Wissen : Die fetten Jahre sind vorbei

Britische Verbraucherschützer haben Döner getestet – und fanden sie zu gehaltvoll. In Deutschland dürfen die Fleischspieße nur 20 Prozent Fett enthalten. Kontrollen sollen das sicherstellen

Adelheid Müller-Lissner

Knackiger Salat, eine erfrischende Joghurtsoße, mageres Rind- oder Schafsfleisch und das alles in einem Brot. Der Döner gilt als eines der gesünderen Fastfood-Gerichte und als mindestens so hauptstadttypisch wie die Currywurst. Geschätzte zwei Millionen Portionen werden in Deutschland täglich verkauft. Seinen Siegeszug trat das Fleischgericht Mitte der siebziger Jahre an, als sich rezessionsbedingt viele Türken in der Gastronomie selbstständig machten.

Auch in Großbritannien ist der Dönerkebab ausgesprochen beliebt. Dort wurden die Kunden allerdings kürzlich durch eine Nachricht beunruhigt, die seinen Ruf als relativ „gesundes“ Fastfood empfindlich treffen könnte: Mitarbeiter des wissenschaftlichen Dienstes der Verwaltung der südenglischen Region Hampshire haben bei Tests herausgefunden, dass viele Döner-Mahlzeiten ausgesprochen fettig ausfallen: Eines der getesteten gefüllten Fladenbrote enthielt unglaubliche 140 Gramm Fett, ein anderes 111 Gramm.

Ein kleines Weinglas voll Fett: Das ist deutlich mehr als der Tagesbedarf eines Erwachsenen, den die britische Food Standards Agency (FSA) wie die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) mit 70 Gramm veranschlagt. Über den optimalen Anteil von Fett in der Ernährung besteht zwar derzeit keinesfalls Einigkeit. Doch alle Kontrahenten der Szene sind sich einig: Er sollte vor allem mit ungesättigten Fettsäuren gedeckt werden, wie sie sich etwa im Olivenöl finden, und durch Omega-3-Fettsäuren, die der Fisch bietet. Für Öl, Nüsse oder Seefisch aber hat man im Speiseplan kaum noch Platz, wenn die Tagesration an Fett schon durch einen einzigen Döner gedeckt ist. Noch dazu lag in den getesteten Dönern der Anteil der Transfette, die vor allem bei der industriellen Härtung von Fetten entstehen und inzwischen unbestritten als besonders bedenklich für Herz und Gefäße gelten, deutlich über der empfohlenen Höchstgrenze von fünf Prozent.

Insgesamt haben die Lebensmitteltester bei dieser Gelegenheit 148 „Take-away“-Spezialitäten aus aller Herren Länder unter die Lupe genommen. „Bei 86 Prozent von ihnen hätte die Ernährungsampel der FSA wegen zu hohen Fettgehalts auf Rot gestanden, 72 Prozent enthielten deutlich zu viel Salz“, sagte eine Sprecherin des Scientific Service. Relativ günstig sah die Fett-und-Salz-Bilanz nur bei den in England beliebten Gerichten vom Chinaimbiss aus.

Ist der Döner also ungesund? Das wäre sicher ein zu pauschaler Schluss. Zwar warnen die englischen Forscher, wer außer dem Döner zu Mittag noch ein klassisches englisches Frühstück und abends Fisch und Chips esse, erhöhe dadurch sein Herzinfarktrisiko deutlich. Dass man seine Gesundheit gefährdet, wenn man sich täglich von Fastfood mit vielen Kalorien ernährt, ist allerdings keine Neuigkeit. „Das spricht aber nicht dagegen, ab und zu mit gutem Gewissen einen Döner zu genießen“, sagt der Ernährungsmediziner Hans Konrad Biesalski von der Universität Hohenheim, der derzeit als Fellow am Wissenschaftskolleg in Berlin forscht. Er fügt jedoch gleich hinzu: „Ob ein Döner, der 140 Gramm Fett enthält, wirklich noch ein Genuss ist, ist die zweite Frage.“

Deutsche Döner-Liebhaber können sich Hoffnung machen, dass Fleisch vom hiesigen Drehspieß sich in der Zusammensetzung von dem unterscheidet, das die Briten testeten. Denn seit 1989 legt die inzwischen bundesweit maßgebliche „Berliner Verkehrsauffassung für das Fleischerzeugnis Dönerkebab“ fest, dass der Name reserviert bleibt für Produkte, die unter 20 Prozent Fett und höchstens 60 Prozent Hackfleisch enthalten und sich aus Fleisch von Kalb, Rind oder Schaf zusammensetzen. Schweinefleisch ist streng verpönt – und nur beim griechischen Gyros vorgesehen. Alle Produkte, die diesen Anforderungen nicht genügen, dürfen allenfalls Fantasienamen wie „Fleisch vom Drehspieß nach Döner Art“ tragen.

Untersuchungen wie die des Hessischen Landeslabors aus dem Jahr 2005 haben allerdings gezeigt, dass immer wieder Fleisch mit zu viel Fett oder von anderen Tierarten in einer Mogelpackung namens „Döner“ landet. Auch das Bayerische Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit hat sich dem beliebten Imbiss mehrfach gewidmet. Im Jahr 2004 zeigten sich bei mehr als der Hälfte von 72 untersuchten Proben aus dem Freistaat Mängel in der Zusammensetzung. Meist sei die Kennzeichnung seitens des Spießherstellers heute korrekt, so heißt es, allerdings übernehmen die Imbissbudenbetreiber sie oft nicht, so dass der Endverbraucher sich in der Illusion wiegt, einen „echten“ Döner zu verspeisen. Nachdem im Jahr 2006 die wenigen eingesandten Verdachtsproben alle Anlass zur Beanstandung gaben, will das bayerische Amt die Döner-Tests in nächster Zeit intensivieren.

Schon heute kann der Konsument dessen Qualität durch die individuelle Zusammenstellung der Zutaten beeinflussen. Ernährungsmediziner Biesalski empfiehlt, beim Döner-Kauf um mehr Salat, Gurken und Tomaten und um weniger Fleisch zu bitten, um einen leichteren Sommergenuss daraus zu machen.

Psychologische Schützenhilfe für eine gelassen-genussvolle Sicht der Drehspießfrage lieferte schon 1995 das Theaterstück „Der letzte Döner“ von der Berliner Autorin Gaby Sikorski, in dem es heißt: „Döner? Wie so vieles auf der Welt: ungesund und unverzichtbar. Zurück bleiben ein Hauch von seinem Duft und leicht erhöhte Blutfettwerte.“

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