er fast den gesamten Krieg in Berlin verbracht hatte, studierte er zunächst in Tübingen und Oxford, promovierte dann an der eben gegründeten Freien Universität. Von seiner Professur in Münster wechselte er auf einen Lehrstuhl an der Ludwig-Maximilians-Universität München – und blieb dort bis zu seiner Emeritierung 1994.

Nach der Wiedervereinigung war er allerdings als Experte in seine Heimatstadt geeilt. An der Humboldt-Uni initiierte er 1991/92 den Neuaufbau der Geschichtswissenschaft. Ritter forscht und arbeitet bis heute – und er hatte Schüler, darunter die „erste Berliner Generation“ mit seinen Doktoranden von der Freien Universität Jürgen Kocka, Karin Hausen, Hartmut Kälble und Hans-Jürgen Puhle. Von der heute jungen Historikergeneration wünscht sich Ritter mehr Interesse für Interessengruppen, Parteien und Parlamentarismus. „Man kann gerade aus historischer Sicht zu vielen aktuellen Dingen etwas sagen“, sagt Ritter.

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