Diabetes : Außer Kontrolle

Nicht immer ist es sinnvoll, wenn Diabetiker ihren Blutzuckerspiegel selbst messen.

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Mach's selbst. Für insulinpflichtige Diabetiker ist die Messung unentbehrlich. -Foto: ddp

Wegen seiner kritischen Stellungnahmen liegt das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) in regelmäßigen Abständen mit medizinischen Fachgesellschaften im Clinch. Besonders sauer stießen den Fachleuten dabei mehrmals die Berichte des Kölner Instituts zur Zuckerkrankheit auf. So ist es auch mit dem Abschlussbericht zur Frage der Blutzuckerselbstmessung, der vor kurzem erschien.

Das IQWiG hat dafür im Auftrag des Gemeinsamen Bundesausschusses der Ärzte und Krankenkassen (G-BA) nach Studien gefahndet, die Auskunft darüber geben, was es bringt, wenn Diabetiker vom Typ II („Alterszucker“), die sich kein Insulin spritzen müssen, regelmäßig selbst zu Hause mit kleinen Teststreifen ihr Blut oder ihren Urin auf den Zuckergehalt messen. Das Institut kommt nach der Auswertung der einzigen fünf Studien, die strengen Qualitätskriterien genügen, zum Schluss, dass derzeit Belege für den Nutzen der Selbstmessung fehlen.

Für die Messung mit Urinteststreifen mangelt es gänzlich an triftigen Belegen. Was den Selbsttest des Zuckerwerts im Blut betrifft, so monieren die Autoren des IQWiG-Berichts, dass die Datenlage es bisher nicht hergibt, seinen Nutzen an wirklich harten Kriterien festzumachen. So belegen die vorliegenden Studien nicht, dass das regelmäßige Selbstmessen des Zuckers sich mit einem längeren Leben und weniger Spätschäden an Niere und Gefäßen bezahlt macht. Dabei sind das die eigentlichen Ziele, denen es dienen sollte.

Um den Nachweis zu erbringen, dass sie erreicht werden, sind die Studien jedoch nicht lang genug gelaufen. Dafür zeigte sich, dass der Zuckerwert, der beim Arzt gemessen werden muss und der allen Diabetikern als HbA1c bekannt ist, bei den regelmäßigen Selbsttestern etwas niedriger lag. HbA1c ist eine Form des roten Blutfarbstoffs, an den Traubenzucker (Glukose) gebunden ist. Sein Anteil am gesamten Hämoglobin sollte bei höchstens sieben Prozent liegen.

Im Durchschnitt war der Wert bei den Selbstmessern nach einem halben bis einem Jahr nur um einen Viertel Prozentpunkt niedriger. Bei den meisten Patienten ist das Ziel jedoch, ihn um ein bis zwei Prozentpunkte zu senken. Das IQWiG erkennt zwar an, dass die Blutzucker-Selbstmessung die Patienten dabei unterstützt, durch Verhaltensänderungen ihre Zuckerwerte zu senken. Die geringfügige Absenkung, die damit erreicht werde, sei aber nicht bedeutsam. Anders als bei den Zuckerkranken, die sich Insulin spritzen müssen, sei der Selbsttest deshalb bei Diabetikern, die ihren Zucker mit Lebensstiländerungen und Tabletten in Schach halten können, überflüssig.

Kritiker des jetzt erschienenen Berichts weisen darauf hin, dass in internationalen Empfehlungen anderes zu lesen sei. So ist die Internationale Diabetes-Stiftung IDF der Meinung, die Selbstmessung sei in speziellen Situationen nützlich – wenn sie in ein Gesamtkonzept integriert ist. Ähnlich urteilte das britische National Institute for Clinical Excellence im Jahr 2002. „Deutschland steht nun in dieser Frage isoliert da“, sagt der Diabetesexperte Oliver Schnell, Vorstand des Instituts für Diabetesforschung in München.

Schnell verweist auf eine laufende Studie, an der 522 Diabetiker ohne Insulinbehandlung teilnehmen. Zwischenergebnisse zeigten demnach, dass die Diabetiker, die nach einem ausgeklügelten Plan in Abständen Tagesprofile ihres Blutzuckers erheben, ihren HbA1c-Wert um 0,35 Prozentpunkte mehr absenken können als die Teilnehmer aus der Kontrollgruppe. Diese Studie wird von der Firma Roche gesponsert, die zu den Anbietern von Blutzuckerselbsttests gehört. Auch die Richtlinie der IDF ist unter Mitwirkung mehrerer Herstellerfirmen entstanden.

In diesem Papier wird allerdings der Einsatz der Messgeräte für zu Hause nur empfohlen, wenn die Rahmenbedingungen dafür stimmen: Der Arzt muss sich für die gemessenen Werte interessieren und mit seinem Patienten darüber sprechen, der Patient wiederum sollte sie aufzeichnen oder speichern können, und er sollte durch spezielle Diabetes-Schulungen so viel über Diät und Bewegung wissen, dass er die Messwerte zu seinem Verhalten in Beziehung setzen kann.

Dass die Kasse „einfach so“ und in großem Maßstab Messgeräte und Teststreifen bezahlt, bringt nichts, darin sind sich inzwischen alle Experten einig. Hier habe es einigen Wildwuchs gegeben, gibt Schnell zu. Ihm würde es reichen, wenn Diabetiker ohne Insulinbehandlung an drei Tagen im Monat die Möglichkeit behielten, ihren Blutzucker mehrmals täglich zu messen.

Wichtig sei das, wenn ein Diabetiker eine Infektionskrankheit durchmacht und sein Stoffwechsel aus dem Gleichgewicht gerät – vor allem, um Unterzuckerungen zu vermeiden. Oder zu Beginn der Erkrankung, wenn es darum geht, ein Gefühl für die Zuckerwerte zu bekommen. In den meisten Fällen ist das wichtigste Messinstrument dafür allerdings die Waage, denn mit dem Gewicht purzeln auch die Zuckerwerte. „Wenn die Werte stabil sind, kann man auch ganz gut ohne Blutzuckerselbstkontrolle leben“, sagt selbst Schnell.

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