Diabetes : Gene, Gehen und Genuss

Wie lässt sich das Diabetes-Risiko senken? Auf einer Tagung in Potsdam diskutierten Experten, wie man dem "Alterszucker" in jungen Jahren vorbeugen kann.

Adelheid Müller-Lissner

Wo man mit dem Auto zum Einkaufen fährt, da nimmt auch Diabetes zu. Eine solche Entwicklung konnte eine Studie aus Japan anhand der Daten aus der Kleinstadt Okinawa nachweisen. Nicht erstaunlich also, dass der „Altersdiabetes“ (Typ-2-Diabetes) auch bei uns zunimmt.

Wie entsteht Diabetes, welche Risiken begünstigen ihn? Eine der spannendsten Fragen ist die nach dem Zusammenwirken von Genen und Lebensstil. In den letzten Jahren wurde eine Reihe von Genen gefunden, die das Risiko erhöhen, zuckerkrank zu werden. Darüber debattierten Fachleute kürzlich bei einer Tagung am Deutschen Institut für Ernährungsforschung (Dife) in Potsdam-Rehbrücke.

Kurz vor der Tagung konnten Wissenschaftler des Instituts in der Fachzeitschrift „Diabetes Care“ ihren Beitrag dazu publizieren: Anhand der Daten der fast 3000 Teilnehmer aus der Region Berlin-Brandenburg umfassenden „Epic“-Bevölkerungsstudie und einer etwas kleineren Studie zum Metabolischen Syndrom zeigen sie, dass eine Variante des Gens KCNJ11 das Risiko für die Entwicklung eines Typ-2-Diabetes um bis zu 25 Prozent erhöht. Trotz dieser Erkenntnisse könne man heute mit Gentests sein persönliches Risiko noch nicht präziser bestimmen als mit der Ermittlung der klassischen Risikofaktoren, sagte Dife-Direktor Hans-Georg Joost. Neben Übergewicht gehören dazu vor allem Diabetes in der engeren Verwandtschaft und geringe körperliche Aktivität, aber auch hoher Blutdruck und einige Blutwerte.

Ist das Risiko erhöht, dann setzen viele auf Nahrungsergänzungsmittel, die speziell für Diabetiker aktiv beworben werden: Vitamine, Omega-3-Fettsäuren, Zink, Extrakte aus Zimt und Bockshornklee, Magnesium oder Selen. Die wenigen Studien, in denen sie tatsächlich unter kontrollierten Bedingungen an Menschen und nicht nur im Labor getestet wurden, verliefen jedoch enttäuschend, wie Hannelore Daniel von der Technischen Universität TU München berichtete. „Für Selen wurde sogar beobachtet, dass eine mehrjährige Einnahme das Diabetes-Risiko möglicherweise erhöht.“

Ganz anders sieht es mit den Ergebnissen zu Ernährungs- und Bewegungsprogrammen aus: die Diabetes-Präventions- Studie aus Finnland oder das US-amerikanische Präventionsprogramm zeigen, dass man damit bei gefährdeten Personen das Risiko, dass die Erkrankung innerhalb der nächsten zwei Jahre ausbricht, halbieren kann.

Dazu kommt jedoch auch ein Problem, das bei der globalen Betrachtung der Statistik leicht untergeht: Ernährungsumstellung und Bewegungsprogramme nützen nicht allen Gefährdeten gleichermaßen. Etwa 30 Prozent der Betroffenen reagieren nicht mit der erstrebten Normalisierung des Blutzuckers auf die Lebensstiländerung, bei jedem vierten bis fünften ist die Muskulatur nur eingeschränkt trainierbar, wie Hans-Ulrich Häring von der Uniklinik Tübingen darlegte.

Mit dem Tübinger Lebensstil-Interventions-Programms, an dem 400 Versuchspersonen mit einem erhöhten Diabetes-Risiko teilnehmen, sollen Maßstäbe gewonnen werden, mit denen die Vorbeugung besser gelingt. Verschiedene Substanzen (Biomarker), die aussagefähig sein könnten, haben die Tübinger schon auf der Kandidatenliste. Zu ihnen gehört das vom Fettgewebe ausgeschiedene Hormon Adiponectin.

Menschen, deren Blut viel von dem Hormon enthält, nützen Sport und Diät weniger. Als Biomarker geeignet ist zudem Fetuin-A, ein von der Leber abgegebenes Eiweiß, das die Insulinwirkung hemmt: Ist der Spiegel des Proteins hoch, so weist das darauf hin, dass die Leber Fett eingelagert hat, dass der Körper gegen Insulin unempfindlich geworden ist – und dass die Betroffenen von Lebensstiländerungen weniger als andere profitieren. Auch Erbfaktoren wurden gefunden, die die Chancen dafür schmälern.

Für diese Gruppe könnte es sinnvoll sein, früher Medikamente einzunehmen. Hoffnungsträger sind Verdauungshormone, die nach dem Essen aus dem Darm freigesetzt werden und die Insulinausschüttung stimulieren. Das Glucagon-like-Peptide-1, kurz GLP-1, stimuliert die Ausschüttung von Insulin nur dann, wenn der Blutzuckerspiegel erhöht ist, so dass die gefürchteten Unterzuckerungen entfallen, wie der Diabetes-Spezialist Burkhard Göke vom Münchner Uniklinikum Großhadern berichtete.

Allerdings hält die Wirkung nicht lange vor. Auf der Suche nach einem geeigneteren Stoff wurden die Forscher bei einer Echsenart fündig: Deren Speichel enthält ein Peptid, das ähnlich aufgebaut ist wie das menschliche GLP-1. Inzwischen wird es gentechnisch hergestellt, kann unter die Haut gespritzt werden und ist für Patienten zugelassen, deren Blutzucker anders nicht gut einstellbar ist, die aber möglichst noch ohne Insulin auskommen sollen. Ein wichtiger Nebeneffekt der Wirkstoffe: Sie verzögern die Magenentleerung und wirken Appetit zügelnd. Nicht nur der Blutzuckerspiegel, sondern auch der Patient nimmt ab. 

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben