Deutscher Krebskongress 2016 : Nicht erst ganz am Ende

Unheilbar Krebskranke müssen wissen, woran sie sind. Das hilft, Leiden zu lindern und die begrenzte Lebensspanne besser zu planen.

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Belastende Behandlung. Chemotherapie kann Krebs in Schach halten – aber am Lebensende ist sie meist nicht mehr hilfreich.
Belastende Behandlung. Chemotherapie kann Krebs in Schach halten – aber am Lebensende ist sie meist nicht mehr hilfreich.Foto: Alamy

Der 32. Deutsche Krebskongress im City Cube Berlin steht im Zeichen des Buchstabens P. Die Krebsmedizin will präventiv, personalisiert, präzise und partizipativ sein. Sie soll Erkrankungen und Rückfälle möglichst verhindern, sie wenn nötig aber individueller und zielgerichteter als früher behandeln und die Patienten in die Entscheidungen einbeziehen. Die Hoffnung auf eine personalisierte Behandlung stützt sich dabei auf neue Nachweismethoden. „Das genetische Profil eines jeden Tumors ist einzigartig und kann wertvolle Hinweise bei der Auswahl der richtigen Therapie liefern“, sagte die Kongresspräsidentin Angelika Eggert, Kinderkrebsspezialistin an der Berliner Charité, bei der Eröffnungsveranstaltung.

Doch der Weg von der genauen Charakterisierung der Gene und Eiweiße des einzelnen Tumors bis zum nebenwirkungsarmen Medikament ist weit, wie Kongress-Vizepräsident Ulrich Keilholz, Direktor des Charité-Krebszentrums, zu bedenken gab. Jedes Jahr sterben in Deutschland rund 200 000 Menschen an ihrem Krebsleiden. Auch wenn viele Tumorerkrankungen heute jahrelang in Schach gehalten werden können und damit fast zur chronischen Krankheit werden. Wäre die P4-Medizin nicht schon ein eingeführter Begriff, dann hätte die Kongresspräsidentin Eggert sich deshalb ein fünftes P für ihr Kongress-Motto gewünscht: P wie palliativ.

Die palliative Phase kann lange dauern

Im engeren Sinn meint der Ausdruck Palliativmedizin die Behandlung und Pflege am Lebensende, wenn eine Krankheit (das muss nicht Krebs sein) zum Tode führt. In einem weiteren Sinn gebrauchen Ärzte es jedoch auch, wenn eine Behandlung keine Aussicht auf Heilung mehr bietet. Wird Krebs erst erkannt, wenn er schon gestreut hat, dann kann das von Anfang an so sein. In anderen Fällen muss die Hoffnung auf Heilung aufgegeben werden, nachdem es zum Rückfall gekommen ist oder Fernmetastasen entdeckt wurden. Sich operieren und bestrahlen zu lassen, zellgiftige Chemotherapien mitzumachen und neuartige andere Medikamente zu nehmen, kann auch dann noch sinnvoll sein: um Lebenszeit zu gewinnen und um Beschwerden zu lindern.

Durch die veränderten Therapien dehnt sich heute die palliative Phase oft sehr lange aus“, sagte die beim Kongress mit einem Preis ausgezeichnete Psychoonkologin Anja Mehnert von der Universität Leipzig. Einerseits eine gute Nachricht. Eine große Befragung durch ihre Arbeitsgruppe zeigte aber, dass die Behandlungen ihren Preis haben, und das nicht nur ökonomisch. 52 Prozent der Patienten beschreiben sich als körperlich und psychisch stark belastet. „Die Behandlungen muten den Patienten etwas zu, und Verfahren, die das Leben verlängern, können Schaden zufügen“, kommentierte Mehnert.

Patienten laufen Gefahr, die Chance auf ein besseres Sterben zu verpassen

Birgitt van Oorschot, Strahlentherapeutin im Uniklinikum Würzburg, nannte Kriterien, an denen sich der Schaden bemessen lässt. Die unheilbar Kranken leiden nicht nur an Nebenwirkungen, sie machen sich zudem möglicherweise falsche Hoffnungen. „Sie könnten dadurch die Chancen auf ein besseres Sterben verpassen“, gab van Oorschot zu bedenken.

Klarheit über die Prognose ist wichtig, um für die begrenzte Lebensspanne besser zu planen. „Krebspatienten wollen offene und ehrliche Kommunikation, sie wollen Informationen über ihre Lebenserwartung“, sagte Gary Rodin von der Universität Toronto. Mit dem Wissen Tag für Tag zu leben ist allerdings eher schwieriger geworden. „Die Menschen leben länger mit ihrer unheilbaren Krebs-Krankheit und haben deshalb mehr Zeit, an die Gefahren zu denken, das kann zu starker Demoralisierung führen“, sagte Mehnert.

„Wir wissen erstaunlich wenig darüber, wie es Patienten geht, wenn sie die Diagnose ‚unheilbar' bekommen“, sagte der Palliativmediziner Bernd Alt-Epping von der Uni Göttingen. Er und seine Kollegen starteten deshalb ein Projekt, in dem sie 22 Menschen mit unheilbaren Tumorerkrankungen im Bereich von Kopf und Hals befragten. Die Gruppe von Krebskranken also, die einer Studie der Uni Freiburg zufolge von allen am meisten belastet ist. Die Zwischenauswertung bestätigte das, sie zeigte jedoch zugleich, dass die Beschwerden sehr verschieden sind. Echte personalisierte Medizin ist in dieser Situation also besonders wichtig. „Wenn ich kränker werde, brauche ich mehr Unterstützung von meinem Onkologen, nicht weniger“, sagte ein Patient in der Studie.

Das Ziel sollte sein, Schmerz und andere Symptome zu lindern

Mehr Unterstützung, das heißt allerdings nicht: mehr Medikamente. Die Leitlinie Palliativmedizin für Patienten mit unheilbaren Krebserkrankungen hält fest, welche therapeutischen Maßnahmen sinnvoll sind. Derzeit beschäftigt sich eine Arbeitsgemeinschaft der Deutschen Krebsgesellschaft damit, daraus fünf Negativempfehlungen abzuleiten, wie Oorschot berichtete. So sollen Therapien, die sich gezielt gegen den Krebs richten, in den letzten Lebenstagen nicht mehr stattfinden. Sofern sie nicht den Schmerz und andere Symptome bekämpfen, braucht der Patient in der Sterbephase auch andere Medikamente von früher nicht mehr. Eine Studie aus dem Jahr 2012 ergab allerdings, dass 16 Prozent der Krebspatienten noch in den letzten beiden Lebenswochen eine Chemotherapie bekamen.

Jennifer Temel vom Massachusetts General Hospital in Boston belegte, dass es sinnvoller ist, früh über lindernde Behandlungen zu sprechen. Diejenigen unheilbaren Lungenkrebs-Patienten, die der Gruppe zugeteilt waren, in der Palliativmediziner fest in die Behandlung eingebunden waren, bekamen in ihrer letzten Lebensphase nicht nur weniger Chemotherapien. Sie verfassten auch häufiger eine Patientenverfügung, waren weniger depressiv und schätzten ihre Lebensqualität besser ein. Und sie lebten fast drei Monate länger.

- Anlässlich des Krebskongresses findet der 7. Krebsaktionstag am Samstag, 27. Februar, von 9 bis 17 Uhr im City Cube Berlin, Messedamm 22, 14055 Berlin statt. Informationen unter www.krebsaktionstag.de

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