Wissen : Die Entdeckung der Langsamkeit

Kinder mit Lese- und Schreibproblemen kann durch Training geholfen werden

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Gemeinsam lernen. Kinder mit Leseschwäche brauchen Förderung. Foto: ddp
Gemeinsam lernen. Kinder mit Leseschwäche brauchen Förderung. Foto: ddpFoto: ddp

„Hörst du das denn nicht raus?“, fragt die Mutter, die ihrem Sohn bei der Schreib-Hausaufgabe helfen will, schon etwas ungeduldig. Sie kann sich nicht vorstellen, dass genau das dem Kind schwerfällt: Ein Wort, das es hört, in Laute zu zerlegen und diese Laute den Schriftzeichen zuzuordnen, die es gerade neu kennengelernt hat. Und das zu allem Überfluss auch noch in einem Tempo zu schaffen, bei dem der Sinn des gelesenen Wortes nicht auf der Strecke bleibt.

Etwa drei bis fünf Prozent aller Schüler haben größere Schwierigkeiten beim Lesen oder auch beim richtigen Schreiben von Wörtern. In fast jeder Schulklasse sitzt also ein Kind mit einer Lese-Rechtschreib-Schwäche. Wenn das Kind einen normalen oder überdurchschnittlichen IQ hat und die übrigen Anforderungen des Schulalltags gut meistert, werden diese Schwierigkeiten heute als Teilleistungsschwäche bezeichnet.

Andere Kinder tun sich beim Rechnen besonders schwer und leiden unter der Teilleistungsschwäche Dyskalkulie. „Alle diese Kinder kommen mit einer Veranlagung in die Schule, die es ihnen extrem schwer macht, lesen und schreiben oder auch rechnen zu lernen, so scheitern sie oft, obwohl sie eigentlich gut begabt sind“, sagt Gerd Schulte-Körne, Kinder- und Jugendpsychiater an der Uni München. Schulte-Körnes Forschungsgebiet war ein Schwerpunkt des diesjährigen Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie in Essen.

Die Forscher verorten die Schwäche bei der Spracherkennung als genetische Besonderheit auf Chromosom sechs. Es konnte nachgewiesen werden, dass Kinder mit diesen Entwicklungsstörungen veränderte Hirnfunktionen haben. Wenn man die Betroffenen während der Untersuchung lesen oder rechnen lässt, wird die Mühe, die das die Kinder kostet, im Hirnscan (funktionelle Magnetresonanztomografie, fMRT) als Unter- beziehungsweise Überaktivierung von Regionen der linken Hirnhälfte sichtbar. Die Verbindung zwischen dem Hirnareal, das die optische Form eines geschriebenen Wortes erfasst, und dem für die Verarbeitung von gesprochener Sprache zuständigen Areal ist gestört.

Ist das nun ein pädagogisches, ein psychologisches oder ein medizinisches Problem? „Die schulischen Entwicklungsstörungen werden zu den psychiatrischen Erkrankungen gerechnet, daraus leitet sich für uns eine Verpflichtung ab, die Schule ist also nicht allein zuständig“, hob Schulte-Körne hervor. Gefragt sind Psychiater und Psychologen zunächst beim Feststellen der Teilleistungsstörungen. „Sie vorhersagen zu können ist wichtig, damit betroffene Kinder möglichst früh gefördert werden können“, sagte Silvia Brem vom Universitätsspital in Zürich. In der Schule werde oft Zeit verloren.

Brem berichtete von fMRT-Untersuchungen und der Ableitung ereigniskorrelierter Potenziale (EKP) in der Hirnstromkurve bei Kindergarten- und Grundschulkindern. „In diesen Untersuchungen haben wir gesehen, dass sich bei Kindergartenkindern die Spezialisierung auf Schrift im Gehirn bereits nach kurzem Training entwickelt.“

Die Kinder haben charakteristische Aktivierungsmuster, sobald sie bekannte Buchstaben sehen, nicht aber bei Zeichen ohne Bedeutung. In der zweiten Klasse ist dann zu erkennen, dass schwache Leser auch schwächere Aktivierungsmuster haben. Eine Kombination von Tests und Bildgebung könnte in Zukunft die Vorhersage genauer machen. Im Moment sind solche Verfahren aber in der Praxis noch nicht anwendbar.

Drängender ist ohnehin die Frage, wer dem Kind helfen kann. Derzeit gebe es noch „eine große Diskrepanz zwischen dem bekannten Faktenwissen und dem Wissen der Lehrer“, kritisierte Schulte-Körne. Einer US-Studie zufolge halten 70 Prozent der Lehrer fragwürdige Methoden wie den Einsatz von farbigen Brillen und Folien zur Schulung der visuellen Wahrnehmung für hilfreich. Bisher noch nicht publizierte Daten einer deutschen Studie wiesen in dieselbe Richtung, berichtete der Kinderpsychiater. Vor allem aber kritisierten die Pädagogen oft, dass es ein Kind sich zu wenig anstrenge. „Du musst nur genug üben, dann kannst du es packen“ – solche Sätze seien zwar gut gemeint, aber auch geeignet, ein Kind zu entmutigen.

Die Eltern wiederum werden durch ein großes außerschulisches Hilfsangebot verwirrt. „Der private Fördermarkt ist unübersichtlich, die Preise oft hoch“, berichtete die Legasthenie-Forscherin Elena Ise von der Uni München. Ihre vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderte Analyse von 28 Studien hat ergeben, dass schulische Förderprogramme einiges ausrichten können.

Zunächst kommt es auf die Zusammensetzung der Gruppe an: „Lehrer können Kinder mit Lese-Rechtschreib-Schwäche erfolgreich fördern, die Kinder sollten dafür aber in der Gruppe unter sich sein.“ Lehrer und Eltern sollten zudem nicht auf schnelle Erfolge setzen, denn erst nach 30 Stunden zeigten sich in den Studien nennenswerte Effekte. Nur bei kleineren Kindern ist es sinnvoll, bei den Ursachen anzusetzen und das Hören von Sprache zu trainieren, Ältere haben dagegen nur etwas von gezieltem Training des Lesens und Schreibens. Die gute Nachricht: „Auch ältere Schüler profitieren, es gibt keine hoffnungslosen Fälle.“

Doch im Lauf der Jahre schlägt vielen der Schüler mit einer Teilleistungsschwäche der mangelnde Erfolg aufs Gemüt. Probleme beim Lesen sind frustrierend und nagen am Selbstbewusstsein, weil sie sich auf praktisch alle Fächer auswirken. Fast 40 Prozent der Jugendlichen, die das seit der Einschulung erlebt haben, hätten erhebliche psychische Probleme, berichtete Schulte-Körne.

Bei Teilleistungsstörungen müsse alles getan werden, um „Druck und Tempo rauszunehmen“, fordert Schulte-Körne. Außerdem müsse man die Motivation der Kinder stärken und ihnen praktische Strategien vermitteln, damit sie trotz ihrer persönlichen Schwierigkeiten mit den gestellten Aufgaben zu Rande kommen. „Unser Wunsch ist, dass Kinder den Schulabschluss machen, den sie aufgrund ihrer Fähigkeiten machen können“, fasste Johannes Hebebrand von der Universität Essen das Anliegen der Kinder- und Jugendpsychiater zusammen.

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